20100428

Martin Adel: Ich bin der Weinstock, ihr die Reben

25.4.2010 Jubdelkonfirmation - Predigttext Johannes 15, 1-5

15 1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.


Liebe Jubilare,
sie alle verbindet zumindest ein gemeinsames Erlebnis. Die Holz-Bänke, auf denen sie sitzen, sind ihnen allen bekannt und vertraut. Vielleicht erinnern sie sich sogar noch, wo sie damals gesessen haben. Ich erinnere mich jedenfalls noch sehr genau, wo ich damals zu meiner Konfirmandenzeit gesessen bin, um meinen Gottesdienstverpflichtungen nachzukommen.

Die Predigten hat man sich ja selten behalten, obwohl man gespürt hat, wo den unterschiedlichen Pfarrern das Herz schlug und wie sie ihr Amt verstanden haben. Ich merke heute manchmal, wie mich einzelne Personen dann doch geprägt haben; durch ihre Haltung, durch ihre Überzeugung – als Vorbild oder als Negativbild, nie so werden zu wollen.
Und heute? Heute sind wir es, auf die die anderen sehen oder gesehen haben und in uns ein Vorbild gefunden haben oder ein Gegenbild, von dem sie sich abgrenzen wollten oder konnten. Nach 25 Jahren und nach 50 und mehr Jahren erst recht ist sichtbar, wer wir waren und wer wir sind und wie wir sind und was geworden ist.
An so einem Tag, wie heute, blicken wir unweigerlich zurück. Und die Gefühle sind durchwachsen. Manche kommen ja gerade deswegen nicht zu so einem Treffen – weil es zuviel wird; nicht nur äußerlich. Auch innerlich. Wie schade.
Soviel ist geschehen seither – bei vielen liegt ein ganzes Menschenleben dazwischen. Manche haben noch im zweiten Weltkrieg konfirmiert 1940 (7x), einer von ihnen noch vor dem Krieg 1935. Manche im Deutschland der Trümmer kurz vor der Befreiung am 18.3.1945 – 18 sind heute da. Und wenn wir das vor Augen haben, was damals war und wie es heute ist, dann sind wir so unendlich dankbar, dass wir immer noch im Frieden leben dürfen. Und SIE haben ihr Stück dazu beigetragen.
Haben sie sich in diesen Tagen schon die Zeit genommen, um ihr Leben zu überblicken? Oder kommt das erst danach, wenn die Wiedersehensfreude langsam verebbt und die Neugier auf die anderen gestillt ist.
Es ist wichtig, dass wir uns unserem Leben stellen – schließlich haben wir kein anderes bekommen und die Freude, ist meine Freude und die Enttäuschung meine Enttäuschung und der Dank mein Dank und die Klage ist meine Klage, weil der Segen, der damals über meinem Kopf gesprochen wurde auch mein Segen ist und Gott noch derselbe – auch wenn ich ihn heute anders verstehe und begreife.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

So spricht Jesus zu seinen Jüngern. Und vielleicht haben sie das passende bunte Glasbild dazu auch noch in Erinnerung. Mir jedenfalls waren früher die Bilder immer eine willkommene Fluchtmöglichkeit aus der Langeweile. Bei den Diamantenen waren sie ja noch nicht da, unsere schönen Chorfenster von 1957, aber das Kreuz ist vertraut und die Kanzelreliefs und sicherlich auch die Krippe, die heute immer noch in der Weihnachtszeit hier unter der Kanzel ihren festen Platz hat.
An welche Bilder könne sie sich denn noch erinnern?
Jedenfalls spricht Jesus zu den Seinen:
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
hier oben ist es, im linken der drei Chorfenster – ziemlich in der Mitte. Das Motiv, das sie auch auf dem Liedblatt vorne abgebildet sehen.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Und lassen sie mich fragen: Was für eine Rebe sind sie denn? Ein lieblicher Moselaner, ein satter Burgunder, ein herber Franke oder ein feuriger Sizilianer?
Man könnte das gleiche mit den Biersorten machen, aber in Israel wächst nun mal eher Wein als Hopfen.
Welcher Wein ist an ihnen und durch sie gereift?
Welche Früchte haben wir getragen? Können wir das sehen? Und betrachten sie bitte nicht nur das, was verdorrt ist oder die Scherben. Da ist noch viel mehr.

Denn das Wort Christi geht ja noch weiter. Er sagt:
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Welche Früchte haben wir getragen? Denn nicht wir sind die Frucht, sondern wir sind die Reben und die Frucht kommt durch uns hindurch. Je älter man wird, desto mehr wird doch sichtbar, dass es immer nur geliehene Zeit ist, die wir haben und wir bei allem Mühen und Arbeiten nur staunen können, was durch uns geworden ist.
Sicherlich, manche Rebe an uns war eine Bitterrebe oder ein Wildtrieb, der abgeschnitten wurde. Und manchmal hat der Sturm oder der harte Winter manch guten Ast an uns abgerissen oder zerstört.
Aber da gibt es auch andere Zeiten – können wir das auch sehen und zulassen. Zeiten, in denen durch uns Neues geworden ist – Kleines und Großes und manches wurde erst im Nachhinein wichtig.
Wer sagt, dass meine Frucht unbedeutend war, zu gering? Wissen wir, was unser Auftrag war und was unser Können und was unser Talent?
Mancher Weinstock hat ideale Bedingungen am Main und mancher muss sich auf steinigem Boden bewähren. Jesus macht hier keinen Unterschied. Sondern er spricht es uns einfach freimütig zu.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Ein Trost-Wort für uns. Ein Dank-Wort. Ein Mahn-Wort. Ein Bitt-Wort.

Liebe Jubilare, liebe Gemeinde,
Was wir vergeigt haben, das wissen wir selbst am Besten. Und wie viel wir in ihm geblieben oder nicht, das wissen wir auch oft nur zu genau. Und wo wir ihn ganz vergessen haben, da können wir umkehren.
Denn eines ist gewiss. Wir dürfen dieses Wort Gottes auch heute noch als Zuspruch sehen, egal, an welcher Stelle unseres Lebensweges wir gerade stehen. Und wo wir falsch gelebt haben, sollten wir Gott um Vergebung und um einen Neuanfang bitten. Gott kennt uns und versteht uns besser, als wir uns selbst. Und wo wir reichlich Frucht getragen haben und alt und lebenssatt geworden sind, da wollen wir Gott danken.
Und so gilt es, am Anfang, in der Mitte oder gegen Ende unseres Lebens, was Christus zu uns spricht:
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Lassen wir uns dazu stärken für den Weg, der vor uns liegt, an Brot und Wein – den Früchten Gottes für uns an seinem Tisch, damit wir Frucht bringen können an dem Platz, wo Gott uns hingestellt hat. Und gehen wir dann unter Gottes Segen weiter.
Amen

20100413

Werner Otto Sirch: Der Herr ist auferstanden!

4.4.2010 - Ostersonntag

Predigt 1. Kor. 15, 1-11
Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht,
2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.
3 Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;
4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;
5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.
6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.
7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.
8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.
9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.
11 Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.

Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Dieser Osterruf hat heute früh, als es hell wurde, in der Feier der Osternacht, unsere Kirche erfüllt. Ein wenig zaghaft – aber doch. Es fällt nicht jedem leicht, das, was so gegen jeden Verstand und gegen jede vernünftige Erklärung ist, laut von sich zu geben. Mit einem Schlachtruf und der Vereinshymne auf dem Fußballplatz geht es da schon etwas leichter.

Der Herr ist auferstanden! In unserem Herzen mag dies tief verankert sein, es mag zu unserem Glauben gehören, dass der gekreuzigte Jesus nach drei Tagen auferstanden ist. Unseren Glauben aber laut vor anderen zu bekennen, das ist eine ganz andere Sache. Viele von uns sind schweigende Gläubige geworden. Und das betrifft nicht nur unseren Osterglauben. Wir glauben und schweigen über das was wir glauben. Dabei lebt unser Glaube doch davon, dass er vor anderen bezeugt wird, dass wir weitererzählen was wir glauben. Wovon unser Herz voll ist, das will doch unser Mund erzählen.

Der Herr ist auferstanden! Das ist der Ruf gegen die Macht und die Finsternis des Todes. Es ist Ruf und Bekenntnis. Der Herr ist auferstanden! Das ist unser Ruf, unser Widerstand gegen den Tod, gegen seine Grausamkeit und die Fürchterlichkeit der gewaltsamen Trennung von denen die wir lieben. Es ist unser Widerstand gegen den Verlust unseres Lebens.

Der Herr ist auferstanden! Das sind die Worte, mit denen wir unsere Hoffnung in die Welt hinausschreien, dass am Ende nicht der Tod der Sieger bleibt und wir ein Leben voller Mühsal und Sinnlosigkeit gelebt haben.

Viele tun sich schwer mit der Botschaft der Auferweckung Jesu, auch solche, die sich als Christen bekennen. Unser naturwissenschaftlich und historisch geschulter Verstand stößt mit der Auferweckung der Toten an eine Grenze. Vielleicht auch, weil wir nicht glauben können was wir nicht sehen. Leider maßen sich auch getaufte Christen das Urteil an: es gibt keine Auferstehung der Toten. Tote sind tot, das ist endgültig. Es ist die Erfahrung, die das Leben lehrt, erlebte Realität.

Der Herr ist auferstanden! Das ist nicht irgend eine Nachricht, die sich ein paar Leute ausgedacht haben. Der Herr ist auferstanden!, ist der Ruf des Glaubens gegen allen Anschein, gegen alle menschliche Vernunft.

Ich glaube denen, die bezeugt haben, die Zeugen sind, dass Jesus von den Toten auferstanden ist – auch wenn es eine noch so unglaubliche Nachricht ist.

Der Apostel Paulus nennt die Namen von Menschen, die den Auferstandenen Jesus, den Christus, gesehen haben, die mit ihm gesprochen haben. Er spricht nicht nur von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen, damals vor Damaskus, als er vom Verfolger zum Glaubenden wurde: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Paulus nennt Zeugen, die bezeugen können, dass Jesus auferstanden ist: Kephas, Jakobus, fünfhundert Brüder, danach die Apostel und als letztes er, Paulus. Nicht zu vergessen die, von denen die Evangelien erzählen: die Frauen am Grab, Thomas, der Zweifler, der die Nägelmale Jesu berühren wollte, um diese unglaubliche Geschichte von der Auferstehung Jesu von den Toten glauben zu können.

Die ersten, die damit konfrontiert wurden, dass Jesus lebt, konnten es zuerst auch nicht glauben. Sie haben total verschreckt geschwiegen und sind dann doch zum Grab gelaufen um zu sehen, ob es stimmt, ob es wirklich so ist, dass das Grab leer ist.

Der Herr ist auferstanden! Was ist mein Glaube wert, ohne den Glauben an die Auferstehung Jesu? Was ist mein Glaube wert ohne die Hoffnung, dass ich nicht im Grab bleibe, weil Jesus mich aus dem Grab herausruft zu einem neuen Leben bei ihm?

Nichts! Mit einem Wort: Nichts! Mein Glaube ist ohne die Auferstehung Jesu nichts wert. Ich hätte vergeblich geglaubt, wäre einer Ideologie für gute Menschen angehangen, die es nicht schaffen gut zu sein. So aber weiß ich: Meine Gebete spreche ich nicht zur Wand. Mein Glaube hat ein Gegenüber. Er lebt, der sich meiner erbarmt, mein Verkehrtsein mit ans Kreuz genommen hat und mich liebt, so wie ich bin. Er lebt der mich gewollt hat, noch bevor ich das Licht dieser Welt erblickt habe, für den ich so wertvoll bin.

Ich bin dankbar, dass ich es glauben darf und glauben kann, wie es Martin Luther im Buch Hiob übersetzt hat: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet, und er wird mich hernach aus der Erden aufwecken. Und werde darnach mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen.“ Ich habe Zukunft – ich werde Gott sehen. Bei ihm finde ich meine Zukunft, mein Ziel. Auferstehen – bei Gott sein - in seinem Frieden. Dort sein wo es keine Krankheit und keinen Schmerz mehr gibt, wo wir nicht mehr all die Mühe und Plage dafür einsetzen müssen, um wenigstens ein wenig Glück zu erhaschen. Ich weiß, dass mein Erlöser lebet …

Der Herr ist auferstanden! Und wir werden auferstehen, weil er uns nicht im Grabe lassen wird. Im Evangelium des Johannes können wir es lesen, Jesus verheißt seinen Jünger: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Leben, obwohl wir sterben. Leben, weil er, unser Herr, lebt und uns aus dem Tod herausrufen wird. Für unseren menschlichen Verstand unverständlich, unbegreiflich wie das gehen soll. Vielleicht kann uns zum Schluss dieser Predigt eine kurze Parabel helfen.

„Da war einmal ein guter Mensch. Er hatte Mitleid mit dem hässlichen Gewürm der Raupen, wie sie sich Stunde für Stunde vorwärts plagten, um mühselig den Stängel zu erklettern und ihr Fressen zu suchen ... Und der Mensch dachte: Wenn diese Raupen wüssten, was da einmal sein wird, was ihnen als Schmetterling blühen wird ... Und er wollte ihnen sagen: Ihr werdet frei sein! Ihr werdet eure Schwerfälligkeit verlieren. Ihr werdet mühelos fliegen und Blüten finden! Und ihr werdet schön sein! Aber die Raupen hörten nicht. Das Zukünftige, das Schmetterlingshafte ließ sich in der Raupensprache einfach nicht ausdrücken. – Er versuchte Vergliche zu finden: Es wird sein wie auf einem Feld voller Möhrenkraut ... Und sie nickten, und mit ihrem Raupenhorizont dachten sie nur ans Fressen...“

Es wird sein, was wir jetzt noch nicht verstehen können, wofür wir keine Worte haben. Aber wir dürfen das Unglaubliche schon heute glauben:

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Amen.

20100330

Martin Adel: Er erniedrigte sich selbst

28.3.2010 - Palmsonntag

Gute Nachricht – Phil 2,5-11
5 Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat:
6 Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein.
7 Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich.
Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen.
8 Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz.
9 Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt.
10 Vor Jesus müssen alle auf die Knie fallen –alle, die im Himmel sind, auf der Erde und unter der Erde; 11 alle müssen feierlich bekennen: »Jesus Christus ist der Herr!« Und so wird Gott, der Vater, geehrt.


Liebe Gemeinde,
wem folgen wir nach? Was sind unsere Leitbilder? Was sind die Grundwerte, an denen wir uns ausrichten? Werte, die uns stark machen, um auch widerstehen zu können!
Bei einem Elternabend in einer unserer Tagesstätten zum Thema Werte und Erziehung sind einige aufgestanden und gegangen, als es darum ging, dass man Kindern auch Grenzen setzen muss und unsere Kindern einen festen Rahmen brauchen, der auch uns Eltern in manche Konsequenz drängt und in die Pflicht nimmt.
Ja, liebe Gemeinde,
wir dürfen uns schon fragen lassen, was unsere Leitbilder sind, denn unser heutiges Bibelwort beginnt mit einem Rahmen und einem Leitbild für unsere Leben. Es beginnt aber nicht mit einer Frage, sondern gleich mit der Antwort: (Phil 2,5)
5 Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat:

Wissen wir das noch? Wir, die wir in der Nachfolge Jesu Christi stehen, haben ein Vorbild. Ein Vorbild, das nicht beliebig ist oder willkürlich, sondern ein konkretes Vorbild: Jesus Christus. Ob uns das passt oder nicht.
Und wir lassen uns darauf festlegen und werden daran gemessen – ob wir wollen oder nicht. Jesus Christus.
Das Schlimme an den Missbrauchsfällen in der Kirche ist ja nicht nur, dass es so etwas auch unter uns und in unseren Reihen gibt, sondern wie damit in unserer Kirche umgegangen wird. Wo die Wahrheit darüber steht, dürfen wir nicht vertuschen und lügen und verheimlichen – ob uns nun die Öffentlichkeit und manche einseitige Berichterstattung passt oder nicht. Was dunkel ist muss offenbar werden und kann erst im Lichte Jesu Christi wieder heil werden.
Die Bibel hat uns das doch vorgelebt.
Was ist denn mit einem Judas? Er ist nicht aus der Bibel herausretuschiert worden, damit der Jüngerkreis sauber bleibt. Oder Petrus? Der Fels, auf dem Christus seine Gemeinde bauen wird. Er wird zum Leugner seines Herrn da am Feuer bei den Soldaten. Und danach fragt ihn der Auferstandene: Hast du mich lieb? Und dann: Weide meine Schafe.
Oder Paulus – er bleibt mit seinem Makel überliefert. Der Christenverfolger und dann zum Heidenapostel gewandelt – durch Gottes Gnade.
Meinen wir, dass wir es als Kirche besser könnten als unser Herr?
Gerade wir sind doch in Christus befähigt von Schuld zu sprechen, Strafe auf uns zu nehmen und um Vergebung zu bitten. Sind uns nun auch schon die Einschaltquoten wichtiger als die Wahrheit?
Viele in unseren Tagen legen sich ja gar nicht mehr fest, damit sie auch nicht daran gemessen werden können. Oder man bastelt sich einfach seine eigene Moral und Ethik – vor der man dann zumindest selbst gut dasteht.
Aber wir Christen sind festgelegt – und das ist auch gut so. Und da spielt es keine Rolle mehr, ob katholisch oder evangelisch oder orthodox. Wir sind alle erkannt als Christen.
Nicht, dass wir es schon erfüllt hätten. Das sei ferne. Aber streben sollen wir danach. Uns mühen, gegenseitig ermutigen und befördern. Weil es eben nicht Wurst ist, was wir tun, sondern weil wir ausgerichtet sein – neu orientiert.
5 Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat:
Und wir dürfen stolz darauf sein. Weil wir durch diesen Maßstab etwas schaffen, was sonst gar nicht so selbstverständlich ist in dieser Welt. Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg.
Alt und Jung. Hartz IV Empfänger und Millionäre. Arbeiter, Angestellte und Studierte. Arme und Reiche. Mann und Frau. Gesunde und Kranke. Und wir kommen aus den verschiedensten Teilen der Erde. Deutsche aus Russland. Deutsche aus Siebenbürgen. Bayern, Franken, Schwaben, Nordlichter und Menschen aus anderen Ländern und Teilen der Erde. Ein kleines Abbild des Reiches Gottes hier auf Erden. Bei uns in der Südstadt. Meistens sehen wir das nicht oder wollen es gar nicht wahrhaben. Und natürlich sind wir nicht perfekt – oh, das ist weit gefehlt. Aber ein Anfang ist gemacht.
Und das alles nicht, weil wir so toll sind, sondern weil uns der EINE hier zusammen geführt hat. Gott selbst in Jesus Christus durch seinen Geist. Und sei es nur erst einmal für diese eine Stunde in der Woche.
Sehen wir das überhaupt noch? Spüren wir das noch? Glauben wir das noch?
5 Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat:

Und der Maßstab diese Jesus Christus von Nazareth stellt die Maßstäbe dieser Welt auf den Kopf. Denn er spricht nicht vom Herrschen, sondern vom Dienen. Er spricht nicht vom Nehmen, sondern vom Geben. Die Bereicherung des Menschen stellt er an den Pranger und stellt ihr ein Armutszeugnis aus. Der Erste wird der Letzte und der Letzte der Erste sein.
Glauben wir das noch, wenn wir die Betrogenen sind, um unseren Arbeitsplatz beraubt, verspielt auf dem großen Roulett-Tisch der Börsen und Banken. Lüge und Betrug und womöglich haben wir sogar noch mitgespielt.

Doch was soll unser Maßstab sein, wenn wir schon nicht dieser Welt auf den Leim gehen wollen, die nach immer mehr giert und uns die Unzufriedenheit einprügelt, damit wir nur noch haben wollen und kaufen und noch mehr kaufen und unglücklich sind, weil wir uns nicht diesen Fernseher leisten können oder jenes Videospiel. Was ist unser Maßstab?

Und dann hören wir:
6 Jesus Christus war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. 7 Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich.
Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. 8 Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz.


Christus gibt alle seine Vorrechte auf!
Er, der gar keinen Grund gehabt hätte, seine königliche Macht und seine himmlische Hoheit aufzugeben, der macht sich selbst die Finger schmutzig und wird Mensch. Einer von uns.
Es wäre nicht notwendig gewesen. Christus hätte auch bleiben können – dort, beim Vater. Was interessieren ihn die Menschen. Wir hatten alles, so wie wir geschaffen wurden. Doch wir haben es verspielt. Immer wieder verspielt – weil wir nicht gehorsam sind. Wie oft bleiben wir in unserer Gier, in unserem Neid, in unserer Bequemlichkeit und unsere Unversöhnlichkeit.
Doch Christus macht sich auf den Weg – noch einmal zu uns, um uns einen anderen Weg zu zeigen und zu ermöglichen. Den Weg der Versöhnung und der Liebe und des Friedens. Doch die Welt hats nicht erkannt.
Luther übersetzt hier:
6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Christus geht den umgekehrten Weg. Und dadurch werden ganz andere Werte wieder wichtig. Werte, die oft so gar keinen Platz mehr in unsere Immer-Mehr-Haben-Wollen-Gesellschaft finden.
Die Mutter, die sich aufopfert für das Wohl ihrer Kinder. Der Vater, der noch ein paar Überstunden drauf packt, um der Tochter den Ausflug ins Schullandheim bezahlen zu können. Die Oma, die ihre Rente spart, damit die Kinder die Wohnung schneller abbezahlen können. Die Mitarbeiter, die sich treu für ihren Betrieb ins Zeug legen, bis die Krise überstanden wird. Und sie werden nicht beschissen, denn der Geschäftsführer setzt sich für seine Mitarbeiter ein und beteiligt sie fair am Umsatz und Gewinn. Das sind doch die Werte, die unsere Gesellschaft zusammen halten. In der Rücksicht aufeinander und der Fürsorge umeinander. Jesus zeigt mit seinem Leben da hin, wo wir oft gar nicht mehr hinsehen wollen. Wo neben dem Ich, Ich, Ich wieder ein DU in den Blick kommt und daraus ein WIR werden kann. Und er tritt dafür ein mit seinem ganzen Leben – bis zum Tod, ja zum Tode am Kreuz.
Und Gott hat sich in IHM festgelegt – festgelegt für uns, damit unsere Welt menschlicher wird und wir dadurch göttlicher, hin zum Reich Gottes. So wie es weiter heißt:
9 Darum hat Gott Jesus Christus auch erhöht und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt. 10 Vor Jesus müssen alle auf die Knie fallen –alle, die im Himmel sind, auf der Erde und unter der Erde; 11 alle müssen feierlich bekennen: »Jesus Christus ist der Herr!« Und so wird Gott, der Vater, geehrt.
Amen.

20100324

Ute Lehnes-de Fallois: "So lange du deine Füße unter meinen Tisch streckst..."

21.3.2010 - Sonntag Judica
Anspieltexte Familiengottesdienst
Ansprache zu Markus 10,41-45


Spielszene 1: Die Hausaufgabenkontrolle

Beteiligte: Erzähler/in (Erwachsene); Mutter (Erwachsene); zwei Kinder;Szene: im Kinderzimmer; zwei Schreibtische; Büchertasche;

Erzähler/in: Es ist Abend. Frau Freudenberg-Müller, seit ihrer Scheidung vor zwei Jahren alleinerziehende Mutter, ist gerade wie an jedem Abend dabei, die Hausaufgaben ihrer Kinder Sven, 8 Jahre und Johanna, 10 Jahre, zu kontrollieren.

Mutter (an Johannas Schreibtisch zu Johanna):
Gab’s heute etwas Besonderes bei dir in der Schule?
Habt ihr die HSK-Probe zurückbekommen?

Johanna (strahlt): Ja, ich hab’ eine Zwei!

Mutter: Na, prima, das freut mich!
Lass mich mal noch kurz deine Hausaufgaben sehen!

Johanna (zückt willig ihre Hefte und reicht sie ihrer Mutter) ----

Mutter (betrachtet die Hefte nacheinander zufrieden):
Gut gemacht, meine Große! Auf dich kann ich mich halt verlassen.

Die Mutter (geht nun zu Svens Schreibtisch):
Na, Sven, was hattest du denn heute auf?

Sven: Lesen und Schreiben.

Mutter: Dann zeig mir mal dein Schreibheft und danach liest du mir dein Lesestück vor.

(Sven kramt umständlich nach seinem Schreibheft. Schließlich findet er es und gibt es der Mutter. Die Mutter schaut die Hausaufgaben an; dabei verfinstert sich ihre Miene etwas).

Mutter: Hast du dir die Sätze selbst ausgedacht?

Sven: Nö, die mussten wir als Hausaufgabe aus dem Buch abschreiben.

Mutter: Und wieso hast du dann so viele Fehler drin?

Sven: Weiß nicht.

Mutter (genervt):
Ich weiß gar nicht, wie oft ich es dir schon gesagt habe. Die Namenwörter schreibt man groß und die Tun – und Wiewörter klein. Sag’s nach.

Sven: die Namenwörter schreibt man groß und die Tun- und Wiewörter schreibt man klein.

Mutter: Richtig! Und warum machst du es dann nicht?
Also so können wir die Hausaufgabe unmöglich lassen.
Das macht einen ganz schlechten Eindruck.
Du schreibst das jetzt noch mal ab – und zwar richtig!

Sven: Bitte nicht! In 10 Minuten fangen die „Simpsons“ an.

Mutter: Darüber brauchen wir jetzt gar nicht zu diskutieren. Du kannst Fernsehen schauen, wenn du den Text richtig abgeschrieben hast, und vorher nicht!

Sven (den Tränen nahe): ich will aber nicht.

Mutter: Also gut, ich setz mich daneben und helf’ dir.

(Sven öffnet missmutig sein Heft und sein Buch und nimmt einen Stift in die Hand) ---

Mutter: Also beginnen wir mit der Überschrift: „Der rosarote Luftballon“.

(Sven beginnt zu schreiben) ---

Mutter: Wieso schreibst du denn „der“ klein?

Sven: Weil man der/die/das immer klein schreibt. Das hab’ sogar ich mir gemerkt!

Mutter. Aber doch nicht am Satzanfang! Am Satzanfang wird immer alles groß geschrieben.

(Sven seufzt und schreibt) ---

Mutter: Und wieso schreibst du jetzt „rosarot“ groß?

Sven: Wenn man bei dir immer alles groß schreiben muß, dann schreib’ ich jetzt eben immer alles groß!

Mutter (wird lauter): Das ist aber falsch. Kapier es endlich: Rosarot ist ein Wiewort – also klein. Wie ist der Ballon? Wie – also klein.

Sven: Dass der Ballon klein ist, steht aber nicht da, nur dass er rosarot ist ....

Mutter: Sven, du treibst mich noch in den Wahnsinn ...

Erzähler/in: Nach einer weiteren Stunde stehen die 5 Sätze endlich richtig im Heft.
Inzwischen ist es halb acht. Die Mutter ist genervt und Sven hat geweint. Na dann, gute Nacht und angenehme Träume.


Ansprache zu Markus 10,41-45
im Rahmen des Familiengottesdienstes „Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst ....“

41 Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.



Liebe Eltern, liebe Gemeinde!

Im heutigen Evangelium, das uns Sieglinde Schmidt einmal vor den drei Anspielszenen und einmal danach vorgelesen hat, da geht es um zwei unterschiedliche Systeme, oder nennen wir sie Rahmen, innerhalb derer wir und unsere Kinder uns bewegen.

Da ist zum einen dieser erste Rahmen.
(Bilderrahmen mit Text Herrschaft und Macht zeigen:
Frage an die Kinder: könnt ihr es lesen? ...)
Stellt sich die Frage, wer über uns die Herrschaft und die Macht hat.
(Bilderrahmen weglegen).

Im vergangenen Herbst, als Sieglinde Schmidt und ich die Idee hatten, einen Familiengottesdienst in der Passionszeit mit Ihnen, der Gemeinde und unseren Hortfamilien zu feiern, da war einer unserer ersten Gedanken: worunter leiden denn unsere Kinder und worunter leiden auch wir als Erwachsene oft genug.
Was ist denn unsere Passion und unser Leiden?

Und als wir gemeinsam anfingen darüber nachzudenken, da ist uns ziemlich schnell ziemlich viel eingefallen.

Drei Szenen haben wir Ihnen vorgespielt:
Da war als erstes die alleinerziehende Mutter, Frau Freudenberg-Müller mit ihren beiden Kindern Johanna und Sven, Sie erinnern sich?
Sven, der einfach ein Problem mit dem Schreiben hat und auf der anderen Seite die Mutter, die doch einfach nur möchte, dass ihr Junge in diesem Schulsystem, in dem Rahmen, den eben die Schule vorgibt, besteht und die ihren Jungen vor dem Versagen und dem Frust bewahren möchte.
Am Ende unserer kleinen Anspielszene sind sie beide völlig k.o.
Sven weint, weil die Simpsons nun ohne ihn gelaufen sind und die Mutter ist völlig entnervt, weil sie sich Sorgen um die schulische Laufbahn ihres Sohnes. Und eigentlich meint sie es doch nur gut mit ihrem Jungen. Und eigentlich hat Sven ja seine Mama lieb, aber das mit der Groß-und Kleinschreibung versteht er halt einfach nicht!
Kennen sie solche Szenen?
Ich erinnere mich mit Grauen an häusliche Übungsdiktate und Vokabelabfragen mit meinen Buben.
Und meine jüngste Tochter karpft bis heute in Mathe und Betriebswirtschaftsrechnen zwischen vier und fünf. Vorrücken gefährdet – alle Jahre wieder.

Ich stelle noch einmal die Frage:
Wer hat über uns die Herrschaft und die Macht?
Wer oder was bestimmt da eigentlich unseren Alltag?

Im zweiten Anspiel sahen wir eine typische Schulszene.
Die Matheschulaufgabe wird herausgegeben.
Gute Noten, gute Kinder, schlechte Noten, schlechte Kinder ...
Aber ist das wirklich so?
Wie oft werden schlechte Schüler dazu ermahnt, sich mehr anzustrengen!
Nur nützen tut es meistens nichts.
Und am Ende leiden wieder die Kinder und die Eltern sind entnervt.

Und weil die Kinder den Druck dieses Systems spüren, darum wünschen sie sich zum Geburtstag oft nicht mehr alles Gute, Gesundheit, Spaß und Freunde, sondern gute Noten, viel Erfolg und einen guten Job.

Ich beantworte Ihnen die Frage, wer im Alltag oft die Macht über uns und unsere Kinder hat:
Es ist diese Leistungsgesellschaft, in der wir und unsere Kinder bestehen müssen, und nach deren Spielregeln wir spielen müssen, wenn wir ein einigermaßen abgesichertes Leben führen wollen. Es ist diese Leistungsgesellschaft, die auswählt.
Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!

Wir können es Drehen und Wenden, wie wir wollen, wir werden diesem System von Leistung, Kontrolle und Druck nicht so schnell entkommen, obwohl sich dieses System selbst immer mehr ad absurdum führt.

Jesus sagt:
Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und die Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
Klare Worte.
Solange es um Macht, Karriere und gutes Ansehen für wenige geht, fordert jedes System seine Opfer. Es bringt einige wenige Sieger hervor, aber viele Verlierer.

Verzeihen Sie mir an dieser Stelle ein persönliches Wort zum neuen bayerischen Kinderbildungs- und betreuungsgesetz, das seit dem 1.8.2005 in Kraft ist:
Seitdem dieses Gesetz in Kraft ist, sind uns als Träger vor Ort die Hände gebunden, um nicht zu sagen: wir sind an dieses Gesetz gefesselt. Es muss alles auf Cent und Euro abgerechnet werden, jeder Nachweis ist schriftlich zu führen, der Personalschlüssel muss stimmen, Ausnahmen können nicht mehr gemacht werden, da sonst die öffentlichen Gelder gestrichen werden. Die Leiterinnen der Kindertagesstätten müssen sehr viel Zeit und Energie für die Verwaltungsaufgaben investieren, und die Zeit fehlt dann für das Wichtigste: nämlich für die Kinder!
Und dabei brauchen doch gerade die Kinder die Nähe und Zuneigung, die Fürsorge und Aufmerksamkeit ihrer Erzieherinnen, um den schulischen Druck auch ausgleichen zu können.
Aber für Menschlichkeit und Nächstenliebe hat der Gesetzgeber keine Spalte in der excel-Tabelle vorgesehen. Menschlichkeit und Herzenswärme sind in diesem Abrechnungssystem nicht vorgesehen!

Und Jesus sagt.
Und genau so soll es bei euch eben nicht sein!
Sondern wer groß sein will unter euch,
der soll euer Diener sein; und wer unter euch der erste sein will, der soll aller Diener sein.

Und mit diesen Worten Jesu bin ich schon mitten drin im zweiten Rahmen, im zweiten Bild:
Und mit dem Zweiten sieht man besser!
Und ich habe für Sie und euch in diesen zweiten Rahmen ein Bild gelegt:
(zweites Bild zeigen – Aquarell Kirchgang)
Das Bild heißt der „Kirchgang“
Bei uns in der Kirche, in der Gemeinde, da soll es anders sein. Da soll Platz sein für Menschlichkeit und Nächstenliebe. Dafür gibt es bei uns eine Rubrik,auch wenn es für sie kein Geld gibt. Und diese RUBRIK heißt Liebe!

Es ist die Liebe von Ihnen, den Eltern zu ihren Kindern und die Liebe ihrer Kinder zu Ihnen, die dieses Bild bunt und schön macht. Es ist die gemeinsame Zeit im Schwimmbad, im Kino, beim Spazierengehen, es ist der Gute Nachtkuss und die Umarmung, die das Leben schön machen. Es ist ein gutes Wort, auch nach einer Fünf oder einer Sechs, das die Kinder tröstet. Dass eine Fünf eine schlechte Note ist, das wissen die Kinder schon selbst. Es ist das gemeinsame Leben in der Familie, das gemeinsame Suchen nach Problemlösungen, das die Kinder stark macht. Einzelkämpfer sind die Kinder in der Schule oder wir die Erwachsenen im Beruf oft genug. Es ist das andere, das zweite Programm, das uns das Leben bunter und schöner sehen lässt.

Und für diesen zweiten Rahmen, den Rahmen der Liebe, ist Jesus auf die Welt gekommen und genau für dieses Programm ist er auch gestorben.

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass ER sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Und weil sich Einer schon den Mächtigen dieser Welt geopfert hat, darum brauchen das weder wir noch unsere Kinder zu tun. Wir sind frei, unser Leben zu leben und die Entscheidungen zu treffen, die wir für richtig erachten und die unserem Leben angemessen sind.
Entscheidungen, die vielleicht nicht immer der Karriere dienen, aber dafür der Liebe zu Gott und vor allem der Liebe zu unseren Kindern.

Es ist nicht jeder Viertklässler für’s Gymnasium gestrickt. Und lieber ein fröhlicher Haupt- oder Realschüler als Kinder, die sich dann jahrelang durch’s Gymnasium quälen, denen die Lust und die Freude am Leben verloren gehen, weil sie in diesem Leistungssystem nur noch ums Überleben kämpfen.

Ich will nicht der Faulheit das Wort reden, aber ich möchte Sie, die Eltern, ermutigen, sich selbst und Ihren Kindern die bunte Vielfalt dieses Lebens zu gönnen.

(„Kirchgang“ – zweites Bild zeigen)
Schauen Sie auf das Zweite Bild und sind Sie sich gewiss, dass EINER da ist, der Ihnen und den Kindern den richtigen Weg zeigen wird. Und der mit seiner Liebe für sie und ihre Kinder da ist. Und dann ist eine schlechte Note höchstens ärgerlich, aber kein Weltuntergang. Unterstützen Sie Ihre Kinder mit all Ihrer Liebe, aber gönnen sie ihnen auch die Freiheit und Unbeschwertheit dieses Alters. Amen.

20100316

Werner Otto Sirch: Gelobt sei Gott!

14.2.2010 - Sonntag Lätare

Predigt 2. Kor 1,3-7
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,
4 der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.
6 Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.


Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder,

Gelobt sei Gott!, das sind die ersten Worte unseres heutigen Predigttextes. Gelobt sei Gott! Es ist nicht Bitte oder Dank, der den zweiten Korintherbrief eröffnet, sondern das Lob Gottes. Paulus spricht dieses Lob an Gott aus, trotz vieler schwerer Bedrängnisse und Leiden, die er erdulden musste: Schläge und Haft, Verleumdung, Krankheit, Verfolgung, Todesnot. Oft genug verzweifelte er am Leben.

Gelobt sei Gott! Wann ist uns, liebe Gemeinde, dieses Wort zum letzten Mal über die Lippen gekommen oder wann haben wir es in einem Brief geschrieben? Den Dank an Gott. Trotz allem was wir erleben, trotz allem was uns Not macht, trotz allem was uns am Leben verzweifeln und leiden lässt. Gelobt sei Gott! Wir neigen eher dazu zu jammern und zu klagen, Gott die Freundschaft aufzukündigen, aus der Kirche auszutreten, weil er nicht so ist wie wir ihn uns vorstellen und weil er ein so mieses „Bodenpersonal“ hat. Gelob sei Gott! Es bleibt uns im Hals stecken, wenn wir an die nicht enden wollenden Nachrichten von Missbrauch in Klöstern denken, wenn die Vorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands im Vollrausch durch Hannover fährt und ein Rummelsberger Rektor wegen gefährlicher Körperverletzung, die er als Vorgesetzter Untergebenen zugefügt hat, verurteilt wird. Gelobt sei Gott!

Liebe Gemeinde, das sollte jetzt nicht sarkastisch klingen. Es sind Vorgänge, die mich, und nicht nur mich, zur Zeit stark bewegen, worunter ich leide und mich schäme, dass so etwas möglich ist und getan wird, obwohl man es besser wissen müsste. Ich bin mir bewusst, dass es Menschen sind, die gefehlt haben, angegriffene Menschen und ich muss ja nur auf mich selbst sehen, dann entdecke ich auch einen, der sündhaft und voller Schuld ist. Ich habe also bestimmt keinen Grund mit meinem Finger auf andere zu deuten.

Gott sieht, dass wir leiden, an uns, an unseren Schwächen und an anderen, die uns wichtig sind, auf die wir geschaut haben und die nun so tief gestürzt sind. Gott sieht das unsägliche Leid, das in unserer Welt geschieht und in das auch wir Christen mit hineingezogen sind – und oft genug dabei schuldig werden. Es zieht uns herunter – auch jetzt, wenn ich davon spreche.

Eigentlich möchten wir Christen doch viel stärker sein und all dieser Bedrängnisse und Versuchungen mit der Hilfe unseres Glaubens standhalten können. Aber auch unter uns gibt es Krankheiten, die verzweifeln lassen und ohnmächtig machen. – Zerbrechende Ehen und Partnerschaften, Arbeitslosigkeit und Heimatlosigkeit, Alkoholismus und Drogenabhängigkeit aller Art, Ausweglosigkeit, Sinnleere und Selbstmord bedrücken die Gesellschaft und die Gemeinde. Das ist die Realität. Wir sollten nicht meinen, dass die Botschaft Christi die Boten mit besonderer Glaubensstärke und Ausstrahlungskraft ausstattet.

Wie sollen wir in all dieser Bedrängnis Trost finden? Was kann uns trösten? Wer kann uns trösten?

Unsere Bibel ist das Buch des Gotteslobs. Wir können in ihm von Menschen lesen, die als Leidbeladene und Getröstete in dieses Lob unseres Gottes einstimmen. Gerade die Psalmen zeigen uns solche Menschen, die gerade in schwerer Not, in Trostlosigkeit und Leid Zuversicht und Trost finden. Im bekannten Psalm 23 lesen wir: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Gott tröstet und ist auch in schweren Zeiten bei uns, so dass wir uns nicht vor der Zukunft fürchten müssen. Viele sind durch schweres Leid hindurchgegangen und können, wenn sie von Gott reden, mit dem Beter des 94. Psalms bezeugen: Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele.

Ja, so hatte ich das auch erlebt 2008, ein schweres Jahr für mich und meine Familie. Ich war oft an der Grenze, wenn auf der Intensivstation der Tod bei meiner Frau anklopfte. Und dann, nach Wochen und Monaten der Besserung, der Hoffnung, dass alles gut werden wird, der plötzliche Tod, innerhalb weniger Stunden. Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele. Ich war am Ende meiner Kraft, gesundheitlich am Ende, traurig, depressiv – aber niemals am Ende mit Gott. Zu ihm konnte ich mich flüchten mit meinem Kummer und meinem verletzten Herz. Er tröstete mich und hatte die Medizin schon bereitgestellt: „Nimm Cristin zu dir!“ Auch so konkret kann Tröstung durch Gott sein. Und so entspringt aus dem Leid und der Not das Lob Gottes.

Gelobt sei Gott! Sagen wir manchmal, wenn es gerade noch mal gut gegangen ist. Vielleicht sollten wir das öfter sagen: Am Morgen, wenn wir gesund aufstehen können. Am Abend, wenn wir unseren Tag beschließen und uns zur Ruhe legen. Gelobt sei Gott, wenn wir von einer Krankheit genesen oder durch Bedrängnisse hindurchkommen, sie durchstehen können. Gelobt sei Gott, dass er unser Leben bis hierher bewahrt hat, uns und unsere Kinder beschützt. Gelobt sei Gott, dass wir in den Bedrängnissen unseres Lebens nicht ungetröstet bleiben müssen um depressiv zu resignieren.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden Es sind die Worte Jesu aus den Seligpreisungen. In mir klingen diese Worte wie frische Luft. Worte, die in die Zukunft weisen und Mut machen da anzupacken, wo wir wegen all der schrecklichen Leiden dieser Welt aufgeben möchten, weil wir sie nicht mehr ertragen können. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Es sind Worte der Zuwendung Gottes und des Heils an uns. Es ist der barmherzige Gott, der uns durch Jesus seine Liebe und Zuwendung schenkt.

Was kann uns in aller Bedrängnis und Not, in unserem Leid trösten? Wer kann uns trösten? Trösten ist Aufgabe der christlichen Gemeinde. Und hier sind vor allem die gefragt, die den Trost Gottes an sich selbst erfahren haben. Gott, der barmherzige und tröstende Gott, der in Jesus menschliche Gestalt angenommen hat, tröstet uns, damit auch wir trösten können.

Es ist soviel Trost unter uns nötig. Oft gar nicht auf den ersten Blick sichtbar. Viele versuchen ihre Not, ihre Verletzungen, ihr Elend mit sich selbst abzumachen. Und dann ist trotzdem der Wunsch da, dass da jemand ist, der ein gutes Wort hat, der das lösende Wort kennt, wenn das eigene Gewissen anklagt und der Glaube an sich selbst verloren gegangen ist. Wer sollte besser trösten können, als der, der selbst getröstet ist?

Trösten denkt nicht an meine noch so einfühlsamen und schlauen Worte. Trösten ist Gottes Wort in eine bestimmte Situation hineinzusprechen und dadurch Gottes Zuwendung zu erfahren. Das gilt ganz besonders im Angesicht des Todes, wo wir in äußerster Trostlosigkeit das Bekenntnis der Zuversicht der Nähe Gottes brauchen, um uns getrost auf den Weg machen zu können, auf den Weg, hin in Gottes Ewigkeit.

Gottes Trösten ist immer sein machtvolles und errettendes Handeln. Gott tröstet sein Volk, wendet sein Geschick führt es aus der Gefangenschaft, so können wir es immer wieder in der Bibel lesen. Gott tröstet uns, wendet unser Geschick und führt uns aus der Gefangenschaft unserer Bedrängnisse unserer Selbstbezogenheit und unseres Elends zur Freiheit und zum neuen Leben. Das ist die Nachricht an uns. Durch alle Bedrängnisse hindurch sind wir von ihm Getragene und werden mit den Erfahrungen seines Trostes beschenkt. Gelobt sei Gott! Amen.

20100222

Ute Lehnes-de Fallois: Christus der Hohepriester

21.2.2010 - Sonntag Invokavit

Hebräer 4, 4-16
4 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so laßt uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum laßt uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.


Liebe Gemeinde !

1. Wir als Sünder

In einem alten Faschingsschlager – da heißt es:
„Wir sind alle kleine Sünderlein, s’war immer so, s’war immer so.
Der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih’n, s’war immer, immer so.
Denn warum sollten wir auf Erden schon lauter kleine Englein werden?
Wir sind alle kleine Sünderlein, s’war immer so, s’war immer so:“

Was in diesem Faschingslied so heiter und so harmlos daher kommt,
ist eine traurige Wahrheit unseres Lebens.
Und so möchte ich am Beginn der Passionszeit fragen:
Warum sind wir denn kleine, und manchmal auch große
„Sünderlein“?
Und was ist das eigentlich: Sünde?

Sünde, so werden die theologisch Geschulten antworten, ist alles,
was uns von Gott, unserem Nächsten und uns selbst trennt.
Sünde geschieht dort, wo wir Gottes Gebote brechen: dort, wo wir
lügen, stehlen, ehebrechen, nicht die Wahrheit sagen und eines
anderen Besitz begehren.
Sünde geschieht, wenn wir uns eine Macht anmaßen,
die uns gar nicht zusteht.
Wenn wir überheblich und arrogant werden,
nur an unseren eigenen Vorteil denken
und dabei anderen in den Rücken fallen.
Sünde geschieht dort, wo die Liebe zu Gott und den Menschen fehlt.

Und ich gehe noch einen Schritt weiter:

Was ist, wenn ich vor lauter Ärger, Enttäuschung und Wut über
die eigene Familie, Verwandte, Freunde, Kollegen oder Schüler,
aber keine „Liebe“ mehr empfinden kann...?
Ist das dann auch „Sünde“?
Trennt es mich in der Situation von Gott?
Ich meine JA und möchte Ihnen dafür zwei Beispiele geben.

Ich ärger mich regelmäßig über die Schüler in der 8.Klasse und deren
Verhalten:
zu spät kommen, Buch vergessen, schwätzen, blöde Kommentare
ablassen, Hausaufgabe nicht gemacht. Jeden Montag das Gleiche.
Das macht mich regelmäßig richtig sauer.
Und dann kann es leicht passieren, dass der oder die Falsche die
Strafarbeit kassiert.
Jemand, der in diesem Moment vielleicht gar nichts gemacht hat.
Aber so ist der Schulalltag nun mal.


Oder jemand kommt nach einem stressigen Arbeitstag abends nach
Hause und will eigentlich nur noch seine Ruhe und dann nervt der
Sprössling der Familie, weil er dieses oder jenes zum Abendbrot mal
wieder nicht essen mag.
Und dann wird aus einer Kleinigkeit schnell ein Streit!
Auch das gehört zum Familienalltag und ist nichts besonderes.
Unsere Geduld hat eben ihre Grenzen.

Wie leicht und schnell wir andere damit verletzen,
das machen wir uns dabei meistens nicht klar.

Wir sind eben kleine und große„Sünderlein“.
Und wir können auch gar nicht anders.
Denn unsere Liebe ist eben kein unendlich weites Meer,
aus dem wir beliebig und immer weiter schöpfen könnten.
Manchmal sind die Reserven einfach aufgebraucht.

Dann sind wir uns selbst der Nächste,
ohne Rücksicht auf Verluste.
Auch das ist Sünde.
S’war immer so, s’war immer so ....

Oder wie Luther sagt:
Wir sind Sünder,
wir können der Sünde nicht entfliehen ---

und gleichzeitig, und das ist das Paradoxe,
und das kaum zu Erklärende,
sind wir mit all unserer Sünde auch geliebt von Gott.
Denn Gottes Liebe ist unerschöpflich,
ganz anders als unsere.
Und so sind wir beides:
Sündige Menschen und gleichzeitig auch geliebte Kinder unseres Gottes!
Geliebte Sünderlein!

2. Christus, unser Bruder und der Hohepriester

Und wo finden wir diese Liebe ?
Wir finden sie in den Menschen, die uns trotz und mit all unseren
Schwächen lieben und uns verzeihen
und wir sehen diese Liebe in Jesus Christus.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit
leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde!

Jesus, unser Bruder.
ER kennt unsere Gefühle, unsere Ängste, unsere Grenzen,
weil auch ER ihnen ausgesetzt war.
ER leidet mit unserer Schwachheit.
ER weiß um die Versuchungen dieses Lebens.
Und ER hat ihnen widerstanden.
Das unterscheidet IHN von uns.
ER ist versucht worden in allem wie wir,
doch ohne Sünde.

Und darum ist Er unser Hoherpriester.
Dieser Name, diese Bezeichnung lässt aufhorchen.
Als Christus, als Messias, als König ist uns Jesus geläufig,
aber als Hoherpriester?
Waren es doch gerade die Hohenpriester und Schriftgelehrten,
die Jesus nach dem Leben trachteten. Gnadenlos und unbarmherzig.

Warum also verwendet der Hebräerbrief ausgerechnet diesen Titel für
Jesus?

Der Hohepriester war für die Judenchristen ---
und an sie richtete sich dieser Brief als erste ---
die Instanz, die zwischen ihnen und Gott vermittelte.
Der Hohepriester war das Medium, der Mittler,
der Stellvertreter des Volkes,
durch den der Kontakt zum Allerheiligsten hergestellt wurde.

Es war allein dem Hohenpriester vorbehalten,
den Vorhang des Tempels zu öffnen und das Allerheiligste,
das sich dahinter verbarg, mit eigenen Augen zu schauen.

Die Hohenpriester in Israel waren Angehörige besonderer
Familien. Hoherpriester konnte man nicht so einfach werden.
Der Stammbaum musste für dieses Amt passen.

Der Hebräerbrief sieht Jesus als neuen Hohenpriester
und verleiht diesem Amt damit eine neue Qualität.
Denn anders als alle Hohenpriester bisher,
und mochten sie aus noch so angesehenen Familien stammen,
ist Jesus der Einzige,
der ohne Sünde ist.
Wenn der Hebräerbrief Jesus als den Hohenpriester darstellt,
so will er uns damit sagen, dass die Heiligkeit Gottes, nicht mehr
hinter einem Vorhang verborgen liegt, sondern dass wir in Jesus das
Heilige selbst erkennen:
Das wahre Menschsein,
getragen von der Liebe Gottes,
leidend in den Versuchungen,
doch ihnen widerstehend.
Das wahre, ursprüngliche Menschsein ohne Sünde.
Jesus, der neue Hohepriester, der Sohn Gottes, hat die Himmel durchschritten.

Und wer die Himmel durchschritten hat, der hat den Tod überwunden.
Der Vorhang im Tempel zerriss nicht von ungefähr zu der Stunde, als Jesus auf Golgatha starb.
Er zerreißt, weil es nichts mehr zu verhüllen und zu verbergen gibt.
Im Kreuz steht die Heiligkeit unseres Gottes aller Welt vor Augen.

Der, der ohne Sünde ist, stirbt für unsere großen und kleinen Sünden.
Stellvertretend für das Volk – für uns alle.
Das ist das Amt des neuen Hohenpriester.
Und ER durchschreitet die Himmel und kehrt nach drei Tagen wieder,
damit das Leben weiter geht.
Mit einer neuen Qualität.

Mit der Gewissheit des Glaubens.
So gewiss wir Sünder sind und bleiben werden,
so gewiss ist auch die Unerschöpflichkeit der Liebe Gottes zu uns.

Das, liebe Gemeinde, ist kein Freifahrtschein,
dass wir tun und lassen können, was wir wollen.

Nein, im Kreuz erkennen wir ja unser wahres Menschsein, unsere Bestimmung und sehen darin auch unser Scheitern, unsere Sünde und wie weit wir immer wieder und immer noch von unserem wahren Menschsein entfernt sind.

4. Wir haben eine Orientierung

Und gleichzeitig erkennen wir im Kreuz und spüren wir in der Auferstehung Jesu Christi die unendliche Liebe Gottes zu uns,
seine Geduld und seine Treue.

Uns trennt nach wie vor die Sünde von unserer eigenen Bestimmung,
von unserem wahren Menschsein,
und gleichzeitig hat uns Gott einen neuen Raum eröffnet.
Einen Raum, der nicht mehr durch einen Vorhang von uns getrennt ist.
Einen Raum, in dem wir das Heilige sehen und in dem wir Barmherzigkeit empfangen werden.-
Es ist der Raum unserer Kirche,
unserer Kirchen, in dem wir den Gekreuzigten vor Augen haben.

Im Gegenüber zu IHM erkenne ich,
was ich getan und was ich auch nicht getan habe.
Und ich fange an, mich zu schämen -
Vielleicht geht es ihnen da ähnlich.

Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Also nicht erst am Ende aller Zeiten, sondern jetzt, heute und hier:
im Bekenntnis unserer Schuld, in der Vergebung und im Abendmahl.
Immer dann, wenn wir es besonders nötig haben.
Und wann hätten wir das nicht?

Gnade vor Gott zu finden, ist ein großartiges Gefühl, das trägt.
Ein unverdientes Geschenk.

Und dieses Geschenk würdigen wir wohl am besten, indem wir auch gnädig mit denen umgehen, die mit uns leben.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Martin Adel: Ehe

14.2.2010 - Valentinstag

Lukas 15,11-32
11 Und Jesus sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne.
12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.
13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben
15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.
16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.
17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!
18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.
19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!
20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn.
21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße.
22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße
23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; laßt uns essen und fröhlich sein!
24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen
26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.
27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.
28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.
29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.
30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verpraßt hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein.
32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.



Liebe Gemeinde,
stellen Sie es sich doch vor ihrem inneren Auge vor. Ein tanzendes Paar. Erinnern wir uns noch, wie es war? Das Gefühl, die Hand es anderen in der meinen zu spüren? Die Berührung von Wange und Wange. Der verstohlene Blick: Ich schau sie an. Sie schaut mich an. In der Menge von tausenden von Menschen entdeckt er mich und ich entdecke ihn. Du und Ich. Ich und Du.
Erinnern wir uns noch – auch wenn wir es vielleicht schon lange nicht mehr gespürt haben. Die Bewegungen, die Entscheidungen – gemeinsam, wie aus einem Guss. Leichtfüßig im Wind sich wiegend. Zwei, die eins sind. Und obwohl der Mond nur fahl im Licht steht pulsiert das Herz – ein Herz und eine Seele.

Erinnern wir uns noch? Wie es war? Wie es am Anfang war? Wie es noch ist? Oder wieder ist?
- Hör ich da ein kleines Seufzen, ein Schwelgen? Seh ich da ein wehmütiges Sehnen in manchen Augen?
Oder war es nie so? Haben wir es uns verboten oder ist es uns ausgetrieben worden?
Oder haben wir es einfach vergessen? Ist es uns verloren gegangen, über den Jahren, hinter den Jahren, neben den Kindern, dem Beruf, dem Alltag? Dieses Gefühl des tanzenden Paares

Verlorene Liebe
Schön, dass sie gekommen sind. Mutig hier her. Bestärkend: Ja, die Ehe ist eine gute Gabe Gottes. Fragend: War es die richtige Entscheidung? Zweifelnd: Kann die Ehe eine gute Gabe Gottes sein, wo wir doch so schwer daran tragen. Jung und dumm gewesen und nur zu sehr ernüchtert in all den Jahren?
Einigen unter uns ist das Ja schon einmal zerbrochen. Sie sind daran gescheitert. Unschuldig – schuldig, Täter und Opfer und ich habe noch keinen getroffen, der darauf stolz war, wenn die Liebe zerbrach. Im Gegenteil. Beim Erzählen wird sie wieder wach, die Wut, der Schmerz, das Leiden, der zweite, der dritte Versuch zum Neuanfang und zum Schluss bleiben doch nur Scherben und unsere Kinder mit tiefen Verletzungen und Großeltern mit großen Verunsicherungen.

Verlorene Liebe. Verlorene Jahre?
In der Ehe? Nach der Ehe?

Nein!

Lassen wir uns nicht durcheinander bringen.
„ … aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ – dieses Wort gilt: auch für uns und über uns.
Es ist nämlich zunächst und zuerst die Liebe Gottes über uns und für uns und er steht bereit und hält seine angenagelten Hände für uns weit ausgebreitet, dass wir kommen und ihm in die Arme werfen – egal, ob wir als Verlorene kommen, so wie der verlorene Sohn, umgekehrt, weil wir alles aufs Spiel gesetzt haben und neu beginnen wollen. Oder ob wir geblieben sind und über dem Bleiben alles Gefühl verloren haben, hartherzig verhärtet, wie der Ältere, eifersüchtig. Im Gesetz der eigenen Rechtschaffenheit gefangen.

Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht, warum sie hier sind. Aber wir, meine Frau und ich sind hier, weil wir nur allzu sehr wissen, wie zerbrechlich und störanfällig das Zusammensein immer wieder auch ist. Je näher man sich ist, desto schmerzhafter kann der Streit, wenn die Wut in einem hoch kocht. Und deshalb brauchen wir neben und hinter und über unserem Ja und der Treue zu einander immer wieder das JA Gottes und seinen Segen.
Denn die Liebe kann man nicht wieder hineinreden, wenn sie einem abhanden gekommen ist. Aber man kann sie sich neu schenken lassen. So unvermittelt, wie sie am Anfang da war, ohne dass man gefragt hat: Du – Ich / Ich – Du. So kann sie zurück kommen, wenn wir uns aufschließen lassen, wenn wir uns öffnen lassen und sich dabei unser Blick wieder weitet und wir dabei versöhnlicher werden. Denn unser Blick verändert sich. Wie sagte es letzthin eine Frau zu mir:
Damals war ich so überglücklich, dass der mich angesehen hat. Und ich war so froh, dass ich ihn hatte.
Und dann verändert sich etwas und heute denke ich manchmal: Der kann froh sein, dass er mich hat.

Das zeugt von einem neuen Selbstbewusstsein, das da gewachsen ist. Ist das nicht toll. Aber man hat es auch gewonnen durch den anderen und an ihm und mit ihm. Manchmal in der Unterstützung und manchmal im Widerstand. Und ich sehe mich in einem neuen Licht.

Keiner von uns will nur durchhalten. 20 / 25 / 30 Jahre. Das wäre auch verfehlt. Ohne dich bin ich weniger. Mit dir bin ich mehr. Das ist der Anfang und das ist auch das Geschenk, das uns Gott in der Partnerschaft bereit hält.
Lassen wir es uns neu schenken.
Sucht, fragt, überlegt, probiert aus – eine neue Sichtweise. Langsam geht es, aber versuchen kann man es trotzdem: Den Blick mal von links, anstatt von rechts. Nicht mit der lauernden Haltung, wann er nur wieder den nächsten Fehler macht. Welch furchtbares Gesetz. Die Ehe als täglicher Kriegsschauplatz?
Barmherzigkeit und Vergebung sind zwei festen Säulen, um miteinander alt zu werden, und wenn ihr keines von beiden mehr könnt, dann kommt zu mir in die Seelsorge oder nehmt den Freund, die Freundin mit ins Boot. Den Bruder, die Schwester.
Und dann überspringt euren eigenen Schatten – im Gebet vor Gott liegend. Was kann ich? Was schaff ich? Ohne Mut und Vertrauen geht es eh nicht. Weder im Glauben noch im Leben.
Und plötzlich kommt es mir über die Lippen: „Das hast du so schön gemacht!“ und der andere hört es und denkt nicht gleich argwöhnisch: „Was will er denn jetzt?“
Ihr Männer: Wann habt ihr das letzte Mal eure Frauen beachtet und wertgeschätzt?
Ihr Frauen: Wann habt ihr das letzte Mal eure Männer bewundert und gelobt?
Fremde Worte? Fremdgewordene Worte?
Dann wird es wieder einmal Zeit, sich zu verändern. Denn unser Denken und Verstehen und unser Herz ist völlig blockiert.
Eine Kollegin sagte letzthin im Gespräch: Das wichtigste ist für mich die Zusage, „dass mich Gott liebt, obwohl er mich kennt“
Und das sollte uns anspornen. Auch in unseren Ehen.
Dass wir zurück finden zu einer zweiten Naivität und einer neuen Liebe. „Obwohl sie diese Eigenheiten hat, liebe ich sie!“
Und der eine muss dazu umkehren, so wie es im Evangelium, der jüngere Sohn getan hat. Und keiner hat es ihm vorgeschrieben, sondern er selbst ist zu der Einsicht gekommen: 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße …. 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.
Und der andere muss sich wie der ältere Sohn aus seiner Ecke, in die er sich beleidigt und gekränkt verkrochen hat, ins Haus zurück rufen lassen, so wie es hier heißt:
Mein braver Sohn. Du hast alles richtig gemacht. Du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Ich weiß ja nicht, wie die Rollen in ihren Partnerschaften verteilt sind. Eines ist jedenfalls klar:
Gott kommt zu uns beiden – mit ausgebreiteten Armen. Und ER will uns den Weg ebnen zu einem neuen Anfang, weil es um nichts weniger als das Leben geht, so wie es hier heißt:
32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Partner war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.
Lassen wir uns davon anstecken – wenn es nicht schon längst geschehen ist.

Amen