20100819

Werner Otto Sirch: Gott ist Liebe

12. Sonntag nach Trinitatis - 21.8.2010

Predigt 1. Johannes 4,7-12
7 Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
10 Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.
12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.



Liebe Gemeinde,
liebe Schwestern und Brüder,

1. Gott ist Liebe

Gott ist Liebe! Höre ich Widerspruch? Höre ich Zweifel, dass das so stimmt? Nein? Dann kann ich ja meine Predigt beenden, wir können unser Predigtlied singen, denn es ist ja alles klar. Nicht ganz, denn wir müssten uns noch darüber unterhalten, ob es für unser Leben Folgen hat wenn es heißt: Gott ist Liebe!

Oft höre ich ganz andere Aussagen über Gott. Er wird als göttliche Macht, als Schicksal umschrieben. Gerechtigkeit, Treue, Weisheit, Zorn werden ihm nachgesagt. Keiner der Propheten, keiner der Boten Gottes hat zu sagen gewagt „Gott ist Gerechtigkeit“ oder gar „Gott ist Zorn“. Aber das wissen wir alle: Gott liebt Gerechtigkeit, Gott zeigt auch Zorn, Gott offenbart seine Macht. Gott ist aber nicht Gerechtigkeit, Gott ist nicht Zorn und auch nicht Macht. Für mich wäre es schrecklich solch einen Gott zu haben: Einen Gott der Gerechtigkeit. Wie sehr haben wir nicht schon unter der Gerechtigkeit der anderen gelitten. Wenn etwas schief gelaufen ist und ein anderer voll inbrünstiger Gerechtigkeit seine Hand in unsere Wunden gelegt hat, ohne Erbarmen, ohne Gnade, ohne Vergebung. Ich habe Schwierigkeiten mit Gerechtigkeitsfanatikern und gehe ihnen lieber aus dem Weg. Vor solch einem Gott der das zum Prinzip macht hätte ich Angst – große Angst.

Einen Gott der Zorn ist, vor dem wäre meine Angst noch viel größer. Es ist schon schlimm genug, wenn Kinder Eltern haben die sehr schnell zum Zorn sind – vielleicht auch jähzornig. Zorn, der jederzeit über sie hereinbrechen kann, schon beim geringsten Fehler. Ein Zorn ohne Gnade, Unbarmherzig, voller Wut. Wenn sich so Gott zeigen würde – schreckliche Welt.

Gott ist Macht, das würde wohl den Umkehrschluss erlauben: Macht ist Gott und damit wäre das Schwache, das Machtlose verdammungswürdig. Ich weiß, dass wir in dieser Welt oft die Macht anbeten, Macht haben wollen, vor Menschen, die sich die Macht genommen haben kuschen und ihnen möglichst zu Diensten sind, damit sie uns wohlgesonnen sind. Wir haben Erfahrungen damit gemacht, wie leicht Macht missbraucht wird zum eigenen Wohl der Mächtigen.

Gott ist Liebe, das sagt uns der Schreiber des 1. Johannesbriefes. Gott ist Liebe, das ist das Wesen Gottes. Das ist sein innerstes Wesen: Gott ist Liebe. Von diesem Wesen wird Gottes Handeln bestimmt – trotz der Rückseite Gottes, die auch Zorn sein kann. Trotzdem, Gottes Wesen ist Liebe. Und ich frage mich, weshalb wir so viel Angst vor diesem Gott haben. Nicht Ehrfurcht, sondern Angst, Misstrauen, Auflehnung.

Gottes Wesen, seine Liebe, hat uns zu seinem Ebenbild geschaffen und es erzürnt Gott, dass wir uns selbst verderben, indem wir an der satanischen Auflehnung gegen ihn teilnehmen. Gott ist Liebe! Diese Aussage findet sich in keiner Philosophie oder Religion der Welt. „Gott ist Liebe“ hat kein Prophet zu sagen gewagt. Gott ist Liebe! Welch eine Aussage.

Gerade ernste und redliche Menschen lehnen sich gegen diesen Satz auf: Gott ist Liebe. Sie können berichten von der Unheimlichkeit und Grausamkeit der Natur, sie wissen um die Not und Qual die viele Menschen leiden müssen. Wenn wir nur an die 10 Millionen Menschen denken, die in Pakistan alles verloren haben, die einen schier aussichtslosen Kampf gegen die Wassermassen erdulden müssen, um wenigstens ihr Leben zu retten. Wasser, Wasser, überall nur Wasser, nichts zu essen, nichts zu trinken, kein Dach über dem Kopf, keine Hilfe in sicht. Gott ist Liebe! Hat er diese Menschen vergessen? Lässt er so an ihnen seinen Zorn aus?
Wenn ich an Massenvernichtung und an namenloses Leiden Unschuldiger denke, kann ich schon zu der Frage kommen: Wer ist dieser Gott? Ist das Geschick dieser Welt wirklich in Gottes Hand? Ist das Geschick dieser Welt in der Hand eines liebenden Gottes?

2. Wer nicht liebt kennt Gott nicht

Gottes Liebe ist nicht überall leicht zu sehen. Um Gott sehen zu können, muss erst bei mir etwas passiert sein. Wer nicht liebt, kennt Gott nicht. Der große Theologe Adolf Schlatter schreibt hierzu: „Was wir über Gott sagen und denken, nimmt notwendig unsere eigene Farbe an, und das ist eine falsche Farbe, die ihn entstellt und unsere Gedanken über ihn unwahr macht, ehe wir zur Liebe bewogen und aus der Einsperrung in unser hohles, eigenes ich befreit worden sind. Wer in seiner leeren, nichtigen Selbstsucht eingeschlossen ist, denkt sich auch die Welt hohl als eine leere Blase, die aus sich selbst entstanden sei; oder wenn er Gott neben die Welt hinstellt, so macht er ihn so geistlos, zwecklos, tot, leer und hart wie sich selbst. Er macht sich eine Welt und einen Gott, wie sie seine Selbstsucht nicht stören, sondern ihr dienlich sind, und ist darum auch gegen alle Zeugnisse, durch die Gottes Gnade zu uns redet und unter uns wirkt, blind.“

„Ehe wir zur Liebe bewogen und aus der Einsperrung in unser Hohles, eigenes Ich befreit worden sind,“ schreibt Schlatter. Aber wie gerade geschieht diese Befreiung? Und wenn der Satz „Gott ist Liebe“ unserer natürlichen Erfahrung zu widersprechen scheint, wo und wie erkennen wir dann diese Liebe?

3. Wie erkennen wir Gottes Liebe?

Johannes gibt uns eine klare Antwort. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
Gott schenkt uns. Gott gibt uns. Nicht irgendwohin, sondern ganz konkret in unsere Menschheitsgeschichte, in eine geschichtliche Zeit hinein. Durch die Geburt seines Sohnes hat er seine Liebe zu uns sichtbar gemacht. Gottes Liebe wird zur Tat.

Liebe ist tun. Im heutigen Evangelium (Lk 10, 25-37), das wir vor dem Glaubensbekenntnis gehört haben, geht es konkret zur Sache. Der unter die Räuber gefallene, halbtot am Straßenrand liegend, erfährt Gottes Liebe nicht durch die, die zum Tempel eilen, um Gott in Reinheit im Tempel zu dienen. Sie lassen ihn liegen um nicht kultisch unrein zu werden. Der unter die Räuber gefallen war erlebt die Liebe Gottes durch den, der sich um ihn kümmert, ihn versorgt und pflegen lässt. Liebe ist Tun: „Tu dergleichen!“ ist die Antwort Jesu.

Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht. Ich könnte es auch anders sagen.: Wer nicht liebt, dessen Gotteslehre ist falsch. Es ist ganz im Sinne des Alten Testamentes, dass wir Gott lieben und uns entsprechend verhalten. Häufig können wir im Alten Testament lesen: „Die Gott lieben und seine Gebote halten“ oder „die Gott lieben und ihm dienen“. Ganz konkret heißt das, dass unsere Liebe zu Gott auf die Geschwister achtet und nicht von ihnen wegsieht – wie wir das vorhin in der Geschichte vom barmherzigen Samariter gehört haben. Daran, an unserem Hinsehen, können wir Gottes Liebe erkennen. Gott ist Liebe in Aktion.

4. Gott ist Liebe in Aktion

Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

Gottes Liebe erkennt man am Geben. Gott schenkt uns das Beste und Liebste – seinen Sohn – den einzigen. Er hat seinen Sohn, der mit ihm schon vor der Schöpfung dieser Welt war, in unsere Welt entsandt. In diese Menschenwelt, welche die Welt der Feindschaft gegen Gott ist und darum die Welt der Sünde und des Todes. Er weiß was wir mit seinem Sohn tun werden, sah vor sich das Ende des Geliebten am Kreuz. Gott ist Liebe! Und in dieser Liebe sendet er seinen Sohn trotzdem, legt ihm dieses Ende auf zu unserer Errettung, die auf keine andere Weise gewirkt werden konnte. Er macht den Sündlosen zur Sünde und den Heiligen zum Fluch, um uns vom Fluch zu befreien.

Warum tut Gott das? Er tut es nicht, weil er damit etwas für sich gewinnen will. Er tut es, damit wir das Leben gewinnen, wir, seine Feinde und Verächter, wir, die in seinem gerechten Gericht Verurteilten und Verlorenen. Gott tut es aus Liebe zu uns.

Worin besteht nun die Liebe Gottes? Die Liebe besteht darin, dass er uns geliebt hat, bevor wir ihn geliebt haben und seinen Sohn zu uns als Sühnemittel für unsere Sünden gesandt hat. Nicht wir haben Gott geliebt, nicht wir haben das große Gebot der Liebe zu Gott erfüllt. Unser Wesen lebt in Eigensucht und Lieblosigkeit die uns von Gott trennen, weil sein Wesen Liebe ist. Aber weil Gott Liebe ist, tut er das Unerhörte, dass er uns Lieblose liebt.

5. Schuldig einander zu lieben

Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Wer sich von Gott geliebt weiß, der kann nicht anders, als andere zu lieben. Er hat die Liebe Gottes in seinem leben erfahren dürfen, seine tragende, vergebende und zurechthelfende Liebe. Darum ist es keine besondere Leistung, wenn wir auch so lieben. Dafür verdienen wir kein besonderes Lob. Wir schulden dem anderen diese tragende, vergebende und zurechthelfende Liebe. Ich weiß, wie oft wir daran scheitern. Wir können Gott aber um diese Liebe bitten, dass er unser Herz damit voll macht.

Gott ist Liebe. Wie könnten wir, die wir solch einen Gott haben etwas anderes sein wollen, als liebende Menschen zu sein? Lasst uns auf die Liebe Gottes antworten, indem wir ihm und unseren Nächsten all unsere Liebe schenken. Amen.

20100804

Werner Otto Sirch: Gerechtigkeit, die dem Glauben zugerechnet wird

1.8.2010 - 9. Sonntag nach Trinitatis

Predigt Philipper 3, 7-14

Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder,

Stephanie, 17 Jahre alt, hat folgende Zeilen geschrieben:
Lieber Gott, ich rede dich mal an, obwohl ich nicht weiß, ob es dich überhaupt gibt. Aber wenn du existierst, müsstest du lieb sein. Denn wie hätte ich mich sonst mein ganzes Leben lang nach dir sehnen können? Meine Eltern haben mir freigestellt, an dich zu glauben, aber sie haben mir nicht dabei geholfen. Ich sollte das einmal selbst entscheiden, wenn ich groß bin, haben sie gesagt. ...
Als ich aufs Gymnasium kam, wurden die anderen alle nach und nach zum Konfirmandenunterricht angemeldet, meine beste Freundin auch. Die machte mir Mut und so ging ich hin. ...
Dass ich nicht getauft war, störte niemanden. Das könne man kurz vor der Konfirmation nachholen, sagte der Pastor. Es war ganz nett im Konfirmandenunterricht, aber längst nicht so aufregend, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte. Von Gott war nicht die Rede, dafür aber von Drogen, Asyl und verschiedenen Evangelienschriften, die sich widersprechen. Dann kam das Thema Konfirmation dran. Der Pastor erklärte uns, als Konfirmierte seien wir dann für unseren Glauben an Gott selbst verantwortlich. Ich traute mich nicht zu fragen, wie ich das "Glauben an Gott" lernen könnte. Ich blieb einfach weg, wurde nicht getauft und nicht konfirmiert. ... Doch meine Sehnsucht blieb, ich weiß nur nicht genau, wonach ich mich eigentlich sehne. Manchmal stelle ich mir vor, es müsste einen großen Knall geben, und dann bist du da, lieber Gott.


Es rührt mich an, die Glaubensgeschichte, der Stephanie. Ihre Sehnsucht nach Gott. Den Glauben an Gott lernen wollen. Und da ist niemand, der sie an die Hand nimmt: Die Eltern nicht und der Pfarrer im Konfirmandenunterricht auch nicht. Dann der Ausstieg, die Sehnsucht die bleibt, das Warten auf den großen Knall.

Paulus hat den großen Knall erlebt. Damals auf dem Weg nach Damaskus, als er voller Überzeugung unterwegs war Gott einen Dienst, einen Gefallen zu tun, wenn er Ordnung schafft. Darum schleppte er die Sektierer, die Christen, vor den Hohen Rat in Jerusalem und ließ sie anklagen. Dann aber das Licht, der Sturz vom Pferd, die Stimme: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich!“ Nichts war mehr so wie es vorher war.

Später schreibt Paulus rückblickend im Brief an die Philipper im 3. Kapitel:
7 Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwenglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. 10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.


1. Bilanzierung
Paulus zieht Bilanz. Er macht eine Gewinn- und Verlustrechnung auf. Soll und haben wird aufgeschlüsselt und das Saldo daraus gezogen. Jeder Geschäftsmann, jeder selbständiger Kaufmann oder Handwerker wird so eine Bilanzierung durchführen, um sein Geschäft erfolgreich führen zu können. Bilanzierung ist Teil seiner ökonomischen Existenz. Der Scanner, der den Strichcode an der Ware abliest, erlaubt computergesteuert, die tägliche Überprüfung des Saldos. Er gibt den Gewinn aus und zeigt unrentable – und damit Verlust signalisierende – Ladenhüter an.

Auch in unserem persönlichen Leben kennen wir solche Bilanzen. Das Nachdenken über unsere Beziehungen und unsere Lebensentwürfe – Gewinn und Verlust.

Bilanz in den Beziehungen und oft genug das Ergebnis: „Alles ist eingefahren. Ich weiß schon im voraus wie der andere reagiert. Ich kenne ihn durch und durch. Ich will aber mehr vom Leben.“

Bilanz in den Lebensentwürfen: Wir kennen sie vor allem in der Midlife-crisis und das kann sich dann so anhören: „Was ich wollte habe ich erreicht. Finanziell bin ich gesichert. Die Kinder sind groß, selbständig. Das Haus schuldenfrei. Ich bin im Beruf erfolgreich. Soll das jetzt alles sein? Der Gedanke, ich habe alles erreicht ist mir unerträglich. Was nach außen wie Erfolg aussieht, lässt mich innerlich kalt. Langweilt mich. Ich will wirklich leben.“

Andere erleben ihre persönliche Bilanz als Selbstverurteilung, als gnadenlose Gewinn- und Verlust-Rechnung, mit etwa folgendem Inhalt: „In meinen Beziehungen scheitere ich immer wieder. Meine Ehe ging in die Brüche, die anderen Beziehungen geben mir nicht was ich brauche. Mir misslingt alles. Im Beruf bin ich nicht weitergekommen. Dauernd Geldsorgen. Ich gehöre zu den Verlierern. Was will ich noch vom Leben?“

Mancher hat nach einer solch ganz persönlichen Bilanzierung Konkurs angemeldet, vor sich und vor Gott. Er hat erschrocken festgestellt, dass sein Leben so nicht weitergehen kann.

Bilanzen brauchen Wertmaßstäbe, die für alle verbindlich sind. Wir haben sie in unserer Gesellschaft weitgehend verloren. Es gibt unter uns keine allgemein gültige Norm mehr, auf die man sich so ohne weiteres verständigen könnte. Am ehesten können wir uns im Streben nach möglichst hohem Gewinn in allen Gebieten unseres Lebens treffen. Negative Folge: Je weiter unsere „Gewinn“-Erwartung und die Realität auseinanderklaffen, desto negativer erscheint die Bilanz unseres Lebens.

2. Wertesystem
Die Bilanz, die Paulus zieht, führt zu einer radikalen Veränderung seiner Einstellung zum Leben. Er begegnet einem neuen Wertesystem, das er in der Begegnung mit dem auferstandenen Christus kennengelernt hat. Vor dieser Begegnung war er Jude, Pharisäer aus dem Stamm Benjamin, der mit besonderem Eifer für die väterlichen Überlieferungen eintrat. Er führte sein Leben als beschnittener Jude und Eiferer für das Gesetz. Hier finden wir den Grund weshalb er die Christengemeinden heftig verfolgte. Nach den Bestimmungen des Gesetzes war dies untadelig und gerecht.

Die Begegnung mit Jesus veränderte sein Leben grundlegend. Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Alle bisherigen Werte haben sich für ihn als Nachteil, als Schaden erwiesen. Durch die Begegnung mit dem Auferstandenen Christus ist ihm gewiss geworden, dass Gott Gerechtigkeit nicht durch Leistung , sondern durch den Glauben an Christus zuspricht.

3. Erkenntnis Christi
Neben der Begegnung mit dem für ihn neuen Wertesystem ist die „Erkenntnis Christi“ für Paulus das zweite Thema. „Menschen können nicht wirklich zuverlässig miteinander verbunden sein, wenn sie Gott nicht kennen. Ist keine Liebe und Treue da, dann ist ganz gewiss kein Wissen um Gott da“ . So formuliert es Hans W. Wolff in seinem Buch „Die Hochzeit mit der Hure“, wo es um das Leben des Propheten Hosea geht. Gott wird erkannt, wenn der Mensch seine Gebote hält, aber auch in der Geschichte mit seinem Volk Israel und der Menschheit. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwenglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde. Paulus konnte, wenn man ihm die Gebote vorhielt, mit dem reichen Jüngling sagen: „Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“ Dass er Jesus erkennen durfte, das ist für ihn das Höchste und Beste das ihm widerfahren konnte. Sein Eifer für das Gesetz hat für ihn keinen Wert mehr, es ist ihm zum Dreck geworden.

4. Gerechtigkeit
Luther hat, ganz anders als Paulus, unter dem Gesetz gelitten. Er hatte Furcht vor Gottes Zorn und Gericht, er hatte Angst verloren zu gehen. Die Frage nach dem gnädigen Gott war dem jungen Luther für seinen Werdegang entscheidend geworden. In den Briefen des Paulus hat Luther den Weg aus seiner Furcht heraus gefunden: Ich habe nicht meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.

Nicht das Leben aus meiner Gerechtigkeit, indem ich penibel das Gesetz und alle Normen beachte, spricht mich vor Gott gerecht. Das Bemühen um die eigene Gerechtigkeit, lässt mich unter dem Zwang der Normen, die wir alle kennen: „das tut man nicht“, oder „wenn du dazugehören willst musst du ...“, oder „wenn du nicht leistungsfähig bist, bist du nicht anerkannt“. „Gerechtigkeit die aus dem Gesetz kommt“, nennt das Paulus, wenn wir unsere Selbstachtung letztlich aus der Erfüllung von Verpflichtungen und anderen Normen beziehen. „Du bist geliebt, geachtet, begehrenswert ..., ohne dass du eine dieser Normen erfüllen musst.“ Darin liegt die Freiheitserfahrung die wir durch das Evangelium erleben können.

5. Ziel
Paulus wünscht sich nichts so sehr als den Auferstandenen Herrn und Heiland immer besser kennen zu lernen. Er wünscht sich frei zu sein von der Gerechtigkeit die aus der Erfüllung von Gesetzlichkeit kommt und an Jesu Auferstehung von den Toten teilzuhaben. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
Durch Gottes Gnade und das Leiden und Sterben Jesu völlig unverdient zur Auferstehung der Toten und das ewige Leben gelangen, das ist die Verheißung unseres Glauben an unseren auferstandenen Herrn und Heiland. Und es erscheint mir geradezu als absurd, dass jemand sich als Christ bezeichnet, der davon spricht, dass es keine Auferstehung der Toten gibt.

6. Kampf um das Ziel
12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 [...] Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Es ist Herausforderung, das Ziel zu erreichen: Ewiges Leben in Gottes Herrlichkeit. Mit Gleichgültigkeit und falsch verstandener Freiheit ist der Siegespreis, von dem Paulus spricht, nicht zu erreichen. Wir sind als Gerufene und Berufene auf dem Weg, um bei Christus anzukommen.

7. In Bewegung kommen
Bleibt die Frage, was den Christen in Bewegung bringt, damit er sich auf den Weg macht? Gesetze, Befehle, Drohungen? Wohl kaum. Den Christen bringt in Bewegung, dass er in Christus ist, er hat Christus gewonnen. Es ist nicht unser Griff nach Jesus, sondern Jesu Griff nach uns, das verändert uns und unser Leben. Jesus hat schon am Kreuz nach uns gegriffen, rettend seine Hand nach uns ausgestreckt. Durch unsere Taufe und Bekehrung sind wir zu seinem Eigentum geworden.

Nicht unser Elend, unser Versagen, nicht unser Mangel und unsere Sündhaftigkeit setzt uns in Bewegung – dann wäre unser Leben noch ganz ichbestimmt. In Bewegung bringt uns unsere himmlische Berufung, die Gott aus Gnade schenkt, die sich nicht um menschliche Größe oder Eignung kümmert, sondern gerade das wählt was unedel, verachtet und nichts ist.

Diesen Siegespreis erlangen wir aber nicht, wenn wir am Rande des Stadions sitzen bleiben und über ihn nachdenken oder zutreffende Aussagen über ihn machen. Darum liebe Gemeinde, lassen Sie uns in Bewegung kommen, durch Loben und Danken. Lassen Sie uns in Bewegung kommen, weil wir nicht vergessen, was Christus für uns getan hat. Lassen Sie uns in Bewegung kommen und darauf mit unseren guten Werken und mit unserem Wollen antworten. Lasst uns nicht auf den großen Knall warten wie die 17-jährige Stephanie, sondern getrost unsere Schritte gehen und unserer himmlischen Berufung nachjagen damit wir am Ende den Siegespreis erhalten. Amen.

20100723

Werner Otto Sirch: Der neue Mensch

11.7.2010 - 6. Sonntag nach Trinitatis

Predigt Römer 6,2-11

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. 10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.


Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Die Taufe ist das Thema unseres Predigttextes. Gerade älteren Gottesdienstbesuchern, die in ihrer Konfirmandenzeit noch den Kleinen Katechismus von Martin Luther auswendig lernen mussten, ist es noch im Ohr, was Luther zu diesem Thema schreibt. Im vierten Artikel nimmt er Bezug auf unseren heutigen Predigttext. Es heißt dort:
Was bedeutet denn solch Wassertaufen?
Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.
Wo steht das geschrieben?
Der Apostel Paulus spricht zu den Römern im sechsten Kapitel: Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Wir erleben immer wieder, dass der alte Adam, der alte Mensch, der nach Luther „durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden“, schwimmen kann. Das heißt, er macht uns oft ziemliche Not. Wie das so gehen kann, habe ich in einer kleinen, humorvollen Geschichte gefunden, die Helmut Siegel aufgeschrieben hat:

Der Pfarrer war auf einer Fortbildung gewesen, es ging um Süchte und Abhängigkeiten. Er hatte etwas gelernt. Mit dem Pfeiferauchen sollte nun Schluss sein. Er nahm seine drei Pfeifen, packte sie in ein Kästchen und ging in den großen Pfarrgarten. Unter einem Baum grub er ein Loch und legte das Kästchen mit den Pfeifen hinein, dann schaufelte er es zu, machte einen kleinen Grabhügel, und im Hochgefühl des Triumphs über seine Schwachheit nagelte er ein Schild an den Baum, auf das er schrieb: "Hier ruht der alte Adam!"

Die Pfarramtsgeschäfte häuften sich, zu dem Konfirmandenunterricht kam eine außerordentliche Sitzung des Kirchenvorstandes, dazu zwei Beerdigungen, und als die Arbeit an der Sonntagspredigt überhaupt nicht zum Erfolg führen wollte, ging er in den Garten und grub das Kästchen mit den Pfeifen wieder aus. Er stopfte eine Pfeife, zündete sie an, nahm ein paar Züge und siehe da, auf einmal war er da, der Einfall für die Predigt. Glücklich vor sich hin paffend ging er wieder an den Schreibtisch, keine zwei Stunden später schrieb er das Amen unter die Predigt Er legte die aufgerauchte Pfeife weg, stopfte sich als Belohnung eine neue und ging in den Garten. Da sah er, wie seine Frau das Loch betrachtete, in dem die Pfeifen begraben waren, dann zu dem Schild ging, las, was er geschrieben hatte, sich bückte und mit einem dicken Stift etwas auf das Schild schrieb. Neugierig ging er zu dem Baum, an dem noch seine Frau stand und ihn stirnrunzelnd ansah. Dann las er, was sie geschrieben hatte zu seinem "Hier ruht der alte Adam!" Da stand: "Nach drei Tagen wieder auferstanden!"


So richtig aus dem Leben gegriffen scheint diese Geschichte. Sie zeigt uns, wie es Dinge, Gewohnheiten, Fehlverhalten gibt, die uns richtig hartnäckig im Griff haben. Auch wenn wir das ablehnen und uns über uns selbst ärgern, immer wieder machen wir den gleichen Mist. Wir kommen nicht davon los, können nicht sein lassen was wir eigentlich gar nicht möchten. Der alte Adam, der alte Mensch kann schwimmen. Wir können uns über uns ärgern, können ihn täglich ersäufen, der alte Mensch in uns macht uns schwer zu schaffen.

Paulus sagt, dass dieser alte Mensch in uns, der mit „den Sünden und bösen Lüsten“, sterben muss, damit etwas neues wachsen kann. Ich kann auch ein anderes Bild verwenden: Unser Herzenshaus muss gereinigt, ausgefegt werden. Als entscheidendes Ereignis, dass dieser „alte Mensch“ in uns stirbt, sieht Paulus in unserer Taufe. Er schreibt den Christen in Rom, dass die Taufe auf Jesus Christus ihr altes heidnisches oder jüdisches Leben beendete. So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod. Das ist wie wenn zwei Menschen heiraten. Mit ihrer Heirat gehen sie eine unlösbare Verbindung ein. Es ist ein neuer Stand in dem sie sich dann befinden. Ihre Heirat bestimmt ihr weiteres Leben. Es ist ein anderes, ein neues Leben.

So ist es auch mit der Taufe. Die Entscheidung sich taufen zu lassen, ist die Entscheidung zum Taufbund, zur „Übereignung an Christus“. Es ist ein anderes, ein neues Leben. Sich taufen zu lassen war schon damals, zur Zeit des Paulus, und ist auch heute noch eine öffentliche Entscheidung. Die Getauften werden an Jesus übereignet. Ein Buchhalter würde sagen: Der Getaufte wird auf das Konto von Jesus gebucht. Er wird dem Konto von Jesus gutgeschrieben, ein Haben bei Jesus.

Sich taufen zu lassen ist eine der grundlegenden Entscheidungen, die ein Menschen für sein Leben trifft. Und so drängt sich uns die Frage auf, ob wir dann Kinder taufen können, die diese Entscheidung für sich noch nicht treffen können. Denn eine Taufe als magisches Geschehen, in dem eine Formel über einem Menschen gesprochen wird ist sinnlos, denn hinter der Taufe will die Entscheidung stehen, dass mein Leben an Jesus Christus übereignet wird, dass es ihm gehört. Es ist die Entscheidung, dass der „alte Mensch“ durch die Taufe mit Jesus Christus gekreuzigt, getötet und begraben wird. Die Taufe wird so zum Todesurteil für den „alten Menschen“ in uns. Er erfährt durch die Taufe seine Hinrichtung und Begräbnis.

Wie können wir auf dem Hintergrund dieser paulinischen Theologie Kinder taufen? Hier vorne in unserer Kirche sitzen unsere Konfirmanden, was bedeutet das für ihre Taufe?

Auf der offiziellen Webseite der Evangelischen Kirche in Deutschland können wir zum Thema Taufe folgendes lesen: Die Geburt eines Kindes ist ein Geschenk Gottes. Eltern antworten darauf, indem sie ihr Kind taufen lassen. Gott spricht in der Taufe den kleinen Kindern seine Liebe zu, unabhängig davon, wie sie sich verhalten.
Eltern und Paten haben dann die Aufgabe, stellvertretend für die Kinder den Glauben zu bezeugen und den Kindern von ihrem christlichen Glauben, aber auch von ihren Zweifeln zu erzählen. Später in der Konfirmation bekräftigen die Jugendlichen selbst ihr Ja zum Glauben an Jesus Christus.

Es ist schade, nein, aus der Sicht des Glaubens unverantwortlich, dass heute nicht mehr alle als kleine Kinder Getauften zur Konfirmation gehen, um dort ihr ganz persönliches Ja zu ihrer Taufe zu sprechen. Das ist so, als hätten sie eine wunderbare Freifahrkarte bekommen und diese in eine Tasche oder Schublade gesteckt, ordentlich aufgehoben aber nicht benutzt. Ihr lieben Konfirmanden, eure Konfirmandenzeit ist eine wunderbare Gelegenheit zu dem ganz persönlichen Ja zu Jesus Christus zu kommen, das euch fest mit ihm verbindet und ihn zum Herrn und Heiland eures Lebens macht.

Liebe Gemeinde,
wir sollen uns hüten zu meinen der alte Adam, der alte Mensch, könnte verbessert (gebessert) werden. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum wenn wir meinten der neue, mit Christus auferstandene Mensch, wäre jetzt eine veredelte, eine gereinigte und verbesserte Form unseres alten Wesens. Der alte Mensch muss sterben, sagt Paulus, ihm gebührt nur der Tod. Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Weil Jesus uns Anteil an seinem Auferstehungsleben schenkt, können wir in diesem von aller Schuld befreiten neuen Leben wandeln. Es reicht nicht, wenn wir uns von der Vorstellung leiten lassen, dass ich als Christ hier auf Erden mein Leben allein zu führen habe und oben über den Sternen ist irgendwie Jesus, der mich freundlich anblickt und mir auch hier und da seine Hilfe zuteil werden lässt.
So würden wir nie zu dem Wandel kommen, von dem Paulus schreibt: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. So würde unser Leben nie mit Christus verwachsen. Wir würden weiterhin Sklaven der Sünde bleiben. All unsere Versuche, den alten Menschen selbst zu kreuzigen und die Sünde zu unterdrücken, müssen scheitern. Wer kann sich selbst kreuzigen? Durch Christus, seinen Tod und seine Auferstehung und indem wir ihm unseren alten Menschen übergeben und ihn Herr sein lassen über unser Leben, wird der Leib der Sünde zwar nicht vernichtet, aber abgetan und außer Kraft gesetzt, unwirksam gemacht.

Das ist Grund zur Freude, dass wir nun nicht mehr Sklaven der Sünde sind. Die Sünde ist zwar noch da, durch unser Ja zu dem was in unserer Taufe geschieht, dass unser „alter Mensch“ in den Tod hineingetauft wird, sind wir freigesprochen von jedem Rechtsanspruch den die Sünde an uns hat.

In den größten Anfechtungen hat Martin Luther an die Wand seiner Zelle geschrieben: Ich bin getauft … . Darum ist es wichtig, dass wir uns immer wieder an unsere Taufe erinnern und in Stunden, in welchen uns der „alte Mensch“ plagt auf unsere Taufe berufen und sie gegen Welt, Sünde und Hölle bekennen: Ich bin getauft auf Jesu Namen. Amen.

20100701

Martin Adel: Beispielhaft leben

27.6.2010 - 4. Sonntag nach Trinitatis
Röm 14,10-13


Liebe Gemeinde,
in einem Fastenkalender standen auf einem Kalenderblatt nur diese zwei Sätze:

Nehmen wir an, es kämen welche und wollten sie verhaften, weil sie ein Christ sind. Fänden sie genug Beweise, um sie zu überführen?

Und eigentlich können wir uns nur wünschen: Hoffentlich finden sie genug Beweise dafür, dass wir Christen sind. Denn eines ist uns ja allen klar, dass es nicht beliebig ist, wie wir als Christen leben. Es muss spürbar und sichtbar sein, äußerlich und innerlich, was uns trägt und hält und was unser Handeln und Denken beeinflusst.

1. Die Kirche als moralische Instanz
Bei Taufgesprächen sagen viele Eltern, wir wollen unser Kind taufen lassen, weil wir die Ziele und die Moral der Kirche gut finden – eine gute Lebensbasis auch für unsere Kinder.
Mir ist das immer ein bisschen zu wenig, weil es ja eher umgekehrt ist. Der Glaube macht uns zu moralischen Menschen und nicht die Moral zu Glaubenden. Aber das ist ein anderes Thema.
Eines ist jedenfalls klar: auch diese Eltern wollen, dass an der Kirche und an den Menschen in ihr sichtbar wird, dass sie Christen sind – und sie wollen sich dazu halten.
Wir müssen nicht perfekt sein, aber für uns muss die Wahrheit wahr bleiben und die Lüge eine Lüge und das Dunkle muss ans Licht kommen und darf nicht vertuscht werden – publicity hin oder her.

Die Zehn Gebote, die Nächstenliebe, die Feindesliebe, die Chance zu Umkehr und Vergebung, die Anforderung moralisch zu handeln – all das will man von uns sehen oder zumindest, dass wir uns darum bemühen und dass sie für uns gelten.

Und deshalb brauchen wir für unser Leben Leitlinien und eine Urteilskraft: Was tue ich? Was lasse ich? Was ist gut? Was ist falsch?
Prüfet alles und das Gute bewahret heißt es 1 Thess 5,21

2. Achtung: Urteilen – nicht aburteilen
Wir brauchen ein Urteil und eine Orientierung. Gerade unsere Jugend muss lernen zu unterscheiden, was ihrem Leben nützt und was ihm schadet. Die Versuchungen sind groß – schon immer gewesen.
Da hilft nicht das Angst machen, sondern das Stärken der Urteilskraft und des Selbstbewusstseins, um auch „Nein“ sagen zu können. Aber mit unserem Urteilen geht leider oft gleichzeitig ein Verurteilen einher und deshalb schreibt Paulus, beeinflusst von den Worten Jesu:
10 Warum verurteilst du dann deinen Bruder oder deine Schwester? Und du, warum verachtest du sie?
Und in der Evangeliumslesung haben wir gehört:
37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. … 41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

Urteilen. Beurteilen. Verurteilen?
Aber wir müssen doch urteilen, um unser Leben ordentlich zu führen. Wir müssen doch Entscheidungen treffen, dass wir den gefunden Geldbeutel beim Fundbüro abgeben und das vergessene Handy nicht einfach mitnehmen.
Und manchmal fällt uns das schwer, das nicht zu tun und andere machen sich gar kein schlechtes Gewissen oder zerstören ihr Leben und unseres womöglich noch mit.
Da müssen wir doch die Hand erheben …
Natürlich müssen wir urteilen, aber: wir sollen uns hüten auch den anderen danach zu beurteilen oder womöglich noch zu verurteilen.

Ein Beispiel dazu:
Ich machte in meiner früheren Gemeinde einen Geburtstagsbesuch. Leider gab es auch da viele Menschen, die mit dem Alkohol so ihre Probleme hatten. Und dann klingle ich morgens um 10.30 Uhr an der Tür und will zum 75.Geburtstag gratulieren. Nach nochmaligem Läuten öffnet sich die Tür und eine ältere Frau steht schwankend vor mir und spricht verschwommen ihren Dank aus. Ich werde nicht herein gebeten. Sie können sich vorstellen, was ich mir gedacht hatte.
Ein halbes Jahr später treffe ich dieselbe Frau bei meinen Besuchen im Krankenhaus. Ich Gespräch wird mir bewusst, dass sie schon vor zwei Jahren einen schweren Schlaganfall hatte und ihr Mann sich rührend um sie kümmert.
Sie können sich vorstellen, wie es mir nach diesem Besuch ging. Ich habe mich geschämt.

4. Gott sitzt auf dem Richterstuhl
Wir Menschen neigen dazu, sehr schnell die Welt nach unseren Urteilen aufzuteilen und abzurichten.
Und da schiebt Paulus einen Riegel vor.
Du Mensch, du weißt nicht alles und deshalb sitzt auch nicht du auf dem Richterstuhl, sondern Gott.
Gott sei Dank.
Wir erinnern uns vielleicht noch, wie es damals war:
Wie haben wir die Welt beurteilt, als wir noch 20 waren – in Gut und Schlecht und komischer Weise war man selbst sehr oft auf der Seite der Guten. Und dann waren wir 40 und die ersten Lebenskrisen haben den eigenen Blickwinkel verändert und dann sind wir 70 und sind darüber hoffentlich barmherzig geworden. Nicht beliebig, sondern gnädig.
Wie sagte es Jesus (Lk 6,36): 36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

5. Beispielhaft leben

Und Paulus schreibt deshalb in seinem Brief an die Römer diese Worte, die unser heutiger Predigttext sind:
10 Warum verurteilst du dann deinen Bruder oder deine Schwester? Und du, warum verachtest du sie? Wir werden alle einmal vor Gott stehen und von ihm gerichtet werden. 11 In den Heiligen Schriften heißt es ja: »So gewiss ich, der Herr, lebe: Alle werden vor mir auf die Knie fallen, alle werden Gott die Ehre geben.« 12 So wird also jeder Einzelne von uns sich für sein eigenes Tun verantworten müssen. 13 Hören wir also auf, uns gegenseitig zu verurteilen! Seid vielmehr kritisch gegen euch selbst, wenn ihr euch im Glauben stark fühlt, und vermeidet alles, was einem Bruder oder einer Schwester Anstoß bereiten oder sie zu Fall bringen kann.

Paulus richtet unseren Blick auf uns zurück. Betrachte nicht die anderen, sondern sieh auf Dich – das ist verheißungsvoller. Zieh deine Kraft zum Handeln nicht daraus, dass du die anderen schlecht machst, um damit selbst besser dazustehen.
Es reicht, wenn du versuchst selbst ein Beispiel zu geben – durch dein Leben. Kein selbstgefälliges, sondern ein wohlgefälliges. Nicht für dich selbst und dein eigenes Gewissen, sondern für den anderen. Kein scheinheiliges Leben, sondern ein geheiligtes – damit wir die Schwachen nicht vor den Kopf stoßen und damit zu Fall bringen.

Unsere Kritiker und die, die gegen die Kirche ins Feld ziehen werden wir damit nicht überzeugen, aber die, die sich auf den Weg gemacht haben, die Suchenden, weil sie spüren, welchen Reichtum und welch großen Schatz der Glaube birgt, die sollen wir nicht zu Fall bringen.
Auch unsere Konfirmanden brauchen uns als gute Beispiele und Vorbilder, dass sie an uns sehen, was es heißt, mit Christus sein Leben zu meistern. Keine Gemeinde von Saubermänner, sondern aufrechte, redliche Menschen – „die Gemeinde der Sünder“, denen man abspürt, dass sie aus der Barmherzigkeit und der Vergebung Gottes leben. Täglich.
Wenn das gelingt, dann ist schon sehr viel gewonnen.
in einem Fastenkalender standen auf einem Kalenderblatt nur diese zwei Sätze: Nehmen wir an, es kämen welche und wollten sie verhaften, weil sie ein Christ sind. Fänden sie genug Beweise, um sie zu überführen?
Und wir können nur sagen: Hoffentlich.

Amen

Martin Adel: Wir teilen Sünden zu - Gott rettet den Sünder

20.6.2010 - 3. Sonntag nach Trinitatis

1. Hinführung
Liebe Gemeinde,
lassen sie mich zu Beginn einen Zeitungsausschnitt der Frankfurter Rundschau aus dem Jahre 1986 (FR vom 4.3.86) vorlesen. Unter der Überschrift "Muttermörder wurde Pfarrer" – steht da zu lesen: »Mit überwältigender Mehrheit« haben die Mitglieder zweier schottischer Gemeinden den wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilten James Nelson zum Gemeindepfarrer gewählt. 283 stimmten dafür, 76 dagegen. 1970 hatte der damals 24jährige nach Familienstreitigkeiten seine Mutter erschlagen. 9 Jahre nach seiner Verurteilung war er auf Bewährung entlassen worden. Während der Haftjahre hatte er sich auf das Theologiestudium vorbereitet, das er danach aufnahm und erfolgreich abschloss. »Die Kirchenbehörden (so heißt's im Artikel) hatten seine erste Bewerbung als Pfarrer abgelehnt, doch war es Nelson schließlich gelungen, sie davon zu überzeugen, dass er sich trotz seiner Vergangenheit zum Geistlichen berufen fühle.«

Wie hätten sie entschieden? „Muttermörder wurde Pfarrer“. Wäre er es bei uns geworden?
Sicherlich ist das ein extremes Beispiel und unser Leben läuft meistens wesentlich undramatischer ab. Aber das Thema für den heutigen 3. Stg. nach Trinitatis ist „das Wort von der Versöhnung“. Und Paulus nimmt es in den Mund, der Paulus, des zwar kein Muttermörder war, aber ein Christenverfolger.
Viele haben damals skeptisch auf ihn gesehen. Mit Argwohn. Kann so einer ….? Ist das echt ….?

2. Predigttext 1 Tim 1,12-17 (Einheitsübersetzung)
Und so lesen wir in unserm heutigen Predigttext im 1 Brief des Timotheus im ersten Kapitel:
12 Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, 13 obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. 14 So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. 15 Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. 16 Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. 17 Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.

3. Gott rettet den Sünder
Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Das ist das Zentrum unseres Predigttextes. Das ist das Zentrum der Lebensgeschichte, ob von Paulus oder von dem schottischen Pfarrer. Beide, der Muttermörder und Paulus bereuen ihre Taten. Sie leiden unter dem, was passiert ist und flüchtet sich zu Jesus, der nicht sagt: Dich soll diese Tat dein Leben lang wie ein Fluch verfolgen. Sondern: "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten." Solche Worte bräuchte unser Leben und unsere Welt viel öfter. Ein Wort des Erbarmens. Ein Wort der Versöhnung.
Das Geschehene wird dadurch nicht rückgängig gemacht. Auch der Muttermord wird dadurch nicht bagatellisiert und entschuldigt. Das Verbrechen, die Sünde, bleibt in seiner ganzen Härte bestehen, aber Gott will nicht, dass nun darüber noch eines seiner Geschöpfe über dieser Sünde Willen zugrunde geht – nämlich der Mörder. Gott verurteilt die Sünde, aber er schiebt mit seiner Gnade und seinem Erbarmen der Sünde einen Riegel vor, dass der Fluch der Tat nicht noch mehr Menschenleben fordert, nämlich auch das noch das des Sünders. Die Menschheit kennt es doch nur schon zu lange, die Blutrache oder diesen grausamen Satz: "Das werde ich dir nie verzeihen.“
Gott rettet nicht die Sünde, sondern den Sünder.
Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste schreibt Paulus, und er bezeichnet sich selbst als Missgeburt, der es nicht wert ist Apostel genannt zu werden, weil er die Kirche Jesu Christe verfolgt hat. (1 Kor 15,8f). Und genau diesem Paulus schenkt Gott Kraft. An ihm beweist er Gott seine Langmut, sein Erbarmen und seine Gnade. Den Unglauben des Paulus verwandelt Christus in Glauben.
Denn am Anfang steht bei Gott nicht die Schuldzuweisung. Am Anfang steht nicht die Strafe. Am Anfang steht das Erbarmen Gottes: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Und Paulus fragt er: „Warum verfolgst du mich?“
Als der verlorene Sohn umkehrt und zurück kommt zu seinem Vater, tunkt er den Sohn nicht noch tiefer in seinen Morast. Nein. Er, der Herr, der sich sonst nur würdig wie ein Herr fortbewegt, läuft ihm sogar entgegen – mit weit ausgebreiteten Armen!

4. Wir teilen Sünde zu
Wir sind es, die schnell bei der Hand sind Sünden zuzuteilen. Wir sind es, die oft so grausam unbarmherzig miteinander umgehen – wie der ältere Bruder. Unverzeihlich. Ewig nachtragend. Da bleiben Eltern von der Hochzeit ihrer Kinder weg. Da wird die Schwiegertochter jahrelang mit Argwohn behandelt. Da wird in den Familien über Generationen hinweg die Feindschaft weitergegeben. Und in Schulen wird manchmal der Stempel dem Kind aufgedrückt, den sich der Vater oder die Mutter 20 Jahr zuvor geschnitzt haben. „Der ist doch genauso wie ...“
Anstatt wahrzunehmen, woran mein Nächster leidet - und Sünde ist immer etwas, worunter wir Menschen leiden - anstatt zu sehen, dass einer an seiner eigenen Person leidet und ihm zu helfen, wieder h e i l zu werden, kommen wir, und setzen noch einen drauf: Schau ihn dir an: der!
Anstatt einander zu tragen sind wir nachtragend. Und wie viel Energie wird dann oft verbraten, nur um ja keinen Fehler selbst eingestehen zu müssen. Ist das die Welt, die wir wollen?
Christus jedenfalls steht für eine andere Welt, weil er wusste, dass so nie Frieden werden kann.

5. Aus der Vergebung leben
So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.
Das ist das Wort, das wir ausbreiten sollen. Das ist das Wort, dem wir nachleben sollen. Haben wir das vergessen! Wir leben aus der Vergebung, die uns selbst täglich geschenkt wird. Und dann werde ich frei darüber. Muss nicht mehr selbst vertuschen, wo ich gefehlt habe oder fehlbar bin. Wir sind gerechtfertigte Sünder. Und darin liegt die befreiende und freudige Botschaft des Evangeliums. Ich darf mir eingestehen, dass ich das, was ich eigentlich nicht wollte, doch getan habe und darf darum Gott und meinen Nächsten um Vergebung bitten. Und ich muss nicht die Angst haben dabei mein Gesicht zu verlieren.
Endlich muss ich mir und den anderen nicht mehr vormachen, wie unfehlbar, wie makellos, wie toll, wie gut, wie lebensfreudig, wie nächstenliebend, wie glaubenstreu ... ich bin. Sondern ich darf sein. Gerechtfertigt vor Gott werde ich meine Verfehlungen erkennen und kann sie darum verändern. Gerechtfertigt vor Gott weiß ich um mein eigenes Beschenktsein und kann darum barmherzig werden.
Gerechtfertigt vor Gott, kann ich darum in die Schlussworte des Paulus mit einstimmen:
"Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen."

20100614

Ute Lehnes-de Fallois: Predigt zum Gemeindefest

13.6.2010 - 2. Sonntag Nach Trinitatis

Ephesser 2,17-22
17 Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,
21 auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.


1.Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

Liebe Gemeinde!

Immer wieder stellt sich uns die Frage:
Wie können wir heute denn unseren Glauben an Jesus Christus überhaupt noch überzeugend leben?
Den Glauben an den, der uns täglich seinen Frieden schenken und uns eben nicht allein lassen will? (So wie wir es eben gesungen haben.)
Und der uns versprochen hat, stets bei uns zu sein?
Welche Gestalt hat denn dieser Friede?
Und wo können wir ihn sehen und spüren?

Ich erinnere mich, dass wir als Kinder oft „Cowboy und Indianer“ spielten, draußen im Hof .....
Und natürlich haben die Cowboys gegen die Indianer gekämpft.

Nichts Ernstes, ein Spiel eben.
Aber das Kräftemessen gehörte eben dazu.
(Und nachdem ich das Puppenwagen schieben immer ziemlich schnell langweilig fand, war ich halt meistens bei den Indianern mit dabei.)
Sich verstecken, sich anschleichen und dann mit den Tomahawk, das meistens ein abgerissener Zweig von irgendeinem Busch war, gegen die Cowboys kämpfen. Das war spannend. Und die Cowboys schossen mit ihren selbstgebastelten Stöckchenpistolen zurück.

Und wenn wir genug von diesem Spiel hatten, dann stellte sich Einer hin, streckte die Hand aus uns sagte: „Frieden.“
Und der andere schlug in die ausgestreckte Hand ein und bestätigte: „Frieden.“
Und so gingen wir immer als die besten Freunde wieder auseinander.
Das ist meine Erinnerung, wie Frieden und Versöhnung aussehen, bis heute geblieben. Es gibt keine Verlierer und keine Gewinner.
Ein Handschlag und dann ist es gut.

Wie es sich anfühlt, wenn man Frieden machen kann –
und wie gut es tut,
die Hand zu reichen und die Hand eines anderen zu spüren,
das wissen viele von uns seit ihren Kindertagen.
Der Friede und die Versöhnung zwischen Freunden ist etwas ganz Wunderbares.

Der Frieden, den uns Christus schenken will geht darüber aber
noch hinaus: es ist nicht nur der Friede zwischen Freunden, zwischen denen, die sich sowieso schon lange kennen, sondern es ist auch der Friede zwischen denen, die sich fern stehen und die eigentlich in ihrem Leben noch nichts oder nur sehr wenig miteinander zu tun hatten.

Es ist der Frieden zwischen den Nahen und den Fernen.
Es ist der Frieden zwischen denen, die dem Glauben und der Kirche schon immer nahe standen und denen, die zwar getauft sind, aber sich mit der Kirche, der Gemeinde, dem Glauben und dem Gottesdienst manchmal vielleicht auch schwer tun.
Doch zwischen allen beiden soll Friede sein,
weil sie, wie es in unserem Predigttext heißt,
in einem GEIST verbunden sind.
Wer getauft ist, und an Gott glaubt,
wie immer dieser Glaube dann in einem persönlichen Leben aussehen mag, der gehört in diese Gemeinschaft hinein.
Die Cowboys und die Indianer,
die Nahen und die Fernen,
die Jungen und die Alten.

Das ist für mich ein ganz starkes Bild von Kirche.
Da schlagen Menschen ein und sagen „Friede“ –
Es soll Frieden zwischen uns sein, wir gehören zusammen, weil wir beide an den gleichen Gott glauben und seinem Frieden vertrauen.

Da bietet Kirche einen Raum,
in dem es keine Verlierer gibt,
in dem es keine Konkurrenz zwischen den besseren und den schlechteren gibt,
zwischen oben und unten,
den Armen und den Reichen.
Und damit haben wir in der Kirche ein anderes Bild von Frieden und Gerechtigkeit als das, das derzeit in unserer Gesellschaft gemalt wird.
Mag man diesem Bild auch den Titel „historisches Sparpaket“ verleihen, es wird auf Dauer nicht dem Frieden dienen, wenn immer mehr Menschen aus dem Rahmen unserer Gesellschaft fallen und keiner mehr da ist, der ihnen noch die Hand zum „Frieden“ reicht.

2.So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen TEMPEL in dem Herrn.

In der Kirche, da gehören Menschen zusammen –
Nicht als Gäste und Fremdlinge,
sondern als Mitbürger und Hausgenossen.
Als die, die ihren Zugang zu Gott gefunden haben,
zum heiligen Raum,
zur ausgestreckten Hand Gottes, die ER uns zum Frieden reicht.

Und je mehr Menschen diese Hand Gottes sehen,
sie ergreifen, spüren und einwilligen in diesen Frieden Gottes,
desto mehr wird eine Gemeinde wachsen zum „heiligen Tempel“.
Und um so stärker und selbstbewusster wird sie werden.
Und um so mehr Ausstrahlungskraft wird sie haben.

Wir brauchen uns als Gemeinde Jesu Christi hier in der Südstadt nicht zu verstecken.
Es ist nun schon zum dritten Mal, dass unser Gemeindefest im Rahmen des Fürth-Marathons stattfindet.
Dass wir uns als Kirchengemeinde auch als einen Teil dieser Stadt sehen, und uns mit unserem Selbstverständnis von Glauben und Gerechtigkeit in dieses Stadtfest heute einbringen.
Und dafür brauchen wir uns nicht zu schämen.
Vieles ist in den letzten Jahren in unserer Gemeinde gewachsen und eben auch zusammengewachsen.

So unterschiedlich wir in unserem Glauben, unserer Frömmigkeit und unserem Engagement auch sein mögen, so ist doch auch das Bild von Kirche, in der wir alle, die Nahen und die Fernen,
die Großen und die Kleinen,
die Alten und die Jungen,
ihren Platz haben, gewachsen.

So sind heute viele da, um mit zu gestalten und um mit zu helfen.
Der Posaunenchor an seinen Instrumenten,
die Kirchenvorsteher am Grill, am Kuchenbuffet und bei den Getränken, viele ehrenamtliche Mitarbeiter, die gestern schon beim Aufbau da waren, und die heute da sind, um zum Gelingen des Festes mit beizutragen.
Ich zähle jetzt nicht alle einzeln auf, weil dann vergesse ich bestimmt jemanden, und das wäre nicht gut.

Darum: Vielen Dank an alle Helfer,
und vielen Dank an sie alle, dass Sie heute gekommen sind.

Es ist viel in den letzten Jahren in unserer Kirchengemeinde gewachsen und zusammengewachsen. Und das ist gut so.

Es ist gut, dass wir heute den Gottesdienst hier außen auf dem Kirchplatz feiern und uns als Gemeinde auch hier im Stadtteil zeigen.
Dass wir als Gemeinde Jesu Christi auf den Frieden unseres Gottes vertrauen und uns auf seine Führung verlassen.

In einer Zeit, die vielen Menschen immer unsicherer scheint und in der es gilt, sich für Frieden und Gerechtigkeit zwischen den Generationen und den unterschiedlichen sozialen Herkommen einzusetzen, ist es gut, als Kirche da zu sein und sich nicht zu verstecken.

So wie es uns Jesus versprochen hat:
„Meinen Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ (Joh 14,27) Amen.

20100611

Martin Adel: Liebe vertreibt die Furcht

06.06.2010 – 1. Sonntag nach Trinitatis

Wochenspruch: Lk 10,16
Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.

Liebe vertreibt Furcht
1 Joh 4,16b - 21
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. 21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.


Liebe Gemeinde!
1. Furcht ist nicht in der Liebe
Wir allen kennen noch das Spiel aus Kindertagen:
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Niemand! Wenn er aber kommt? Dann laufen wir davon!
Und dann ist man losgerannt und durfte sich nicht fangen lassen. Ein schönes Spiel.
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Niemand! …
Doch die Kindertage sind vorbei. Wir sind erwachsen. Und was Spiel war, wird manchmal ernst und plötzlich können wir nicht mehr davon laufen. Wenn die „Furcht“ uns überfällt uns wollen wir davon laufen, aber wohin?

Ich merke, wie mich bei all den erschreckenden Nachrichten in den letzten Monaten über die Finanzkrise und die Euro-Stabilität und die Schutzschirme, die gespannt werden und die hoffentlich besser halten als die missglückten Versuche in den Tiefen des Golfs von Mexiko, wie mich bei all diesen Ereignissen trotz Lena zwischendurch immer wieder einmal die Furcht überfällt. Furcht vor der Zukunft. Denn zu den allgemeinen Ängsten kommen dann ja auch noch die persönlichen.
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann …
Und ich werde unsicher: Stimmt z.B. die Altervorsorge für mich und meine Familie. Sollte ich mich nicht anders absichern? Und was wäre besser? Und ich erschrecke über mich selber, worauf ich dann doch gebaut habe: auf die finanzielle Absicherung.
Ja, liebe Gemeinde, wir meinten, uns absichern zu können für alle Zeit und uns abschirmen zu können vor den Problemen der anderen. Und dann platzen ein paar Träume und unser Schiff kommt ganz schnell ins Schlingern.
Die Zeiten verändern sich. Und wir spüren, wie eng Wut und Ohnmacht, Hoffnung und Resignation da ganz dicht beieinander liegen. Und wir merken, wie dünn doch das Eis ist und wie schnell wir ins Schlingern geraten – gerade auch in unserem inneren Korsett. Sehr störanfällig. Und wir müssen uns fragen lassen: Worauf haben wir gebaut? Was ist letztendlich unser Fundament?

Die großen Leitbilder im letzten Jahrhundert wie Frére Roger (Schütz), Dietrich Bonhoeffer oder Dorothee Sölle kenne auch solch eine Furcht. Diese existentielle Angst. Doch gleichzeitig haben sie sie auch immer wieder überwunden, weil für sie dieses Wort wahr wurde, das uns unser heutiger Predigttext ins Stammbuch schreibt. Er steht im 1 Johannesbrief im 4. Kapitel:
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. …

2. Angst vor Strafe
… 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Wer hätte das gedacht. Die Liebe treibt die Furcht aus.
… oder ist es etwa so, dass wir mit der Strafe rechnen?
Dass wir nun die Rechnung für ein unbegrenztes und ungeregeltes Wirtschaftswachstum präsentiert bekommen. Einen zügellosen Lebensstil. Die Ölverseuchung im Golf von Mexiko. Der kälteste Mai seit 100 Jahren. Die gigantische Staatsverschuldung und die der Bürger noch dazu.
18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus;
Wenn die Furcht uns ergreift, dann werden wir zu Getriebenen und sind nicht mehr frei.
Und im griechischen Urtext steht hier das Wort phobos – die Phobie, Furcht, der Schrecken, die Angst. Und was eine Phobie ist, das kennen die Meisten von uns auch: Die Angst vor einer Spinne nimmt sich dabei ziemlich harmlos aus.
Die Schweinegrippe war auch so eine Phobie. Und die Ängste werden dann noch geschürt von den Medien, treiben fröhliche Urstände und der hastig herbeigeschaffte und dann verschmähte Impfstoff wird zum Millionengrab. Und wir wissen nur zu gut: Wer sich damals dagegen gestellt hätte, wäre gesteinigt worden vom Volkszorn, dass den Politikern die Gesundheit des Volkes nichts wert ist. Und wir vergessen schneller, als wir geschriehen haben und erheben danach den anklagenden Zeigefinger.
Wie dünn ist unser Seeleneis?

18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Manchmal hilft die Furcht zur Umkehr, zur Reue und zum Neuanfang. Doch dieser Mut zum Neuanfang kommt nicht aus der Furcht, sondern aus der Liebe und aus der Zuversicht.

3. Zuversicht
17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben
Der ÖKT in München hatte es sich zum Programm gemacht unter dem Motto „Damit ihr Hoffnung habt“. Und im Großen und Kleinen wurden viele Spuren aufgezeigt, die gegen den Trend stehen. Missstände wurden benannten und angeklagt. Und gleichzeitig wurden Perspektiven eröffnet, wenn z.B. Vandana Shiva – die Trägerin des alternativen Nobelpreises aus Indien allen Widerständen zum Trotz ausruft: Lasst uns die Unterschiedlichkeiten im Glauben und in den Nationalitäten nicht tolerieren, sondern zelebrieren. Und Mvume Dandale kommt in seiner Bibelarbeit zu der Überzeugung: Der Glaube hilft uns, die Fesseln der kulturellen Unterschiede zu überwinden. – Und das gilt auch für uns: In dem einen Glauben können wir die kulturellen Unterschiede auch unter uns überwinden – und dann sind da nicht mehr die Deutschen aus Russland oder die Deutschen aus Siebenbürgen oder die Junge Gemeinde ….. sondern wir sind eins in Christus. Noch ist es nicht so weit, aber das ist der Weg und das Ziel in Christus, der für uns bereits die Schranken überwunden hat.
Natürlich gehört die Furcht zu unserem Leben. Wir alle kennen ja das Wort Jesu „In der Welt habt ihr Angst,“
Doch es geht dann weiter: „aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Diese Angst muss immer wieder überwunden werden, sonst werden wir innerlich aufgerieben und ausgezehrt. Doch wir tun uns so schwer, das zu glauben und das zu leben. Mit allen Fasern unseres Lebens.

4. In der Liebe bleiben
Ja! Was ist zu tun?
Jetzt wissen wir alle: Zuversicht kann man nicht verordnen. Und auch Appelle helfen wenig.
Doch wo liegt die Lösung?
Die Fußballfans unter uns wissen es bereits: Ein Fan ist ein Fan. Egal ob Spielvereinigung Greuther-Fürth, Bayern Hof oder der Club. Ein echter Fan ist hart erprobt im Auf- und Abstiegskampf – egal, was geschieht: er ärgert sich vielleicht, aber er bleibt treu und ist immer voller Zuversicht, dass es aufwärts geht.
Und wenn das die Fans schon beim Fußball schaffen, warum tun wir uns dann im Glauben so schwer. Auch wir müssen nur bleiben.
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben
In Gott bleiben. Im Glauben bleiben. Mehr braucht es eigentlich gar nicht. Wir müssen nur bleiben! Unser Leben vor Gott bringen und in Zwiesprache mit ihm führen. Dadurch ist die Furcht noch nicht weg, aber sie bekommt eine Grenze.
Denn um der Furcht zu begegnen, muss man sich sicher fühlen, getragen, gehalten, geliebt und geborgen. Und dann kann kommen, was will. Wir schaffen das. Und darin sind wir unbesiegbar. Sogar über das eigene Leben hinaus.
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Erkenntnis, mit der uns Johannes auffordert in Gott zu bleiben, damit die Furcht schwinden muss und alle Weltdepression noch dazu. Weil die Liebe überwindet. Sogar unsere eigene Angst – und uns dann den Blick frei macht zum Handeln und zum Verändern und zum Leben. Manchmal im Widerstand und manchmal in der Ergebung. Aber immer gespeist und getragen in der Liebe Gottes.

Amen