20100723

Werner Otto Sirch: Der neue Mensch

11.7.2010 - 6. Sonntag nach Trinitatis

Predigt Römer 6,2-11

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. 10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.


Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Die Taufe ist das Thema unseres Predigttextes. Gerade älteren Gottesdienstbesuchern, die in ihrer Konfirmandenzeit noch den Kleinen Katechismus von Martin Luther auswendig lernen mussten, ist es noch im Ohr, was Luther zu diesem Thema schreibt. Im vierten Artikel nimmt er Bezug auf unseren heutigen Predigttext. Es heißt dort:
Was bedeutet denn solch Wassertaufen?
Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.
Wo steht das geschrieben?
Der Apostel Paulus spricht zu den Römern im sechsten Kapitel: Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Wir erleben immer wieder, dass der alte Adam, der alte Mensch, der nach Luther „durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden“, schwimmen kann. Das heißt, er macht uns oft ziemliche Not. Wie das so gehen kann, habe ich in einer kleinen, humorvollen Geschichte gefunden, die Helmut Siegel aufgeschrieben hat:

Der Pfarrer war auf einer Fortbildung gewesen, es ging um Süchte und Abhängigkeiten. Er hatte etwas gelernt. Mit dem Pfeiferauchen sollte nun Schluss sein. Er nahm seine drei Pfeifen, packte sie in ein Kästchen und ging in den großen Pfarrgarten. Unter einem Baum grub er ein Loch und legte das Kästchen mit den Pfeifen hinein, dann schaufelte er es zu, machte einen kleinen Grabhügel, und im Hochgefühl des Triumphs über seine Schwachheit nagelte er ein Schild an den Baum, auf das er schrieb: "Hier ruht der alte Adam!"

Die Pfarramtsgeschäfte häuften sich, zu dem Konfirmandenunterricht kam eine außerordentliche Sitzung des Kirchenvorstandes, dazu zwei Beerdigungen, und als die Arbeit an der Sonntagspredigt überhaupt nicht zum Erfolg führen wollte, ging er in den Garten und grub das Kästchen mit den Pfeifen wieder aus. Er stopfte eine Pfeife, zündete sie an, nahm ein paar Züge und siehe da, auf einmal war er da, der Einfall für die Predigt. Glücklich vor sich hin paffend ging er wieder an den Schreibtisch, keine zwei Stunden später schrieb er das Amen unter die Predigt Er legte die aufgerauchte Pfeife weg, stopfte sich als Belohnung eine neue und ging in den Garten. Da sah er, wie seine Frau das Loch betrachtete, in dem die Pfeifen begraben waren, dann zu dem Schild ging, las, was er geschrieben hatte, sich bückte und mit einem dicken Stift etwas auf das Schild schrieb. Neugierig ging er zu dem Baum, an dem noch seine Frau stand und ihn stirnrunzelnd ansah. Dann las er, was sie geschrieben hatte zu seinem "Hier ruht der alte Adam!" Da stand: "Nach drei Tagen wieder auferstanden!"


So richtig aus dem Leben gegriffen scheint diese Geschichte. Sie zeigt uns, wie es Dinge, Gewohnheiten, Fehlverhalten gibt, die uns richtig hartnäckig im Griff haben. Auch wenn wir das ablehnen und uns über uns selbst ärgern, immer wieder machen wir den gleichen Mist. Wir kommen nicht davon los, können nicht sein lassen was wir eigentlich gar nicht möchten. Der alte Adam, der alte Mensch kann schwimmen. Wir können uns über uns ärgern, können ihn täglich ersäufen, der alte Mensch in uns macht uns schwer zu schaffen.

Paulus sagt, dass dieser alte Mensch in uns, der mit „den Sünden und bösen Lüsten“, sterben muss, damit etwas neues wachsen kann. Ich kann auch ein anderes Bild verwenden: Unser Herzenshaus muss gereinigt, ausgefegt werden. Als entscheidendes Ereignis, dass dieser „alte Mensch“ in uns stirbt, sieht Paulus in unserer Taufe. Er schreibt den Christen in Rom, dass die Taufe auf Jesus Christus ihr altes heidnisches oder jüdisches Leben beendete. So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod. Das ist wie wenn zwei Menschen heiraten. Mit ihrer Heirat gehen sie eine unlösbare Verbindung ein. Es ist ein neuer Stand in dem sie sich dann befinden. Ihre Heirat bestimmt ihr weiteres Leben. Es ist ein anderes, ein neues Leben.

So ist es auch mit der Taufe. Die Entscheidung sich taufen zu lassen, ist die Entscheidung zum Taufbund, zur „Übereignung an Christus“. Es ist ein anderes, ein neues Leben. Sich taufen zu lassen war schon damals, zur Zeit des Paulus, und ist auch heute noch eine öffentliche Entscheidung. Die Getauften werden an Jesus übereignet. Ein Buchhalter würde sagen: Der Getaufte wird auf das Konto von Jesus gebucht. Er wird dem Konto von Jesus gutgeschrieben, ein Haben bei Jesus.

Sich taufen zu lassen ist eine der grundlegenden Entscheidungen, die ein Menschen für sein Leben trifft. Und so drängt sich uns die Frage auf, ob wir dann Kinder taufen können, die diese Entscheidung für sich noch nicht treffen können. Denn eine Taufe als magisches Geschehen, in dem eine Formel über einem Menschen gesprochen wird ist sinnlos, denn hinter der Taufe will die Entscheidung stehen, dass mein Leben an Jesus Christus übereignet wird, dass es ihm gehört. Es ist die Entscheidung, dass der „alte Mensch“ durch die Taufe mit Jesus Christus gekreuzigt, getötet und begraben wird. Die Taufe wird so zum Todesurteil für den „alten Menschen“ in uns. Er erfährt durch die Taufe seine Hinrichtung und Begräbnis.

Wie können wir auf dem Hintergrund dieser paulinischen Theologie Kinder taufen? Hier vorne in unserer Kirche sitzen unsere Konfirmanden, was bedeutet das für ihre Taufe?

Auf der offiziellen Webseite der Evangelischen Kirche in Deutschland können wir zum Thema Taufe folgendes lesen: Die Geburt eines Kindes ist ein Geschenk Gottes. Eltern antworten darauf, indem sie ihr Kind taufen lassen. Gott spricht in der Taufe den kleinen Kindern seine Liebe zu, unabhängig davon, wie sie sich verhalten.
Eltern und Paten haben dann die Aufgabe, stellvertretend für die Kinder den Glauben zu bezeugen und den Kindern von ihrem christlichen Glauben, aber auch von ihren Zweifeln zu erzählen. Später in der Konfirmation bekräftigen die Jugendlichen selbst ihr Ja zum Glauben an Jesus Christus.

Es ist schade, nein, aus der Sicht des Glaubens unverantwortlich, dass heute nicht mehr alle als kleine Kinder Getauften zur Konfirmation gehen, um dort ihr ganz persönliches Ja zu ihrer Taufe zu sprechen. Das ist so, als hätten sie eine wunderbare Freifahrkarte bekommen und diese in eine Tasche oder Schublade gesteckt, ordentlich aufgehoben aber nicht benutzt. Ihr lieben Konfirmanden, eure Konfirmandenzeit ist eine wunderbare Gelegenheit zu dem ganz persönlichen Ja zu Jesus Christus zu kommen, das euch fest mit ihm verbindet und ihn zum Herrn und Heiland eures Lebens macht.

Liebe Gemeinde,
wir sollen uns hüten zu meinen der alte Adam, der alte Mensch, könnte verbessert (gebessert) werden. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum wenn wir meinten der neue, mit Christus auferstandene Mensch, wäre jetzt eine veredelte, eine gereinigte und verbesserte Form unseres alten Wesens. Der alte Mensch muss sterben, sagt Paulus, ihm gebührt nur der Tod. Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Weil Jesus uns Anteil an seinem Auferstehungsleben schenkt, können wir in diesem von aller Schuld befreiten neuen Leben wandeln. Es reicht nicht, wenn wir uns von der Vorstellung leiten lassen, dass ich als Christ hier auf Erden mein Leben allein zu führen habe und oben über den Sternen ist irgendwie Jesus, der mich freundlich anblickt und mir auch hier und da seine Hilfe zuteil werden lässt.
So würden wir nie zu dem Wandel kommen, von dem Paulus schreibt: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. So würde unser Leben nie mit Christus verwachsen. Wir würden weiterhin Sklaven der Sünde bleiben. All unsere Versuche, den alten Menschen selbst zu kreuzigen und die Sünde zu unterdrücken, müssen scheitern. Wer kann sich selbst kreuzigen? Durch Christus, seinen Tod und seine Auferstehung und indem wir ihm unseren alten Menschen übergeben und ihn Herr sein lassen über unser Leben, wird der Leib der Sünde zwar nicht vernichtet, aber abgetan und außer Kraft gesetzt, unwirksam gemacht.

Das ist Grund zur Freude, dass wir nun nicht mehr Sklaven der Sünde sind. Die Sünde ist zwar noch da, durch unser Ja zu dem was in unserer Taufe geschieht, dass unser „alter Mensch“ in den Tod hineingetauft wird, sind wir freigesprochen von jedem Rechtsanspruch den die Sünde an uns hat.

In den größten Anfechtungen hat Martin Luther an die Wand seiner Zelle geschrieben: Ich bin getauft … . Darum ist es wichtig, dass wir uns immer wieder an unsere Taufe erinnern und in Stunden, in welchen uns der „alte Mensch“ plagt auf unsere Taufe berufen und sie gegen Welt, Sünde und Hölle bekennen: Ich bin getauft auf Jesu Namen. Amen.

20100701

Martin Adel: Beispielhaft leben

27.6.2010 - 4. Sonntag nach Trinitatis
Röm 14,10-13


Liebe Gemeinde,
in einem Fastenkalender standen auf einem Kalenderblatt nur diese zwei Sätze:

Nehmen wir an, es kämen welche und wollten sie verhaften, weil sie ein Christ sind. Fänden sie genug Beweise, um sie zu überführen?

Und eigentlich können wir uns nur wünschen: Hoffentlich finden sie genug Beweise dafür, dass wir Christen sind. Denn eines ist uns ja allen klar, dass es nicht beliebig ist, wie wir als Christen leben. Es muss spürbar und sichtbar sein, äußerlich und innerlich, was uns trägt und hält und was unser Handeln und Denken beeinflusst.

1. Die Kirche als moralische Instanz
Bei Taufgesprächen sagen viele Eltern, wir wollen unser Kind taufen lassen, weil wir die Ziele und die Moral der Kirche gut finden – eine gute Lebensbasis auch für unsere Kinder.
Mir ist das immer ein bisschen zu wenig, weil es ja eher umgekehrt ist. Der Glaube macht uns zu moralischen Menschen und nicht die Moral zu Glaubenden. Aber das ist ein anderes Thema.
Eines ist jedenfalls klar: auch diese Eltern wollen, dass an der Kirche und an den Menschen in ihr sichtbar wird, dass sie Christen sind – und sie wollen sich dazu halten.
Wir müssen nicht perfekt sein, aber für uns muss die Wahrheit wahr bleiben und die Lüge eine Lüge und das Dunkle muss ans Licht kommen und darf nicht vertuscht werden – publicity hin oder her.

Die Zehn Gebote, die Nächstenliebe, die Feindesliebe, die Chance zu Umkehr und Vergebung, die Anforderung moralisch zu handeln – all das will man von uns sehen oder zumindest, dass wir uns darum bemühen und dass sie für uns gelten.

Und deshalb brauchen wir für unser Leben Leitlinien und eine Urteilskraft: Was tue ich? Was lasse ich? Was ist gut? Was ist falsch?
Prüfet alles und das Gute bewahret heißt es 1 Thess 5,21

2. Achtung: Urteilen – nicht aburteilen
Wir brauchen ein Urteil und eine Orientierung. Gerade unsere Jugend muss lernen zu unterscheiden, was ihrem Leben nützt und was ihm schadet. Die Versuchungen sind groß – schon immer gewesen.
Da hilft nicht das Angst machen, sondern das Stärken der Urteilskraft und des Selbstbewusstseins, um auch „Nein“ sagen zu können. Aber mit unserem Urteilen geht leider oft gleichzeitig ein Verurteilen einher und deshalb schreibt Paulus, beeinflusst von den Worten Jesu:
10 Warum verurteilst du dann deinen Bruder oder deine Schwester? Und du, warum verachtest du sie?
Und in der Evangeliumslesung haben wir gehört:
37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. … 41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

Urteilen. Beurteilen. Verurteilen?
Aber wir müssen doch urteilen, um unser Leben ordentlich zu führen. Wir müssen doch Entscheidungen treffen, dass wir den gefunden Geldbeutel beim Fundbüro abgeben und das vergessene Handy nicht einfach mitnehmen.
Und manchmal fällt uns das schwer, das nicht zu tun und andere machen sich gar kein schlechtes Gewissen oder zerstören ihr Leben und unseres womöglich noch mit.
Da müssen wir doch die Hand erheben …
Natürlich müssen wir urteilen, aber: wir sollen uns hüten auch den anderen danach zu beurteilen oder womöglich noch zu verurteilen.

Ein Beispiel dazu:
Ich machte in meiner früheren Gemeinde einen Geburtstagsbesuch. Leider gab es auch da viele Menschen, die mit dem Alkohol so ihre Probleme hatten. Und dann klingle ich morgens um 10.30 Uhr an der Tür und will zum 75.Geburtstag gratulieren. Nach nochmaligem Läuten öffnet sich die Tür und eine ältere Frau steht schwankend vor mir und spricht verschwommen ihren Dank aus. Ich werde nicht herein gebeten. Sie können sich vorstellen, was ich mir gedacht hatte.
Ein halbes Jahr später treffe ich dieselbe Frau bei meinen Besuchen im Krankenhaus. Ich Gespräch wird mir bewusst, dass sie schon vor zwei Jahren einen schweren Schlaganfall hatte und ihr Mann sich rührend um sie kümmert.
Sie können sich vorstellen, wie es mir nach diesem Besuch ging. Ich habe mich geschämt.

4. Gott sitzt auf dem Richterstuhl
Wir Menschen neigen dazu, sehr schnell die Welt nach unseren Urteilen aufzuteilen und abzurichten.
Und da schiebt Paulus einen Riegel vor.
Du Mensch, du weißt nicht alles und deshalb sitzt auch nicht du auf dem Richterstuhl, sondern Gott.
Gott sei Dank.
Wir erinnern uns vielleicht noch, wie es damals war:
Wie haben wir die Welt beurteilt, als wir noch 20 waren – in Gut und Schlecht und komischer Weise war man selbst sehr oft auf der Seite der Guten. Und dann waren wir 40 und die ersten Lebenskrisen haben den eigenen Blickwinkel verändert und dann sind wir 70 und sind darüber hoffentlich barmherzig geworden. Nicht beliebig, sondern gnädig.
Wie sagte es Jesus (Lk 6,36): 36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

5. Beispielhaft leben

Und Paulus schreibt deshalb in seinem Brief an die Römer diese Worte, die unser heutiger Predigttext sind:
10 Warum verurteilst du dann deinen Bruder oder deine Schwester? Und du, warum verachtest du sie? Wir werden alle einmal vor Gott stehen und von ihm gerichtet werden. 11 In den Heiligen Schriften heißt es ja: »So gewiss ich, der Herr, lebe: Alle werden vor mir auf die Knie fallen, alle werden Gott die Ehre geben.« 12 So wird also jeder Einzelne von uns sich für sein eigenes Tun verantworten müssen. 13 Hören wir also auf, uns gegenseitig zu verurteilen! Seid vielmehr kritisch gegen euch selbst, wenn ihr euch im Glauben stark fühlt, und vermeidet alles, was einem Bruder oder einer Schwester Anstoß bereiten oder sie zu Fall bringen kann.

Paulus richtet unseren Blick auf uns zurück. Betrachte nicht die anderen, sondern sieh auf Dich – das ist verheißungsvoller. Zieh deine Kraft zum Handeln nicht daraus, dass du die anderen schlecht machst, um damit selbst besser dazustehen.
Es reicht, wenn du versuchst selbst ein Beispiel zu geben – durch dein Leben. Kein selbstgefälliges, sondern ein wohlgefälliges. Nicht für dich selbst und dein eigenes Gewissen, sondern für den anderen. Kein scheinheiliges Leben, sondern ein geheiligtes – damit wir die Schwachen nicht vor den Kopf stoßen und damit zu Fall bringen.

Unsere Kritiker und die, die gegen die Kirche ins Feld ziehen werden wir damit nicht überzeugen, aber die, die sich auf den Weg gemacht haben, die Suchenden, weil sie spüren, welchen Reichtum und welch großen Schatz der Glaube birgt, die sollen wir nicht zu Fall bringen.
Auch unsere Konfirmanden brauchen uns als gute Beispiele und Vorbilder, dass sie an uns sehen, was es heißt, mit Christus sein Leben zu meistern. Keine Gemeinde von Saubermänner, sondern aufrechte, redliche Menschen – „die Gemeinde der Sünder“, denen man abspürt, dass sie aus der Barmherzigkeit und der Vergebung Gottes leben. Täglich.
Wenn das gelingt, dann ist schon sehr viel gewonnen.
in einem Fastenkalender standen auf einem Kalenderblatt nur diese zwei Sätze: Nehmen wir an, es kämen welche und wollten sie verhaften, weil sie ein Christ sind. Fänden sie genug Beweise, um sie zu überführen?
Und wir können nur sagen: Hoffentlich.

Amen

Martin Adel: Wir teilen Sünden zu - Gott rettet den Sünder

20.6.2010 - 3. Sonntag nach Trinitatis

1. Hinführung
Liebe Gemeinde,
lassen sie mich zu Beginn einen Zeitungsausschnitt der Frankfurter Rundschau aus dem Jahre 1986 (FR vom 4.3.86) vorlesen. Unter der Überschrift "Muttermörder wurde Pfarrer" – steht da zu lesen: »Mit überwältigender Mehrheit« haben die Mitglieder zweier schottischer Gemeinden den wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilten James Nelson zum Gemeindepfarrer gewählt. 283 stimmten dafür, 76 dagegen. 1970 hatte der damals 24jährige nach Familienstreitigkeiten seine Mutter erschlagen. 9 Jahre nach seiner Verurteilung war er auf Bewährung entlassen worden. Während der Haftjahre hatte er sich auf das Theologiestudium vorbereitet, das er danach aufnahm und erfolgreich abschloss. »Die Kirchenbehörden (so heißt's im Artikel) hatten seine erste Bewerbung als Pfarrer abgelehnt, doch war es Nelson schließlich gelungen, sie davon zu überzeugen, dass er sich trotz seiner Vergangenheit zum Geistlichen berufen fühle.«

Wie hätten sie entschieden? „Muttermörder wurde Pfarrer“. Wäre er es bei uns geworden?
Sicherlich ist das ein extremes Beispiel und unser Leben läuft meistens wesentlich undramatischer ab. Aber das Thema für den heutigen 3. Stg. nach Trinitatis ist „das Wort von der Versöhnung“. Und Paulus nimmt es in den Mund, der Paulus, des zwar kein Muttermörder war, aber ein Christenverfolger.
Viele haben damals skeptisch auf ihn gesehen. Mit Argwohn. Kann so einer ….? Ist das echt ….?

2. Predigttext 1 Tim 1,12-17 (Einheitsübersetzung)
Und so lesen wir in unserm heutigen Predigttext im 1 Brief des Timotheus im ersten Kapitel:
12 Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, 13 obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. 14 So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. 15 Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. 16 Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen. 17 Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.

3. Gott rettet den Sünder
Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Das ist das Zentrum unseres Predigttextes. Das ist das Zentrum der Lebensgeschichte, ob von Paulus oder von dem schottischen Pfarrer. Beide, der Muttermörder und Paulus bereuen ihre Taten. Sie leiden unter dem, was passiert ist und flüchtet sich zu Jesus, der nicht sagt: Dich soll diese Tat dein Leben lang wie ein Fluch verfolgen. Sondern: "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten." Solche Worte bräuchte unser Leben und unsere Welt viel öfter. Ein Wort des Erbarmens. Ein Wort der Versöhnung.
Das Geschehene wird dadurch nicht rückgängig gemacht. Auch der Muttermord wird dadurch nicht bagatellisiert und entschuldigt. Das Verbrechen, die Sünde, bleibt in seiner ganzen Härte bestehen, aber Gott will nicht, dass nun darüber noch eines seiner Geschöpfe über dieser Sünde Willen zugrunde geht – nämlich der Mörder. Gott verurteilt die Sünde, aber er schiebt mit seiner Gnade und seinem Erbarmen der Sünde einen Riegel vor, dass der Fluch der Tat nicht noch mehr Menschenleben fordert, nämlich auch das noch das des Sünders. Die Menschheit kennt es doch nur schon zu lange, die Blutrache oder diesen grausamen Satz: "Das werde ich dir nie verzeihen.“
Gott rettet nicht die Sünde, sondern den Sünder.
Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste schreibt Paulus, und er bezeichnet sich selbst als Missgeburt, der es nicht wert ist Apostel genannt zu werden, weil er die Kirche Jesu Christe verfolgt hat. (1 Kor 15,8f). Und genau diesem Paulus schenkt Gott Kraft. An ihm beweist er Gott seine Langmut, sein Erbarmen und seine Gnade. Den Unglauben des Paulus verwandelt Christus in Glauben.
Denn am Anfang steht bei Gott nicht die Schuldzuweisung. Am Anfang steht nicht die Strafe. Am Anfang steht das Erbarmen Gottes: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Und Paulus fragt er: „Warum verfolgst du mich?“
Als der verlorene Sohn umkehrt und zurück kommt zu seinem Vater, tunkt er den Sohn nicht noch tiefer in seinen Morast. Nein. Er, der Herr, der sich sonst nur würdig wie ein Herr fortbewegt, läuft ihm sogar entgegen – mit weit ausgebreiteten Armen!

4. Wir teilen Sünde zu
Wir sind es, die schnell bei der Hand sind Sünden zuzuteilen. Wir sind es, die oft so grausam unbarmherzig miteinander umgehen – wie der ältere Bruder. Unverzeihlich. Ewig nachtragend. Da bleiben Eltern von der Hochzeit ihrer Kinder weg. Da wird die Schwiegertochter jahrelang mit Argwohn behandelt. Da wird in den Familien über Generationen hinweg die Feindschaft weitergegeben. Und in Schulen wird manchmal der Stempel dem Kind aufgedrückt, den sich der Vater oder die Mutter 20 Jahr zuvor geschnitzt haben. „Der ist doch genauso wie ...“
Anstatt wahrzunehmen, woran mein Nächster leidet - und Sünde ist immer etwas, worunter wir Menschen leiden - anstatt zu sehen, dass einer an seiner eigenen Person leidet und ihm zu helfen, wieder h e i l zu werden, kommen wir, und setzen noch einen drauf: Schau ihn dir an: der!
Anstatt einander zu tragen sind wir nachtragend. Und wie viel Energie wird dann oft verbraten, nur um ja keinen Fehler selbst eingestehen zu müssen. Ist das die Welt, die wir wollen?
Christus jedenfalls steht für eine andere Welt, weil er wusste, dass so nie Frieden werden kann.

5. Aus der Vergebung leben
So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.
Das ist das Wort, das wir ausbreiten sollen. Das ist das Wort, dem wir nachleben sollen. Haben wir das vergessen! Wir leben aus der Vergebung, die uns selbst täglich geschenkt wird. Und dann werde ich frei darüber. Muss nicht mehr selbst vertuschen, wo ich gefehlt habe oder fehlbar bin. Wir sind gerechtfertigte Sünder. Und darin liegt die befreiende und freudige Botschaft des Evangeliums. Ich darf mir eingestehen, dass ich das, was ich eigentlich nicht wollte, doch getan habe und darf darum Gott und meinen Nächsten um Vergebung bitten. Und ich muss nicht die Angst haben dabei mein Gesicht zu verlieren.
Endlich muss ich mir und den anderen nicht mehr vormachen, wie unfehlbar, wie makellos, wie toll, wie gut, wie lebensfreudig, wie nächstenliebend, wie glaubenstreu ... ich bin. Sondern ich darf sein. Gerechtfertigt vor Gott werde ich meine Verfehlungen erkennen und kann sie darum verändern. Gerechtfertigt vor Gott weiß ich um mein eigenes Beschenktsein und kann darum barmherzig werden.
Gerechtfertigt vor Gott, kann ich darum in die Schlussworte des Paulus mit einstimmen:
"Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen."

20100614

Ute Lehnes-de Fallois: Predigt zum Gemeindefest

13.6.2010 - 2. Sonntag Nach Trinitatis

Ephesser 2,17-22
17 Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,
21 auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.


1.Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

Liebe Gemeinde!

Immer wieder stellt sich uns die Frage:
Wie können wir heute denn unseren Glauben an Jesus Christus überhaupt noch überzeugend leben?
Den Glauben an den, der uns täglich seinen Frieden schenken und uns eben nicht allein lassen will? (So wie wir es eben gesungen haben.)
Und der uns versprochen hat, stets bei uns zu sein?
Welche Gestalt hat denn dieser Friede?
Und wo können wir ihn sehen und spüren?

Ich erinnere mich, dass wir als Kinder oft „Cowboy und Indianer“ spielten, draußen im Hof .....
Und natürlich haben die Cowboys gegen die Indianer gekämpft.

Nichts Ernstes, ein Spiel eben.
Aber das Kräftemessen gehörte eben dazu.
(Und nachdem ich das Puppenwagen schieben immer ziemlich schnell langweilig fand, war ich halt meistens bei den Indianern mit dabei.)
Sich verstecken, sich anschleichen und dann mit den Tomahawk, das meistens ein abgerissener Zweig von irgendeinem Busch war, gegen die Cowboys kämpfen. Das war spannend. Und die Cowboys schossen mit ihren selbstgebastelten Stöckchenpistolen zurück.

Und wenn wir genug von diesem Spiel hatten, dann stellte sich Einer hin, streckte die Hand aus uns sagte: „Frieden.“
Und der andere schlug in die ausgestreckte Hand ein und bestätigte: „Frieden.“
Und so gingen wir immer als die besten Freunde wieder auseinander.
Das ist meine Erinnerung, wie Frieden und Versöhnung aussehen, bis heute geblieben. Es gibt keine Verlierer und keine Gewinner.
Ein Handschlag und dann ist es gut.

Wie es sich anfühlt, wenn man Frieden machen kann –
und wie gut es tut,
die Hand zu reichen und die Hand eines anderen zu spüren,
das wissen viele von uns seit ihren Kindertagen.
Der Friede und die Versöhnung zwischen Freunden ist etwas ganz Wunderbares.

Der Frieden, den uns Christus schenken will geht darüber aber
noch hinaus: es ist nicht nur der Friede zwischen Freunden, zwischen denen, die sich sowieso schon lange kennen, sondern es ist auch der Friede zwischen denen, die sich fern stehen und die eigentlich in ihrem Leben noch nichts oder nur sehr wenig miteinander zu tun hatten.

Es ist der Frieden zwischen den Nahen und den Fernen.
Es ist der Frieden zwischen denen, die dem Glauben und der Kirche schon immer nahe standen und denen, die zwar getauft sind, aber sich mit der Kirche, der Gemeinde, dem Glauben und dem Gottesdienst manchmal vielleicht auch schwer tun.
Doch zwischen allen beiden soll Friede sein,
weil sie, wie es in unserem Predigttext heißt,
in einem GEIST verbunden sind.
Wer getauft ist, und an Gott glaubt,
wie immer dieser Glaube dann in einem persönlichen Leben aussehen mag, der gehört in diese Gemeinschaft hinein.
Die Cowboys und die Indianer,
die Nahen und die Fernen,
die Jungen und die Alten.

Das ist für mich ein ganz starkes Bild von Kirche.
Da schlagen Menschen ein und sagen „Friede“ –
Es soll Frieden zwischen uns sein, wir gehören zusammen, weil wir beide an den gleichen Gott glauben und seinem Frieden vertrauen.

Da bietet Kirche einen Raum,
in dem es keine Verlierer gibt,
in dem es keine Konkurrenz zwischen den besseren und den schlechteren gibt,
zwischen oben und unten,
den Armen und den Reichen.
Und damit haben wir in der Kirche ein anderes Bild von Frieden und Gerechtigkeit als das, das derzeit in unserer Gesellschaft gemalt wird.
Mag man diesem Bild auch den Titel „historisches Sparpaket“ verleihen, es wird auf Dauer nicht dem Frieden dienen, wenn immer mehr Menschen aus dem Rahmen unserer Gesellschaft fallen und keiner mehr da ist, der ihnen noch die Hand zum „Frieden“ reicht.

2.So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen TEMPEL in dem Herrn.

In der Kirche, da gehören Menschen zusammen –
Nicht als Gäste und Fremdlinge,
sondern als Mitbürger und Hausgenossen.
Als die, die ihren Zugang zu Gott gefunden haben,
zum heiligen Raum,
zur ausgestreckten Hand Gottes, die ER uns zum Frieden reicht.

Und je mehr Menschen diese Hand Gottes sehen,
sie ergreifen, spüren und einwilligen in diesen Frieden Gottes,
desto mehr wird eine Gemeinde wachsen zum „heiligen Tempel“.
Und um so stärker und selbstbewusster wird sie werden.
Und um so mehr Ausstrahlungskraft wird sie haben.

Wir brauchen uns als Gemeinde Jesu Christi hier in der Südstadt nicht zu verstecken.
Es ist nun schon zum dritten Mal, dass unser Gemeindefest im Rahmen des Fürth-Marathons stattfindet.
Dass wir uns als Kirchengemeinde auch als einen Teil dieser Stadt sehen, und uns mit unserem Selbstverständnis von Glauben und Gerechtigkeit in dieses Stadtfest heute einbringen.
Und dafür brauchen wir uns nicht zu schämen.
Vieles ist in den letzten Jahren in unserer Gemeinde gewachsen und eben auch zusammengewachsen.

So unterschiedlich wir in unserem Glauben, unserer Frömmigkeit und unserem Engagement auch sein mögen, so ist doch auch das Bild von Kirche, in der wir alle, die Nahen und die Fernen,
die Großen und die Kleinen,
die Alten und die Jungen,
ihren Platz haben, gewachsen.

So sind heute viele da, um mit zu gestalten und um mit zu helfen.
Der Posaunenchor an seinen Instrumenten,
die Kirchenvorsteher am Grill, am Kuchenbuffet und bei den Getränken, viele ehrenamtliche Mitarbeiter, die gestern schon beim Aufbau da waren, und die heute da sind, um zum Gelingen des Festes mit beizutragen.
Ich zähle jetzt nicht alle einzeln auf, weil dann vergesse ich bestimmt jemanden, und das wäre nicht gut.

Darum: Vielen Dank an alle Helfer,
und vielen Dank an sie alle, dass Sie heute gekommen sind.

Es ist viel in den letzten Jahren in unserer Kirchengemeinde gewachsen und zusammengewachsen. Und das ist gut so.

Es ist gut, dass wir heute den Gottesdienst hier außen auf dem Kirchplatz feiern und uns als Gemeinde auch hier im Stadtteil zeigen.
Dass wir als Gemeinde Jesu Christi auf den Frieden unseres Gottes vertrauen und uns auf seine Führung verlassen.

In einer Zeit, die vielen Menschen immer unsicherer scheint und in der es gilt, sich für Frieden und Gerechtigkeit zwischen den Generationen und den unterschiedlichen sozialen Herkommen einzusetzen, ist es gut, als Kirche da zu sein und sich nicht zu verstecken.

So wie es uns Jesus versprochen hat:
„Meinen Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ (Joh 14,27) Amen.

20100611

Martin Adel: Liebe vertreibt die Furcht

06.06.2010 – 1. Sonntag nach Trinitatis

Wochenspruch: Lk 10,16
Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.

Liebe vertreibt Furcht
1 Joh 4,16b - 21
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. 21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.


Liebe Gemeinde!
1. Furcht ist nicht in der Liebe
Wir allen kennen noch das Spiel aus Kindertagen:
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Niemand! Wenn er aber kommt? Dann laufen wir davon!
Und dann ist man losgerannt und durfte sich nicht fangen lassen. Ein schönes Spiel.
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Niemand! …
Doch die Kindertage sind vorbei. Wir sind erwachsen. Und was Spiel war, wird manchmal ernst und plötzlich können wir nicht mehr davon laufen. Wenn die „Furcht“ uns überfällt uns wollen wir davon laufen, aber wohin?

Ich merke, wie mich bei all den erschreckenden Nachrichten in den letzten Monaten über die Finanzkrise und die Euro-Stabilität und die Schutzschirme, die gespannt werden und die hoffentlich besser halten als die missglückten Versuche in den Tiefen des Golfs von Mexiko, wie mich bei all diesen Ereignissen trotz Lena zwischendurch immer wieder einmal die Furcht überfällt. Furcht vor der Zukunft. Denn zu den allgemeinen Ängsten kommen dann ja auch noch die persönlichen.
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann …
Und ich werde unsicher: Stimmt z.B. die Altervorsorge für mich und meine Familie. Sollte ich mich nicht anders absichern? Und was wäre besser? Und ich erschrecke über mich selber, worauf ich dann doch gebaut habe: auf die finanzielle Absicherung.
Ja, liebe Gemeinde, wir meinten, uns absichern zu können für alle Zeit und uns abschirmen zu können vor den Problemen der anderen. Und dann platzen ein paar Träume und unser Schiff kommt ganz schnell ins Schlingern.
Die Zeiten verändern sich. Und wir spüren, wie eng Wut und Ohnmacht, Hoffnung und Resignation da ganz dicht beieinander liegen. Und wir merken, wie dünn doch das Eis ist und wie schnell wir ins Schlingern geraten – gerade auch in unserem inneren Korsett. Sehr störanfällig. Und wir müssen uns fragen lassen: Worauf haben wir gebaut? Was ist letztendlich unser Fundament?

Die großen Leitbilder im letzten Jahrhundert wie Frére Roger (Schütz), Dietrich Bonhoeffer oder Dorothee Sölle kenne auch solch eine Furcht. Diese existentielle Angst. Doch gleichzeitig haben sie sie auch immer wieder überwunden, weil für sie dieses Wort wahr wurde, das uns unser heutiger Predigttext ins Stammbuch schreibt. Er steht im 1 Johannesbrief im 4. Kapitel:
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. …

2. Angst vor Strafe
… 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Wer hätte das gedacht. Die Liebe treibt die Furcht aus.
… oder ist es etwa so, dass wir mit der Strafe rechnen?
Dass wir nun die Rechnung für ein unbegrenztes und ungeregeltes Wirtschaftswachstum präsentiert bekommen. Einen zügellosen Lebensstil. Die Ölverseuchung im Golf von Mexiko. Der kälteste Mai seit 100 Jahren. Die gigantische Staatsverschuldung und die der Bürger noch dazu.
18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus;
Wenn die Furcht uns ergreift, dann werden wir zu Getriebenen und sind nicht mehr frei.
Und im griechischen Urtext steht hier das Wort phobos – die Phobie, Furcht, der Schrecken, die Angst. Und was eine Phobie ist, das kennen die Meisten von uns auch: Die Angst vor einer Spinne nimmt sich dabei ziemlich harmlos aus.
Die Schweinegrippe war auch so eine Phobie. Und die Ängste werden dann noch geschürt von den Medien, treiben fröhliche Urstände und der hastig herbeigeschaffte und dann verschmähte Impfstoff wird zum Millionengrab. Und wir wissen nur zu gut: Wer sich damals dagegen gestellt hätte, wäre gesteinigt worden vom Volkszorn, dass den Politikern die Gesundheit des Volkes nichts wert ist. Und wir vergessen schneller, als wir geschriehen haben und erheben danach den anklagenden Zeigefinger.
Wie dünn ist unser Seeleneis?

18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Manchmal hilft die Furcht zur Umkehr, zur Reue und zum Neuanfang. Doch dieser Mut zum Neuanfang kommt nicht aus der Furcht, sondern aus der Liebe und aus der Zuversicht.

3. Zuversicht
17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben
Der ÖKT in München hatte es sich zum Programm gemacht unter dem Motto „Damit ihr Hoffnung habt“. Und im Großen und Kleinen wurden viele Spuren aufgezeigt, die gegen den Trend stehen. Missstände wurden benannten und angeklagt. Und gleichzeitig wurden Perspektiven eröffnet, wenn z.B. Vandana Shiva – die Trägerin des alternativen Nobelpreises aus Indien allen Widerständen zum Trotz ausruft: Lasst uns die Unterschiedlichkeiten im Glauben und in den Nationalitäten nicht tolerieren, sondern zelebrieren. Und Mvume Dandale kommt in seiner Bibelarbeit zu der Überzeugung: Der Glaube hilft uns, die Fesseln der kulturellen Unterschiede zu überwinden. – Und das gilt auch für uns: In dem einen Glauben können wir die kulturellen Unterschiede auch unter uns überwinden – und dann sind da nicht mehr die Deutschen aus Russland oder die Deutschen aus Siebenbürgen oder die Junge Gemeinde ….. sondern wir sind eins in Christus. Noch ist es nicht so weit, aber das ist der Weg und das Ziel in Christus, der für uns bereits die Schranken überwunden hat.
Natürlich gehört die Furcht zu unserem Leben. Wir alle kennen ja das Wort Jesu „In der Welt habt ihr Angst,“
Doch es geht dann weiter: „aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Diese Angst muss immer wieder überwunden werden, sonst werden wir innerlich aufgerieben und ausgezehrt. Doch wir tun uns so schwer, das zu glauben und das zu leben. Mit allen Fasern unseres Lebens.

4. In der Liebe bleiben
Ja! Was ist zu tun?
Jetzt wissen wir alle: Zuversicht kann man nicht verordnen. Und auch Appelle helfen wenig.
Doch wo liegt die Lösung?
Die Fußballfans unter uns wissen es bereits: Ein Fan ist ein Fan. Egal ob Spielvereinigung Greuther-Fürth, Bayern Hof oder der Club. Ein echter Fan ist hart erprobt im Auf- und Abstiegskampf – egal, was geschieht: er ärgert sich vielleicht, aber er bleibt treu und ist immer voller Zuversicht, dass es aufwärts geht.
Und wenn das die Fans schon beim Fußball schaffen, warum tun wir uns dann im Glauben so schwer. Auch wir müssen nur bleiben.
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben
In Gott bleiben. Im Glauben bleiben. Mehr braucht es eigentlich gar nicht. Wir müssen nur bleiben! Unser Leben vor Gott bringen und in Zwiesprache mit ihm führen. Dadurch ist die Furcht noch nicht weg, aber sie bekommt eine Grenze.
Denn um der Furcht zu begegnen, muss man sich sicher fühlen, getragen, gehalten, geliebt und geborgen. Und dann kann kommen, was will. Wir schaffen das. Und darin sind wir unbesiegbar. Sogar über das eigene Leben hinaus.
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Erkenntnis, mit der uns Johannes auffordert in Gott zu bleiben, damit die Furcht schwinden muss und alle Weltdepression noch dazu. Weil die Liebe überwindet. Sogar unsere eigene Angst – und uns dann den Blick frei macht zum Handeln und zum Verändern und zum Leben. Manchmal im Widerstand und manchmal in der Ergebung. Aber immer gespeist und getragen in der Liebe Gottes.

Amen

20100518

Werner Otto Sirch: Ich beuge meine Knie ...

16.5.2010 Sonntag Exaudi

Predigt Epheser 3,14-21
14 Ich beuge meine Knie vor dem Vater,
15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
16 daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, b stark zu werden durch seinen Geist an dem c inwendigen Menschen,
17 daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe b eingewurzelt und gegründet seid.
18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,

ich beuge meine Knie ... Vor zwei Jahren wollte, zu meinem Erstaunen, meine Konfirmandengruppe an ihrer Konfirmation das Abendmahl unbedingt kniend einnehmen. Es war den jungen Menschen nicht auszureden. Diese Begebenheit fiel mir ein, als ich über unseren heutigen Predigttext nachdachte. Wer kniet sich denn in einer evangelischen Kirche nieder? Wer kniet überhaupt noch ... und vor wem? Vielleicht fallen wir dann auf unsere Knie, wenn die Not am größten ist und wir weder ein noch aus wissen.

„Ich verstehe nichts. Nur Kniebeugen, die machen wir beim Training auch immer.“ Das sagte einer meiner früheren Konfirmanden, mit dem ich den heutigen Predigttext gelesen habe. Und mir fällt etwas ein, das ich vor einiger Zeit über den großen Psychoanalytiker C. G. Jung gelesen habe. Christen fragen ihn immer wieder einmal, warum Gott nicht zu ihnen spreche, wie er es in früheren Zeiten getan haben soll. Wenn er solche Fragen höre, antwortete C. G. Jung, denke er immer an den Rabbi. Der sei auch gefragt worden, wie es käme, dass Gott sich den Menschen früher so oft gezeigt habe. Denn heutzutage würde ja niemand mehr Gott zu Gesicht bekommen. Der Rabbi antwortete: „Heutzutage gibt es niemand mehr, der sich tief genug bücken kann.“ Das kann Beten bedeuten: Sich tief genug zu bücken, die Knie zu beugen und die Spuren Gottes in den Blick zu nehmen.

Es hat Ursachen, dass wir heute nicht mehr in der Lage sind, uns vor Gott zu demütigen und klein zu machen, ihm Respekt zu erweisen. Wir nennen Gott Vater. Gott der Vater, das scheint heute aber vielen Menschen suspekt, denn wir leben weitgehend in einer Welt ohne Väter. Wir leben im Zeitalter der Söhne und Töchter. Außerdem: Warum nicht Vater- und nicht Muttergott oder besser Gott, der Väterliches und Mütterliches in sich vereint?

Das Wort „Vater“ scheint heute nicht mehr tragfähig wie früher, es kann kaum noch Vertrauen begründen und den Glauben an Gott gültig ausdrücken. Der Rektor der Förderberufsschule des Diakoniedorfes Herzogsägmühle, wo ich vor meiner Fürther Zeit arbeitete, sagte einmal zu mir: „Die jungen Menschen an unserer Schule haben alle einen ganz entscheidenden Mangel: Sie kennen keinen Vater mehr, haben keine Beziehung mehr zu ihm. Wenn diese jungen Menschen in ihrem Religionsunterricht nun einen Vater erleben, wenn Sie ihnen ein guter Vater sind, dann haben Sie gut gearbeitet und wenn sie im Unterricht den Vater im Himmel kennen lernen, dann haben Sie sehr gut gearbeitet.“

Wo sind heute unsere Väter? Ich meine nicht die autoritären und gewalttätigen Väter. Wo sind die Väter, die Autorität haben, die sich um ihre Kinder kümmern, ihre Kinder lieben und von ihnen geliebt werden?

Die Söhne und Töchter möchten sich heute lieber vom Vater – und auch von der Mutter – befreien, erkennen ihre Autorität nicht mehr an. Eine Supernannie oder Supermama soll es dann richten.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhof malt in seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, ein erschreckendes Bild von Beziehungsstörungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Anhand von Fallbeispielen belegt er die Ursachen dieser Entwicklung. Er schreibt: „Wir befinden uns mittlerweile in einem Ausnahmezustand, in dem Kinder zu Erziehern ihrer Eltern geworden sind und diese rein lustbetont steuern können, ohne Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Der Grund dafür liegt nicht in angeborener Bösartigkeit, sondern darin, dass diese Kinder psychisch gar nicht mehr in der Lage sind, ihr Verhalten als falsch zu empfinden. (...) Kinder, (...) die nicht in der Lage sind, falsches von richtigem Verhalten zu unterscheiden, entwickeln sich zu eben jenen Tyrannen und Monstern, vor denen wir im Alltag immer häufiger mit einer großen Fassungslosigkeit stehen.“ (...) „Schwierigkeiten bereiten zunehmend (auch) Kinder und Jugendliche, deren Eltern vom ersten Tag an liebevoll mit ihnen umgehen.“

Man könnte jetzt über pädagogische Konzepte diskutieren und sie als die Folge einer falsch verstandenen antiautoritären Erziehung, die jegliche Autorität abgelehnt hat, sehen. Man könnte mehr Strenge und Konsequenz in der Erziehung einfordern. Das Problem hat aber darin ihre Ursache, dass bei vielen Eltern der Vater nicht mehr der Vater und die Mutter nicht mehr die Mutter ist. Die Rollen haben sich vertauscht, die Kinder sagen den Eltern wo es langgeht, schon Fünfjährige haben ihre Eltern voll im Griff. Dadurch, so der Kinder- und Jugendpsychiater, nehmen wir unseren Kindern die Möglichkeit zu reifen. Kinder brauchen Leitung und Führung. Das bedeutet: „Kinder müssen wieder als Kinder gesehen werden. Heute sind wir dazu übergegangen, sie als kleine Erwachsene ebenbürtig zu machen und damit restlos zu überfordern.“ Ich denke: Kinder müssen nicht alles hören was Erwachsene reden und schon gar nicht mitreden und ihre Meinung dazu geben.

Kinder müssen nicht an die Macht, wie Herbert Grönemeyer 1986 musikalisch forderte. Schauen Sie rein in die Schulen, wie Kinder ihre Lehrer tyrannisieren, genau ihre Kinderrechte kennen aber nicht bereit sind ihre Pflichten zu erfüllen, sich einzuordnen und einzubringen, damit so ein Lernklima entstehen kann. Solange wir unseren Kindern die Rolle des Partners der Erwachsenen zuweisen, werden wir sie maßlos überfordern, weil sie diese Rolle psychisch nicht ausfüllen können. „Kleinkinder leben in der Annahme, sie seien alleine auf der Welt und könnten rein lustbetont ihren Willen ausleben. Diese Kinder haben noch nicht gelernt, ihre Außenwelt und andere Menschen als Begrenzung ihres eigenen Ichs anzusehen.“

Diese Problematik, die ich Ihnen, liebe Gemeinde, in groben Zügen aufgezeigt habe, hat auch Auswirkungen auf den Glauben unserer Kinder. Was heißt das im Blick auf ihr Verhältnis zu Gott? Was bedeutet das für sie, wenn wir von Gott dem Vater sprechen? Kann ein Kind sich an solch einen schwächlichen Vater binden, der Autorität nicht wahrnimmt, dem Kind Leitung und Führung verweigert, hilflos nur noch zusehen kann? Wie sollen unsere Kinder an einen Gott Glauben, der immer für uns da ist, wenn sie einen Vater erleben, der nie da ist, der nie Zeit hat, der sich kaum oder selten für sie interessiert? Kinder übertragen ihre Vaterbilder auf das Wesen Gottes. Nicht ohne Grund haben viele Menschen meiner Generation Angst vor dem zürnenden und strafenden Gott, weil sie ihren Vater prügelnd, hart strafend, Angst machend, erlebt haben.

Ich bin überzeugt, dass es auf Dauer Wirkung und Bedeutung hat, nicht nur für unseren Glauben, sondern auch für die Zukunft unseres Volkes, wenn unsere Kinder sich selbst als den Mittelpunkt des „Universums“ sehen, das sich nichts und niemandem unterzuordnen hat und nur seinem Lustprinzip lebt.

Wie sollen unsere Kinder heranwachsen zu einem innerlich starken Menschen, der sittlich denkt und sich mit der Spannung auseinandersetzt, die aus seiner irdisch-leiblich Art kommt und letztlich nur vom Gefühl von Lust und Unlust bestimmt ist, das ihn steuert? Die Entwicklung zu einer verantwortlichen Persönlichkeit geschieht nicht von allein, das muss gelernt werden. Kinder brauchen dazu Vorbilder, Leitung und Führung.

Die Entwicklung zu einer verantwortlichen Persönlichkeit letztlich aber nur dann gelingen, indem eine Berührung mit Gott stattfindet, wenn Gewissen entwickelt wird und ein Ort ist, der von Gott her ansprechbar wird und bleibt. Dann wird der Mensch reif, sittliche Urteile zu fällen und in das rechte Beziehungsverhältnis zum neuen Menschen zu kommen, der sich an Gott gebunden weiß und seine Autorität über sich duldet, akzeptiert und sich danach ausrichtet. Denn werden sie in der Lage sein, ihre Knie vor dem Himmlischen Vater zu beugen, wie Paulus das tat und wie wir Erwachsene es gelernt haben, Gottes Autorität über uns anzuerkennen und sich ihr unterzuordnen.

Wir wünschen, dass unsere Kinder selbstbewusst, als innerlich starke Menschen ihr Leben bewältigen. Unsere Kinder werden aber nicht stark, indem sich die Rollen verkehren und die Erwachsenen sich nach ihnen richten. Kinder müssen lernen Versagungen und Frustrationen auszuhalten und mit ihnen positiv umzugehen. Wachstum und Stärkung seines inneren Menschen bekommt der Mensch, indem er sich mit dem Wort Gottes, der Predigt, der Gemeinschaft der Glaubenden und dem Wirken des Heiligen Geistes auseinander setzt. Das gilt für unsere Kinder und auch für uns Erwachsene.

Den Vater im Himmel ehren drückt Ehrfurcht und Vertrauen aus, nicht so sehr die vertrauliche Nähe zu Gott, sondern eher die Ehrfurcht und das Vertrauen in seine Größe und heilschaffende Macht. Paulus kann nicht anders, als sich vor diesem Gott nieder zu knien und ihn anzubeten.

Wenn wir Gott anbeten, dann beten wir den Schöpfer und Erhalter allen Geschaffenen an, den Vater der Herrlichkeit, dem alle Ehre und alle Gewalt gebührt, der für uns Autorität hat, der durch Christus in unserem Herzen wohnt. Nicht mehr unser eigenes Ich mit seinen Interessen und Wünschen bestimmen unser Leben, sondern Gottes Sinn und Wollen. Amen.

Werner Otto Sirch: Wo ist er ...?

13.5.2010 Christi Himmelfahrt

Predigt Apostelgeschichte 1,3-11
Jesus zeigte sich den Aposteln nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes.
4 Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt;
5 denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen.
6 Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?
7 Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat;
8 aber ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.
9 Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.
10 Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern.
11 Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.


Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,

nach einer alten christlichen Tradition wird an Ostern im Gottesdienst ein Osterwitz erzählt, der uns zum österlichen Lachen bringt. An Ostern ist der Witz ausgefallen. Dafür erzähle ich heute einen Himmelfahrtswitz.

Jesus und Klein-Fritzchen spielen vor der Kirche. Klein-Fritzchen hat einen Roller. Jesus fragt ihn: Leihst du mir den mal? Ja, klar. Na, er düst los. Und ... er kommt und kommt nicht wieder.
Fritzchen wird langweilig, er geht in die Kirche. Dort steht der Pastor gerade auf der Kanzel und sagt: Und Jesus ist in den Himmel gefahren. Klein-Fritzchen zuckt zusammen und ruft laut und empört in den Kirchenraum: Waaas? Mit meinem Roller?


Wie soll man sich das nun vorstellen, Jesu Himmelfahrt? Klein-Fritzchen hat die Befürchtung, dass er seinen Roller nicht mehr zurückbekommt, weil Jesus damit in den Himmel gefahren ist.

Als Kind habe ich mir vorgestellt, dass Jesus auf einer Wolke stehend, wie mit einem Aufzug in den Himmel gefahren ist. Vielleicht wurde meine Fantasie von einem Gemälde oder von einer Zeichnung in dieser Weise beflügelt.

Ein Pfarrer hat an Himmelfahrt riesige Fußsohlen aus Pappe an der Wand seiner Kirche befestigt und seine Predigt damit begonnen, dass Christi Himmelfahrt so nicht stattgefunden habe.
Wie hat sie nun stattgefunden? Wurde Jesus vor den Augen seiner Jünger entrückt, oder von einer Wolke verdeckt? Was war wirklich geschehen?

Wo ist Jesus jetzt, wohin ging er? In den Himmel, würden wir sagen und so haben wir es auch in unserem Text gelesen. Was meint Lúkas, wenn er davon spricht, dass Jesus in den Himmel aufgenommen wurde? Meint er einen geographischen Ort im planetarischen oder galaktischen Raum? Zur Zeit des Lukas dachte man, dass die Erde eine Scheibe ist und der Himmel sich darüber wölbt. Zu diesem alten babylonischen Weltbild gehörte der Glaube, dass die Gottheiten in diesem Himmelsgewölbe wohnten. Inzwischen wissen wir aber, dass die Erde rund und Teil eines riesigen, unendlichen Weltalls ist. Es ist also schwer zu sagen, wo der Himmel ist, zu dem Jesus aufgefahren sein könnte. Der russische Astronaut Juri Gagarin, der als erster Mensch ins Weltall flog, sah es als Beweis an, dass es keinen Gott gibt, weil er ihn bei seinem Flug im All nicht gesehen hat.

Lukas und die anderen Männer des Alten Testamentes wussten, dass Gott nicht auf irgend einem Planeten in der Weite des Himmels wohnt. Sie kannten die Schrift und konnten dort lesen: „Siehe der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen“. Gott ist also größer als seine Schöpfung. Und es ist nicht wahr, dass die biblischen Männer wie Lukas und Paulus Gott irgendwo oben im Weltraum lokalisiert haben. Gott ist überall. Wir Menschen können nur in Bilder versuchen, die Größe Gottes zu beschreiben, wir haben keine Worte dafür. Beim Propheten Jesaja spricht Gott zu uns auch in einem Bild: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße!“ Gott ist von uns nicht zu fassen und an einen bestimmten Ort zu binden. Er ist mit seinem machtvollen Arm dort wo er sein und wirken will.

Warum spricht Lukas dann aber davon, dass Jesus in den Himmel aufgefahren ist? Auch im Glaubensbekenntnis bekennen wir: „aufgefahren in den Himmel ...“? Was hat es also mit dem Himmel zu tun, wenn wir das Paradies, die Wohnung Gottes suchen? Ich denke wir brauchen Bilder, wenn wir von dem sprechen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Unser Verstand kann mit seinen Möglichkeiten Gottes Größe und Heiligkeit nicht fassen und beschreiben. Wir brauchen räumliche Bilder, wenn wir von dem sprechen, der schon immer war und immer sein wird, wenn wir von dem sprechen, der der Anfang und das Ende ist, der überall ist. Auch der moderne Physiker wird, wenn er an Gott denkt, nach oben blicken zum Himmel und Gott droben suchen. Er wird ihn dort suchen, wo das Licht ist, wo die Sonne Wärme schenkt, die wir zum Leben brauchen. Gott des Lebens.

Himmel ist also ein Bild, das wir Menschen brauchen, um uns verständlich machen zu können. Wenn wir als Kinder gebetet haben: „Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, so haben wir mit unserem Kindergebet Gott darum gebeten, dass wir bei ihm sein werden, wenn wir einmal sterben werden. Unter Himmel meinen wir, wenn wir vom Glauben sprechen, nicht eine Galaxie, sondern den Ort, an dem Gott wohnt. Jesus ist nicht in eine andere Galaxie aufgefahren, sondern zu Gott gegangen. „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters ...“ so bekennen wir es in unserem Glaubensbekenntnis.

Himmelfahrt ist die Hinaufnahme Jesu. Mit ihr geschieht Jesu Erhöhung zur Rechten Gottes. Jesus wird aus einer noch bestehenden Bindung an den irdischen Raum entnommen. Himmelfahrt ist der Weg in die Höhe zu Gott, für die Menschen nicht fassbar und durch die „Wolke“ verhüllt Gott sein geheimnisvolles Handeln auch für die Jüngeraugen. Jesus ist bei Gott, hat den Ehrenplatz an der rechten Seite Gottes eingenommen.

Die „Erhöhung zur Rechten Gottes“ ist nichts anderes, als dass Jesus zur Rechten Gottes sitzt und dadurch Anteil bekommen hat an seiner göttlichen Art des Seins und des Wirkens. Dadurch ist Jesus bei seinen Jüngern anwesend, zwar nicht mehr unmittelbar und sichtbar, aber nahe und wirksam, was durch Lukas in der Apostelgeschichte bezeugt wird: „Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden“. Christus ist zwar nicht sichtbar und den Augen seiner Jünger verborgen, aber er sieht es wie es seiner Gemeinde geht. Er kennt die Seinen und sorgt sich um sie.

Liebe Gemeindeglieder, liebe Schwestern und Brüder, damit könnte ich jetzt eigentlich meine Predigt beenden: Happy end und gut damit!

Ich hätte damit aber einen für mich ganz wesentlichen und wichtigen Gedanken ausgeklammert, den ich in aller Kürze ansprechen will. Es ist ein Gedanke, der für meinen Glauben mit entscheidend ist: „Jesus kommt wieder.“

Wir haben einen kommenden Herrn. Zwei Männer in weißen Gewändern haben es den Jüngern gesagt. Engel, Boten aus der Himmelswelt. Auch sie sind uns nahe, kennen, sehen und hören uns, nehmen teil an unserem Leben. Sie verstehen, warum die Jünger ihrem geliebten Herrn staunend, vielleicht auch schmerzlich oder freudig nachsehen. Jesus kommt wieder! Das ist ihre Nachricht. Es ist also kein Abschied für immer. Genauso wie Jesus jetzt fortging aus dem irdischen Raum in die total andere Welt Gottes, so wird er von dort zurückkehren und aufs neue in den Raum des sichtbaren Wirkens auf dieser Erde eintreten. Jesus kommt wieder!

In den Ostertagen war die Herrlichkeit Jesu noch eigenartig verborgen. Er wurde gar nicht sofort erkannt. Aber jetzt bei der Himmelfahrt wird er „emporgehoben“, von den Grenzen des Irdischen befreit und mit der Herrlichkeit Gottes beschenkt. Und ebenso werden ale Geschlechter auf Erden „... kommen sehen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit“. Dieses Wiederkommen wird genauso real erfolgen, wie Jesu Fortgang in den Himmel.

Die Engel geben keine Zeitangabe wann Jesus wiederkommen wird. Wir sind und bleiben eine wartende Gemeinde. Darauf bleibt alles ausgerichtet, was jetzt und bis ans Ende der Erde durch die Gemeinde getan werden muss. Maranatha, unser Herr kommt! Amen.