Karfreitag 22.4.2011 - Predigt Lk 23, 33-49
33 Als sie an die Stätte kamen, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder,
1. Hilf dir selbst
„Hilf dir selbst!“ Dreimal hören wir dies in der Erzählung des Arztes Lukas, der dabei ist und zusieht, wie ein Mensch einen schrecklichen Tod am Kreuz stirbt. Dreimal: „Hilf dir selbst!“ Menschen die sich schlecht benehmen, die Spott treiben mit einem der Todesqualen leidet und in wenigen Stunden den Tod durch Ersticken erleidet. „Und das Volk stand da und sah zu.“ Steht da und schaut betroffen zu - erbarmungslos, ohne Erbarmen.
2. Zuschauen
Zuschauen! Wir kennen das. Gaffer, die sich nicht sattsehen können an einem Unglück. Gaffer, die sich nicht sattsehen können am Grauen, am Undenkbaren. Gaffer, die alles ganz genau sehen müssen - die Not anderer. Gaffer, die behindern, statt zu helfen.
Zuschauen! Da ist einer gefallen, hat etwas getan, was man besser nicht tut, hat anderen geschadet. Nun ist er dran – jetzt wird ihm geschadet – gründlich – und da gibt es keinen „Notausgang“ mehr, damit er seine Würde bewahren kann. Zuschauen und laut oder leise denken: „Das kommt davon! Es geschieht ihm recht!“
Zuschauen! Da wird einer angepöbelt, kurz darauf niedergeschlagen und mit den Schuhen getreten, überall hin – auch ins Gesicht, ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Zuschauen und denken: Nichts wie weg!
Zuschauen! Schweigen, wenn eine Kollegin oder ein Kollege gemobbt wird. Leise denken: „Es gibt Leute, die verdienen so was“ – oder: „Bin ich froh, dass ich in Ruhe gelassen werde.“
Zuschauen! Wenn sich Kinder schlecht benehmen und keine Grenzen kennen.
Zuschauen, nur nicht einmischen. Was geht’s mich an?
3. Gerechtigkeit
Es gibt keine Gerechtigkeit, sagt sie. Ich sitze am Tisch in ihrer Küche. Sie deutet mit dem Kopf auf ein Bild über der Kommode. Er ist im Krieg geblieben. Vier Monate waren sie verheiratet. Eingezogen, Ostfront, noch einmal Urlaub. Dann kein Lebenszeichen mehr. Ihre Tochter, erzählt sie und weint, ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seit Jahrzehnten ist sie allein. Kaltes Wohnzimmer, warme Küche. Angelaufene Fenster. Kartoffeln auf dem Gasherd. Sie wischt sich die Brille mit der Schürze.
Es gibt keine Gerechtigkeit mehr. Heute morgen hat sie erfahren, dass man ihr den gepachteten Garten wegnimmt. Nun wird er Firmengelände. Gut, sie tauschen. Aber das ist zu weit weg für mich, am anderen Ende der Stadt. Und noch einmal neu anfangen, mit 71?
Bitter sieht sie aus. Abgeschaffte Hände, abgeschaffte Seele, abgeschafftes Gesicht. Wer hat, der bekommt mehr. Der eine Geld, der andere Sorgen. Sie sagt es nicht ganz so zurückhaltend. Aber bald ist auch das 'rum. Das 'rum? Na ja, 71, sagt sie. Hätte ich einen Mann gehabt, dann hätten sie nicht so mit mir umspringen können.
Drei Wochen später bekommt sie auf der Straße einen Schlaganfall, fällt ungeschickt, stirbt noch am Unfallort. Verwandte sind keine da. Zur Beerdigung werden wenige ältere Frauen aus der Nachbarschaft kommen. Die Ansprache wird kurz sein. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Keiner, der dem Pfarrer ins Wort und der Organistin in den Arm fällt und sagt: So geht das doch nicht.
Und dann eines von den vielen Gräbern auf dem riesigen Friedhof. Nach Jahren verwildert, wenn sich keine mitleidige Hand findet. Es gibt keine Gerechtigkeit auf der Erde, nicht einmal auf dem Friedhof würde sie sagen.
Die Soldaten nehmen ihre Lanzen, den zerteilten Rock und gehen in die Kaserne. Sie haben ihren "Job getan". Jesus ist tot. Ordentliche Arbeit, tausendfach erprobt an Juden, später an Christen. Scheintod ausgeschlossen. Auch das muss jemand tun. Wer redet von Moral?
Er ist der Zeuge für Gottes Gerechtigkeit. Immer wieder angekündigt: „... wird er, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen“ (Jes 53,11; 11,4f), der Mensch Gottes, der Zeuge der Gerechtigkeit Gottes auf Erden.
Nun hängt er, abgeurteilt nach römischem Recht, gefoltert und gedemütigt am Kreuz zwischen zwei Straftätern. Das ist die Gerechtigkeit, die auf Erden gilt. Wer die Macht hat, setzt das Recht. Der Tod hat das Sagen.
Karfreitag – Tag der Gottverlassenheit des Menschen. Karfreitagswetter, sagte man bei uns zu Hause, wenn es trübe, nasskalt war. Wenn es den ganzen Tag über nie richtig Tag wurde. Karfreitag, der Tag, an dem es nicht Tag wird.
4. Mit Spott prüfen
„Hilf dir selber!“ Da hängt er am Kreuz. Er, der kein Verbrechen begangen hat. Er, der sich um andere sorgt, Müde aufrichtet, Kranke heilt, Tote ins Leben ruft. Er hängt am Kreuz, weil er andere in die Quere kommt, ihre Macht in Frage stellt. Er muss sich mit Spott prüfen lassen: „Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.“ Durch Schmach und Qual wollen die Oberen des Volkes, die Soldaten und zuletzt einer der mit ihm Gekreuzigten, prüfen ob sein Anspruch, Gottes Sohn zu sein, auch berechtigt ist. Wenn ja, wird Gott ihm helfen.
Gott hängt am Kreuz. Von Menschen hingerichtet, gequält und geschlagen. Abgelehnt und gehasst. Von den Oberen denunziert und verspottet. Sie wollen einen anderen Gott. Am liebsten wären sie selbst Gott. Vielleicht ist das der Grund, warum sie so viel Hass und Spott über den Sohn des allmächtigen und lebendigen Gottes ausgießen. Selbst Gott sein wollen. Das ist bis zum heutigen Tage geblieben. Aber Gott möchte, dass wir ihm vertrauen und annehmen was er für uns auf Golgatha getan hat. Annehmen, dass er für unsere Schuld mit seinem Blut bezahlt hat, damit wir frei und losgekauft sind von der Macht des Bösen.
5. Der Schächer am Kreuz
Einer, der mit Jesus gekreuzigt war, hat verstanden wer da neben ihm am Kreuz hing und was das für ihn bedeutet. Er hat hingeschaut auf das eigene Leben, auf die eigene Schuld, weist den anderen, der Jesus prüfen wollte wie die Oberen und Soldaten, zurück: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Jesus, der leidende und sterbende Gottessohn nimmt sich, trotz der eigenen Qual und Pein, des Verbrechers neben ihm an und verheißt ihm den Lohn des Gerechten. Ihm, der sich seiner Schuld gestellt hat, der bereit war hinzusehen auf sein Leben und es vor Jesus zu bekennen, ihm nimmt Jesus die Schuld ab, legt sie bei sich aufs Kreuz und spricht ihn ledig und frei – vor Gott gerecht.
6. Wir am Karfreitag 2011
Ich denke, es ist auch unsere Sehnsucht, heute, am Karfreitag 2011, dass der gekreuzigte und auferstandene Herr und Heiland uns freispricht von all dem was in Gottes Augen keinen Bestand hat. Wir werden nachher Zeit haben, jeder für sich, sein Leben anzuschauen – hinzusehen auf das was uns schmerzt, auf das, was wir besser nicht getan hätten, auf das, was uns von Gott und von anderen Menschen trennt. Hinsehen auf das was Heilung und Vergebung braucht. In der Beichte und dem Heiligen Abendmahl, das wir anschließend feiern, bietet uns Gott die Vergebung unserer Schuld und einen Neuanfang an.
Und der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
20110421
20110411
Martin Adel: Paulus – Zur Freiheit befreit
Judika – 10.04.2011 Themenpredigt: Paulus
Liebe Gemeinde
1. Hinführung
Da ist einer auf dem besten Weg Karriere zu machen. Ein Fleißiger, ein Gescheiter, ein Eifriger, ein Pflichtbewusster. Alles läuft in guten, wohlgeordneten Bahnen. Er hat Erfolg. Er kann sich ausdrücken und er hätte es weit bringen können. Er steht auf der richtigen Seite, gewinnt an Macht und Ansehen und bekommt die Mittel, die anderen, die auf der falschen Seite stehen zu verfolgen, gefangen zu nehmen und mundtot zu machen.
Doch dann passiert ein tiefer Einschnitt in seinem Leben. Christus stellt sich ihm in den Weg und er steht plötzlich auf der anderen Seite.
Statt zu verfolgen, wird er nun zum Verfolgten. Die bürgerliche Sicherheit tauscht er ein in finanzielle und berufliche Ungewissheit. Hunger, Not, Bedrängnis, Verhaftung, Anfeindungen werden sein stetiger Begleiter und am Ende seines Lebens stirbt er den Märtyrertod für seinen Glauben. Und doch ist er jetzt zufriedener und freier als zuvor. Alle Äußerlichkeiten treten in den Hintergrund, weil er in Christus einen ganz neuen Wert gefunden hat, einen, der mehr aufwiegt als alle Sicherheiten davor.
Dort oben steht dieser Mann, dieser Paulus – der Völkerapostel, Jahr und Tag in unserer Kirche, die auch seinen Namen trägt, mit dem Schwert der Verkündigung in der Hand. Und wir hören ihn sagen: (Phil 3) 7 was mir(früher ein) Gewinn war, (worauf ich stolz war) das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet … und ich erachte es für Dreck. Denn: Gal 5,1: Christus hat uns Zur Freiheit befreit.
2. Vita Pauli bis zur Bekehrung
Was ist passiert?
Schauen wir zurück.
Paulus war ein frommer Jude. Er ist streng. Streng mit sich selbst und mit den anderen. Keine Nachlässigkeiten – die tun nicht gut. Er ist gesetzestreu. Da weiß man, was richtig ist. Da gibt es klare Regel. So ist es richtig – so ist es falsch. Und das gilt nicht nur für die Arbeit, sondern auch zu Hause, in der Familie, im Privaten. Das ist eine Lebenshaltung, eine Überzeugung. Denn Gott ist ein gerechter Gott und streng noch dazu. Die Gnade Gottes muss man sich verdienen – wie auf Erden so im Himmel.
Und dann kommen sie auch aus unserem Mund, die Worte: hart, klar und verletzend:
Also so eine gute Frau hat der nicht verdient?
Siehst du, das hat er jetzt davon. Aber er wollte ja nicht hören.
Da brauchst du kein Mitleid haben, die hat ihr Leben selber verpfuscht.
Wer mit dem Feuer spielt … Gilt das auch für Fukuschima?
Wie sagen wir gern: Das Leben ist hart, aber gerecht.
Und dann kommen da welche und sagt: Gott ist Liebe! – das ist zu einfach. Ein Mensch - Gottes Sohn! Der Messias! Der mein Versagen gnädig ansieht! Der mich durch die Verstrickungen und Verwirrungen meines Lebens hindurch ansieht und mir mit geöffneten Armen entgegen eilt und ruft: Mein Sohn – meine Tochter.
Das verwässert alles. Da fehlt die Strenge und die Disziplin und die ausgleichende Gerechtigkeit. Das ist Gotteslästerung.
Und deshalb muss die gute, alte Ordnung wieder hergestellt werden.
Und wenn ein Stephanus nicht bereit ist, zu widerrufen, dann muss er eben die Konsequenzen dafür tragen. Auch wenn man ihn dafür steinigt! Das mag hart klingen, ist aber gerecht. Schließlich hat er es doch selber so gewollt.
In dieser inneren Lebenshaltung zieht Paulus weiter nach Damaskus, um dem ganzen Christen-Spuk ein Ende zu setzen. Doch dann stellt sich ihm Jesus Christus in den Weg und öffnet ihm die Tür zu einem neuen Leben.
Und so heißt es in der Apostelgeschichte:
Die Bekehrung des Saulus (Apg 9)
1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.
3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. 8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.
Und was danach folgt ist ein tiefgehender Wandel vom Saulus zum Paulus.
Es braucht einige Jahre, bis Paulus zu dem wird, wie wir ihn heute kennen – der Völkerapostel und der Missionar für die weltweite Christenheit. Doch eines ist dabei immer klar. Diese Begegnung mit Jesus Christus lässt in ihm das heranwachsen und reifen, was er ab sofort auch lebt und verkündet. Die Gesetzlichkeit ist zerbrochen. Und was darauf folgt ist nicht die Beliebigkeit oder die Schlamperei und Nachlässigkeit, sondern liebende Blick auf das Leben. Und Paulus schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“
3. Neues ist geworden - Paradigmenwechsel
Durch die Begegnung mit Christus und die Beschäftigung mit seinem Leben, seinen Worten, seinen Taten findet in Paulus ein völliger Paradigmenwechsel statt.
Nicht mehr ich, sondern Christus – das ist die Perspektive.
Nicht mehr meine Werke, meine Gerechtigkeit, mein Können, mein Erfolg, mein Ansehen, meine Tollheit, sondern Gottes Liebe und seine Gerechtigkeit sind der Maßstab für mein Leben und für meinen Umgang mit den anderen. In Christus werden wir zu einer neuen Kreatur.
2 Kor 5,17ff
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. …. Lasst euch versöhnen mit Gott!
Das ist das Evangelium. Die Kraft Gottes, die uns befähigt, ja, die uns nötigt, in die Welt eine anderes Wort hinein zu sprechen als Selbstgerechtigkeit, Ausgrenzung und Verachtung.
Die Hartherzigkeit, die er früher gelebt hat, findet eine grundlegende Verwandlung durch Christus und er kann sagen:
Gal 2,19f
Ich bin mit Christus gekreuzigt. 20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
4. Ihr seid alle Gottes Kinder
Und diese Veränderung geht so weit, dass er sich sogar mit den den Jüngern und Aposteln in Jerusalem anlegt und das Evangelium für uns, für die Welt befreit.
Denn als die anfangen, untereinander Grenzen zu ziehen und Gesetze aufzurichten, wer wie und wie am besten glaubt und nachfolgt, ob z.B. die Griechen, also die Heiden, nicht vor der Taufe noch beschnitten werden müssten oder dass sie zumindest die jüdischen Speisegesetze als religiöses Muss einhalten müssten, da sträubt sich in ihm alles und er schreit:
Nein! Hört endlich auf mit dieser permanenten Unterscheiderei, wer wo her kommt und wer welche Hautfarbe, welche Nationalität, welche Tradition, welchen Stand, welche Sprache, welches Geschlecht hat.
Gal 3,25ff
25 Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister (des Gesetzes). 26 Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. 27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. 28 Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.
Und als sie weiter machen zu unterscheiden und sich die Köpfe einzuschlagen, wer denn besser glaubt und wer denn eher den Willen des Herrn erfüllt, wer denn den besseren Gottesdienst täte und wer denn bei Gott mehr ansehen hätte, die, die prophetisch reden, die die im Chor singen, die die nur ruhig in den Gottesdienst gehen oder die, die in Ekstase und Verzückung geraten über dem Wort Gottes.
Da schreibt er an die Gemeinde in Korinth und manchmal habe ich den Eindruck, als hätte er die Worte direkt an uns hier in St. Paul geschrieben: Hört auf euch ständig abzugrenzen in Alte und Junge und wie es sich denn nun richtiger, heiliger, evangelischer verhält.
1 Kor 12
4 Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.
5 Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.
6 Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.
Christus ist der Leib und wir alle Glieder dieses Leibes.
13 Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. …. 26 Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.
Christus ist und bleibt das Zentrum allen unseres Lebens und Denkens. Und es würde schon ausreichen, wenn wir unsere unterschiedlichen Gaben in den Dienst dieses einen Gottes stellen würden, anstatt herum zu mäkeln, wer was tut und wie er es tut und was er denn alles tun könnte …
5. Zur Freiheit befreit
Gal 5,1ff
1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. …. 14 Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem (3.Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« 15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.
Die Begegnung mit Christus hat Paulus in seinem innersten tief beschämt und verändert. Ihm, dem Verächter und Verfolger der Gemeinde hat Christus gewissermaßen zum Vorarbeiter in seinem Weinberg berufen. Aus der Enge aller Gesetzlichkeit und Rechthaberei hat Gott ihm Versöhnung zugesprochen und ihn zur Liebe befreit. Und es gibt nichts und niemanden mehr, den Paulus noch fürchten müsste. Über den Tod kann er dann sogar spotten: 1 Kor 15 - Tod, wo ist dein Sieg. Tod, wie ist dein Stachel.
Natürlich hat er genug Angst und Sorge – gerade um die jungen Gemeinden, die noch nach ihrem Weg suchen. Not und Verfolgung muss er erleiden, Bedrängnis, Trübsal, Gefängnis …
Doch in ihm wächst die Gewissheit und die Kraft gegen alle Enttäuschung und Niedergeschlagenheit und Rückschläge, dass sich die Liebe Gottes durchsetzen wird – denn aus ihr hat er sein Leben neu zurück bekommen, ein Herz das atmet – zur Freiheit befreit - und er wird zum Botschafter Christi in der Welt bis heute, wenn er sagt:
Röm 1,16f
16 ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.
Amen
Liebe Gemeinde
1. Hinführung
Da ist einer auf dem besten Weg Karriere zu machen. Ein Fleißiger, ein Gescheiter, ein Eifriger, ein Pflichtbewusster. Alles läuft in guten, wohlgeordneten Bahnen. Er hat Erfolg. Er kann sich ausdrücken und er hätte es weit bringen können. Er steht auf der richtigen Seite, gewinnt an Macht und Ansehen und bekommt die Mittel, die anderen, die auf der falschen Seite stehen zu verfolgen, gefangen zu nehmen und mundtot zu machen.
Doch dann passiert ein tiefer Einschnitt in seinem Leben. Christus stellt sich ihm in den Weg und er steht plötzlich auf der anderen Seite.
Statt zu verfolgen, wird er nun zum Verfolgten. Die bürgerliche Sicherheit tauscht er ein in finanzielle und berufliche Ungewissheit. Hunger, Not, Bedrängnis, Verhaftung, Anfeindungen werden sein stetiger Begleiter und am Ende seines Lebens stirbt er den Märtyrertod für seinen Glauben. Und doch ist er jetzt zufriedener und freier als zuvor. Alle Äußerlichkeiten treten in den Hintergrund, weil er in Christus einen ganz neuen Wert gefunden hat, einen, der mehr aufwiegt als alle Sicherheiten davor.
Dort oben steht dieser Mann, dieser Paulus – der Völkerapostel, Jahr und Tag in unserer Kirche, die auch seinen Namen trägt, mit dem Schwert der Verkündigung in der Hand. Und wir hören ihn sagen: (Phil 3) 7 was mir(früher ein) Gewinn war, (worauf ich stolz war) das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet … und ich erachte es für Dreck. Denn: Gal 5,1: Christus hat uns Zur Freiheit befreit.
2. Vita Pauli bis zur Bekehrung
Was ist passiert?
Schauen wir zurück.
Paulus war ein frommer Jude. Er ist streng. Streng mit sich selbst und mit den anderen. Keine Nachlässigkeiten – die tun nicht gut. Er ist gesetzestreu. Da weiß man, was richtig ist. Da gibt es klare Regel. So ist es richtig – so ist es falsch. Und das gilt nicht nur für die Arbeit, sondern auch zu Hause, in der Familie, im Privaten. Das ist eine Lebenshaltung, eine Überzeugung. Denn Gott ist ein gerechter Gott und streng noch dazu. Die Gnade Gottes muss man sich verdienen – wie auf Erden so im Himmel.
Und dann kommen sie auch aus unserem Mund, die Worte: hart, klar und verletzend:
Also so eine gute Frau hat der nicht verdient?
Siehst du, das hat er jetzt davon. Aber er wollte ja nicht hören.
Da brauchst du kein Mitleid haben, die hat ihr Leben selber verpfuscht.
Wer mit dem Feuer spielt … Gilt das auch für Fukuschima?
Wie sagen wir gern: Das Leben ist hart, aber gerecht.
Und dann kommen da welche und sagt: Gott ist Liebe! – das ist zu einfach. Ein Mensch - Gottes Sohn! Der Messias! Der mein Versagen gnädig ansieht! Der mich durch die Verstrickungen und Verwirrungen meines Lebens hindurch ansieht und mir mit geöffneten Armen entgegen eilt und ruft: Mein Sohn – meine Tochter.
Das verwässert alles. Da fehlt die Strenge und die Disziplin und die ausgleichende Gerechtigkeit. Das ist Gotteslästerung.
Und deshalb muss die gute, alte Ordnung wieder hergestellt werden.
Und wenn ein Stephanus nicht bereit ist, zu widerrufen, dann muss er eben die Konsequenzen dafür tragen. Auch wenn man ihn dafür steinigt! Das mag hart klingen, ist aber gerecht. Schließlich hat er es doch selber so gewollt.
In dieser inneren Lebenshaltung zieht Paulus weiter nach Damaskus, um dem ganzen Christen-Spuk ein Ende zu setzen. Doch dann stellt sich ihm Jesus Christus in den Weg und öffnet ihm die Tür zu einem neuen Leben.
Und so heißt es in der Apostelgeschichte:
Die Bekehrung des Saulus (Apg 9)
1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.
3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. 8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.
Und was danach folgt ist ein tiefgehender Wandel vom Saulus zum Paulus.
Es braucht einige Jahre, bis Paulus zu dem wird, wie wir ihn heute kennen – der Völkerapostel und der Missionar für die weltweite Christenheit. Doch eines ist dabei immer klar. Diese Begegnung mit Jesus Christus lässt in ihm das heranwachsen und reifen, was er ab sofort auch lebt und verkündet. Die Gesetzlichkeit ist zerbrochen. Und was darauf folgt ist nicht die Beliebigkeit oder die Schlamperei und Nachlässigkeit, sondern liebende Blick auf das Leben. Und Paulus schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“
3. Neues ist geworden - Paradigmenwechsel
Durch die Begegnung mit Christus und die Beschäftigung mit seinem Leben, seinen Worten, seinen Taten findet in Paulus ein völliger Paradigmenwechsel statt.
Nicht mehr ich, sondern Christus – das ist die Perspektive.
Nicht mehr meine Werke, meine Gerechtigkeit, mein Können, mein Erfolg, mein Ansehen, meine Tollheit, sondern Gottes Liebe und seine Gerechtigkeit sind der Maßstab für mein Leben und für meinen Umgang mit den anderen. In Christus werden wir zu einer neuen Kreatur.
2 Kor 5,17ff
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. …. Lasst euch versöhnen mit Gott!
Das ist das Evangelium. Die Kraft Gottes, die uns befähigt, ja, die uns nötigt, in die Welt eine anderes Wort hinein zu sprechen als Selbstgerechtigkeit, Ausgrenzung und Verachtung.
Die Hartherzigkeit, die er früher gelebt hat, findet eine grundlegende Verwandlung durch Christus und er kann sagen:
Gal 2,19f
Ich bin mit Christus gekreuzigt. 20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
4. Ihr seid alle Gottes Kinder
Und diese Veränderung geht so weit, dass er sich sogar mit den den Jüngern und Aposteln in Jerusalem anlegt und das Evangelium für uns, für die Welt befreit.
Denn als die anfangen, untereinander Grenzen zu ziehen und Gesetze aufzurichten, wer wie und wie am besten glaubt und nachfolgt, ob z.B. die Griechen, also die Heiden, nicht vor der Taufe noch beschnitten werden müssten oder dass sie zumindest die jüdischen Speisegesetze als religiöses Muss einhalten müssten, da sträubt sich in ihm alles und er schreit:
Nein! Hört endlich auf mit dieser permanenten Unterscheiderei, wer wo her kommt und wer welche Hautfarbe, welche Nationalität, welche Tradition, welchen Stand, welche Sprache, welches Geschlecht hat.
Gal 3,25ff
25 Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister (des Gesetzes). 26 Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. 27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. 28 Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.
Und als sie weiter machen zu unterscheiden und sich die Köpfe einzuschlagen, wer denn besser glaubt und wer denn eher den Willen des Herrn erfüllt, wer denn den besseren Gottesdienst täte und wer denn bei Gott mehr ansehen hätte, die, die prophetisch reden, die die im Chor singen, die die nur ruhig in den Gottesdienst gehen oder die, die in Ekstase und Verzückung geraten über dem Wort Gottes.
Da schreibt er an die Gemeinde in Korinth und manchmal habe ich den Eindruck, als hätte er die Worte direkt an uns hier in St. Paul geschrieben: Hört auf euch ständig abzugrenzen in Alte und Junge und wie es sich denn nun richtiger, heiliger, evangelischer verhält.
1 Kor 12
4 Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.
5 Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.
6 Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.
Christus ist der Leib und wir alle Glieder dieses Leibes.
13 Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. …. 26 Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.
Christus ist und bleibt das Zentrum allen unseres Lebens und Denkens. Und es würde schon ausreichen, wenn wir unsere unterschiedlichen Gaben in den Dienst dieses einen Gottes stellen würden, anstatt herum zu mäkeln, wer was tut und wie er es tut und was er denn alles tun könnte …
5. Zur Freiheit befreit
Gal 5,1ff
1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. …. 14 Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem (3.Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« 15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.
Die Begegnung mit Christus hat Paulus in seinem innersten tief beschämt und verändert. Ihm, dem Verächter und Verfolger der Gemeinde hat Christus gewissermaßen zum Vorarbeiter in seinem Weinberg berufen. Aus der Enge aller Gesetzlichkeit und Rechthaberei hat Gott ihm Versöhnung zugesprochen und ihn zur Liebe befreit. Und es gibt nichts und niemanden mehr, den Paulus noch fürchten müsste. Über den Tod kann er dann sogar spotten: 1 Kor 15 - Tod, wo ist dein Sieg. Tod, wie ist dein Stachel.
Natürlich hat er genug Angst und Sorge – gerade um die jungen Gemeinden, die noch nach ihrem Weg suchen. Not und Verfolgung muss er erleiden, Bedrängnis, Trübsal, Gefängnis …
Doch in ihm wächst die Gewissheit und die Kraft gegen alle Enttäuschung und Niedergeschlagenheit und Rückschläge, dass sich die Liebe Gottes durchsetzen wird – denn aus ihr hat er sein Leben neu zurück bekommen, ein Herz das atmet – zur Freiheit befreit - und er wird zum Botschafter Christi in der Welt bis heute, wenn er sagt:
Röm 1,16f
16 ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.
Amen
20110325
Werner Otto Sirch: Den Seinen gibts der Herr im Schlaf ...
27.2.2011 - Sonntag Sexagesimae
Predigt Markus 4, 26-29
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Hinführung zum Thema
Wir erleben gegenwärtig eine harte Zeit in der Kirche und in der Gesellschaft. Es herrscht ein rauher Wind. Überall ist das Geld knapp geworden, trotz eines neuen „Wirtschaftswunders“ von dem die Wirtschaft und andere Fachleute sprechen. Es müssen Schuldenberge, die schwindelnde Höhen erreicht haben, zurückgezahlt werden. Einige Staaten in Europa stehen am Rand der Staatspleite. Es herrscht bei vielen Angst, dass der Euro zu wertlosem Papier wird.
Monatelang streitet Regierung und Opposition über die vom Verfassungsgericht angemahnte Neuberechnung des Hartz IV-Gesetzes – dann haben sie sich geeinigt – und nun doch wieder nicht. Der Bürger fragt sich, ob die Regierung noch handlungsfähig ist, wenn sie Verhandlungen regelmäßig ohne Ergebnis vertagt, bzw. das Ergebnis nicht länger als wenige Stunden hält. In den letzten Tagen kann man hören, dass viele Kommunen an der Grenze ihrer Zahlungsfähigkeit angelangt sind, wegen hoher Sozialausgaben.
Unser soziales Miteinander scheint mehr und mehr dem Egoismus Einzelner und den Interessen bestimmter Gruppen gewichen. Die Folge: Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Für die Rettung von Banken, die Milliarden verzockt haben, stehen Unsummen bereit, für Kindergärten, Schulen und Universitäten ist das Geld knapp. Und nach dem großen Bankencrash wird munter weitergezockt und so getan als sei nichts gewesen.
Der raue Wind ist auch in der Kirche zu spüren. Missbrauch auch bei uns, in der Nachbarschaft. Die Gemeinden werden immer kleiner. Es werden mehr Menschen beerdigt als getauft. Die Kirchenaustrittszahlen halten unvermindert an. Für viele gehört es zum guten Ton nicht mehr in der Kirche zu sein, obwohl sie sich als gläubige Menschen sehen. Längst lassen sich nicht mehr alle jungen und getauften Christen konfirmieren. Nach der Konfirmation ist für die meisten Pause. Wenige bleiben aktiv dabei. Ich mache mir Sorgen und Gedanken, wie aus diesen jungen Menschen gestandene Christen werden, wenn sie nicht zu Bibellesern werden, in den Gottesdienst und in die Gemeinde kommen, wenn sie leben wie die, die nichts vom liebenden Gott gehört haben.
2. Predigttext
In diese bedrückende Situation hinein hören wir den heutigen Predigttext. Ein Wort Jesu, aus dem hoffnungsvolle Stimmung klingt, auch wenn er in einem heftigen Kontrast zu unserer Lebenswirklichkeit steht. Er steht geschrieben im Evangelium des Markus im 4. Kapitel:
Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft
27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. 28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. 29 Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.
3. Wie von selbst ...
So mancher Landwirt oder Hobbygärtner mag sich über diesen Text ärgern. Samen in die Erde, das war’s. Der Rest geschieht von allein. Jetzt muss man nur noch zusehen, es wächst von allein. Da steht nichts vom Gießen oder vom Düngen, da steht nichts vom Unkraut jäten und beschneiden. Es geschieht von selbst. Aber ist das wirklich so? Wir sehen doch die schwere Arbeit eines Landwirts oder wie der Gärtner den Rücken krumm machen muss, damit er einen guten Ertrag hat. In unserem Gleichnis legt man sich aufs Ohr und lässt es einfach wachsen, lässt den Wachstumskräften freien Lauf – das wird dann schon. Aber geht das wirklich so? Oder fehlt uns dazu nur die nötige Gelassenheit, das Zutrauen, dass es auch ohne uns geht? Was will uns das Gleichnis Jesu sagen, was sollen wir daraus lernen?
4. Wort Gottes – der gute Samen
Ich stelle mir das bildlich vor: Der Prediger auf der Kanzel der St. Paulskirche ist der, der den guten Samen des Wortes Gottes unter die Menschen wirft. Er hat sich vorbereitet, hat Gottes Wort sprechen lassen und jedes Wort gewogen, das er der Gemeinde sagen möchte. Und dann, wie geht es weiter? Was kommt dabei heraus? Wächst der Glaube in den Menschen? Wächst die Gemeinde? Entsteht neuer Hunger nach Gottes Wort? Wird die Gemeinde lebendig und dienstbereit? Steigt das Spendenaufkommen, weil die Hand offener wird für die Nöte anderer und die Aufgaben der Gemeinde?
Was bewirkt der Samen, die Predigt? Solche und ähnliche Gedanken beschleichen mich manchmal, weil ich meine es müsste viel passieren, da wir doch einen so wunderbaren Samen in die Herzen der Menschen legen, weil wir doch eine so großartige frohe Botschaft predigen. Und dann träume ich unsere Kirche voll Menschen, sehne mich nach einem Aufbruch, nach einer neuen Ausgießung des Heiligen Geistes. Träume, dass aus den Wenigen die zum Gottesdienst kommen die Vielen werden, die sich nach Gott auszustrecken und von der Sehnsucht nach Gott und seinem Wort ergriffen werden.
Fehlt mir die Gelassenheit Gott zuzutrauen, dass er auch diese, unsere Gemeinde nie aus dem Blick verliert, sie wachsen lässt und erhält? Fehlt mir die Gelassenheit Gott zuzutrauen, dass er sich um all die Menschen kümmert die in unserem Land leben und für jeden das bereithält was er braucht? Hat nicht Gott für jeden dieser Menschen seinen Weg?
Wir werfen den Samen, das Wort Gottes unter die Leute und Gott lässt es wachsen, so unser heutiger Predigttext. So wie der Gärtner, der Landwirt nicht dem Wachstum nachhelfen kann, indem er an den Pflanzen zieht - er würde die jungen Pflänzchen ja nur ausreißen – so können auch die, die Gottes Wort unter die Leute bringen nicht nachhelfen. Gottes Wort muss in den Herzen der Menschen selbst wachsen und sich einwurzeln. Wir dürfen fest darauf vertrauen, dass Gottes Wort nie leer zurückkommt. Gottes gepredigtes Wort wird Frucht bringen. Wir müssen die Frucht nicht schaffen, und wir müssen auch nicht an den jungen, zarten Glaubenspflänzlein ziehen, damit sie schneller wachsen. Gott schafft die Frucht im Leben derer, die sein Wort hören und in ihrem Herzen bewahren.
5. Im Glauben frei
Dr. Martin Luther schrieb einst an seine Frau: „Liebe Katharina, nach einem langen Tag sitze ich bei einem Maß Bier und denke mir, der liebe Gott wird es schon machen!” Dieses kindliche Vertrauen wünsche ich mir auch manchmal: Gott wird es schon machen.
Wie oft meine ich, dass wir es sind, die es machen müssen. Fange an mir Sorgen zu machen über die Zukunft der Kirche und die Zukunft unseres Volkes, das so leichtsinnig die Werte die aus dem Glauben kommen wegwirft. Was ich dabei vergesse ist, dass Gott immer der Wirkende ist, ob wir nun rackern oder ruhen. Wir dürfen das tun, was in unseren Kräften steht, gern, gleich und ganz! Und wir können vertrauen, dass Gott tut, was in seiner Macht steht.
Der Liederdichter Paul Gerhardt wusste was es heißt zu glauben und nicht zu sorgen ob der Samen wohl aufgehen mag. Voller Vertrauen dichtete er: „Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll. Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“
Dieses Vertrauen macht frei! Es macht nicht lässig, aber gelassen, nicht übermütig, aber mutig, nicht träge, aber tragfähig, nicht ängstlich, aber engagiert. Und so konnte der Beter des 127. Psalms beten: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf!“ „Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“ Ich liebe dieses Wort. Da steht nämlich nicht: Den Seinen gibt’s der Herr beim Rumrennen und Betrieb machen. Wir müssen nicht eine Aktion nach der anderen starten und möglichst auf allen Hochzeiten tanzen. Das sollen ruhig die anderen machen, die es viel besser können als wir. Unsere Arbeit ist den Samen auszuwerfen. Gott wird dann das Seine dazutun und Wachstum schenken.
Ohne Samen kann nichts wachsen. Darum sind auch Eltern und Großeltern dafür verantwortlich, dass der Same des Wortes Gottes in ihren Kindern eingepflanzt wird. Dass ihre Kinder erfahren und erleben wie christlicher Glaube gelebt wird. Kinder lernen durch das Vorbild ihrer Eltern, nicht durch Druck und Forderungen. Darum dürfen Eltern und Großeltern voll Vertrauen den Kleinen von Jesus erzählen und ihnen den Glauben an den lebendigen und barmherzigen Gott lieb machen, indem sie das leben was sie sagen. Für das Wachstum des Glaubenssamens wird aber Gott sorgen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass er das zum Leben erweckt, was wir im Vertrauen auf ihn in unseren Kindern gesät haben.
6. Saat auf Vertrauen
Vor 110 Jahren haben die wenigen Menschen, die damals in der Südstadt gewohnt haben mit viel Glauben eine große Kirche, die größte in Fürth, mitten auf den Acker gestellt – unsere St. Paulskirche. Sie haben das im Vertrauen darauf getan, dass Gott segnen wird, was sie begonnen haben. Um die Kirche hat sich im Laufe der Jahre eine große Gemeinde gesammelt. Die größte Gemeinde hier in Fürth. Unzählige Menschen wurden in ihr getauft und konfirmiert, haben an ihrem Altar geheiratet und das heilige Abendmahl gefeiert. Wenn unsere Vorfahren diesen Glauben nicht gehabt hätten, so würde heute vielleicht eine kleine Kirche hier stehen und nicht das schöne, große, helle Gotteshaus.
Und so wollen wir im selben Glauben und Vertrauen in diesem Jahr unser neues Gemeindehaus neben das Pfarrhaus bauen, in der Hoffnung, dass es von Ihnen, liebe Gemeinde, mit Leben erfüllt werden wird. Wir wollen glauben und vertrauen, dass über viele Generation, das Zusammenleben in diesem Stadtteil durch das neue Gemeindehaus Segen empfängt. Wir können planen und bauen, aber das Wachstum und Gedeihen in dem neuen Haus und in unserer Gemeinde kann nur Gott schenken. So kann ich eigentlich nur um zweierlei bitten:
Das erste ist, dass Sie, liebe Gemeinde, alles Nachdenken und Planen mit ihren Gebeten begleiten.
Als zweites, dass Sie ihrer Gemeinde auch die nötigen finanziellen Mittel (ca. 200.000 €) mit vielen, vielen kleinen und größeren Spenden zur Verfügung stellen, damit es ein einladendes neues Haus unserer Gemeinde werden kann.
7. Die Ernte
In meinem Herzen kann ich kaum den Tag der Ernte erwarten. Das ist dann wenn der Landwirt, der Gärtner sagen kann: „Die Mühe hat sich gelohnt, der Herr hat das Wachstum dazu gegeben.“ Auch in unserer St. Pauls-Gemeinde können wir immer wieder Ernte erleben und erfahren, dass Gott zu dem, was wir oft mit zittern und zagen beginnen und tun, seinen Segen gibt. Unsere St. Paulsgemeinde hat mit ihrer wunderbaren Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen diesem Stadtteil geprägt. Viele, viele Menschen haben erfahren was es heißt in einer Gemeinde Halt und Gebogenheit zu spüren – und was es heißt sich einzubringen für andere, die Nähe, Geborgenheit, Hilfe und die Gewissheit brauchen, dass sie nicht allein sind, egal in welcher Situation sie sich befinden. Das ist Grund genug, um Gott zu danken, dass er es ist der das Wachstum schenkt. Amen.
Predigt Markus 4, 26-29
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Hinführung zum Thema
Wir erleben gegenwärtig eine harte Zeit in der Kirche und in der Gesellschaft. Es herrscht ein rauher Wind. Überall ist das Geld knapp geworden, trotz eines neuen „Wirtschaftswunders“ von dem die Wirtschaft und andere Fachleute sprechen. Es müssen Schuldenberge, die schwindelnde Höhen erreicht haben, zurückgezahlt werden. Einige Staaten in Europa stehen am Rand der Staatspleite. Es herrscht bei vielen Angst, dass der Euro zu wertlosem Papier wird.
Monatelang streitet Regierung und Opposition über die vom Verfassungsgericht angemahnte Neuberechnung des Hartz IV-Gesetzes – dann haben sie sich geeinigt – und nun doch wieder nicht. Der Bürger fragt sich, ob die Regierung noch handlungsfähig ist, wenn sie Verhandlungen regelmäßig ohne Ergebnis vertagt, bzw. das Ergebnis nicht länger als wenige Stunden hält. In den letzten Tagen kann man hören, dass viele Kommunen an der Grenze ihrer Zahlungsfähigkeit angelangt sind, wegen hoher Sozialausgaben.
Unser soziales Miteinander scheint mehr und mehr dem Egoismus Einzelner und den Interessen bestimmter Gruppen gewichen. Die Folge: Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Für die Rettung von Banken, die Milliarden verzockt haben, stehen Unsummen bereit, für Kindergärten, Schulen und Universitäten ist das Geld knapp. Und nach dem großen Bankencrash wird munter weitergezockt und so getan als sei nichts gewesen.
Der raue Wind ist auch in der Kirche zu spüren. Missbrauch auch bei uns, in der Nachbarschaft. Die Gemeinden werden immer kleiner. Es werden mehr Menschen beerdigt als getauft. Die Kirchenaustrittszahlen halten unvermindert an. Für viele gehört es zum guten Ton nicht mehr in der Kirche zu sein, obwohl sie sich als gläubige Menschen sehen. Längst lassen sich nicht mehr alle jungen und getauften Christen konfirmieren. Nach der Konfirmation ist für die meisten Pause. Wenige bleiben aktiv dabei. Ich mache mir Sorgen und Gedanken, wie aus diesen jungen Menschen gestandene Christen werden, wenn sie nicht zu Bibellesern werden, in den Gottesdienst und in die Gemeinde kommen, wenn sie leben wie die, die nichts vom liebenden Gott gehört haben.
2. Predigttext
In diese bedrückende Situation hinein hören wir den heutigen Predigttext. Ein Wort Jesu, aus dem hoffnungsvolle Stimmung klingt, auch wenn er in einem heftigen Kontrast zu unserer Lebenswirklichkeit steht. Er steht geschrieben im Evangelium des Markus im 4. Kapitel:
Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft
27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. 28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. 29 Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.
3. Wie von selbst ...
So mancher Landwirt oder Hobbygärtner mag sich über diesen Text ärgern. Samen in die Erde, das war’s. Der Rest geschieht von allein. Jetzt muss man nur noch zusehen, es wächst von allein. Da steht nichts vom Gießen oder vom Düngen, da steht nichts vom Unkraut jäten und beschneiden. Es geschieht von selbst. Aber ist das wirklich so? Wir sehen doch die schwere Arbeit eines Landwirts oder wie der Gärtner den Rücken krumm machen muss, damit er einen guten Ertrag hat. In unserem Gleichnis legt man sich aufs Ohr und lässt es einfach wachsen, lässt den Wachstumskräften freien Lauf – das wird dann schon. Aber geht das wirklich so? Oder fehlt uns dazu nur die nötige Gelassenheit, das Zutrauen, dass es auch ohne uns geht? Was will uns das Gleichnis Jesu sagen, was sollen wir daraus lernen?
4. Wort Gottes – der gute Samen
Ich stelle mir das bildlich vor: Der Prediger auf der Kanzel der St. Paulskirche ist der, der den guten Samen des Wortes Gottes unter die Menschen wirft. Er hat sich vorbereitet, hat Gottes Wort sprechen lassen und jedes Wort gewogen, das er der Gemeinde sagen möchte. Und dann, wie geht es weiter? Was kommt dabei heraus? Wächst der Glaube in den Menschen? Wächst die Gemeinde? Entsteht neuer Hunger nach Gottes Wort? Wird die Gemeinde lebendig und dienstbereit? Steigt das Spendenaufkommen, weil die Hand offener wird für die Nöte anderer und die Aufgaben der Gemeinde?
Was bewirkt der Samen, die Predigt? Solche und ähnliche Gedanken beschleichen mich manchmal, weil ich meine es müsste viel passieren, da wir doch einen so wunderbaren Samen in die Herzen der Menschen legen, weil wir doch eine so großartige frohe Botschaft predigen. Und dann träume ich unsere Kirche voll Menschen, sehne mich nach einem Aufbruch, nach einer neuen Ausgießung des Heiligen Geistes. Träume, dass aus den Wenigen die zum Gottesdienst kommen die Vielen werden, die sich nach Gott auszustrecken und von der Sehnsucht nach Gott und seinem Wort ergriffen werden.
Fehlt mir die Gelassenheit Gott zuzutrauen, dass er auch diese, unsere Gemeinde nie aus dem Blick verliert, sie wachsen lässt und erhält? Fehlt mir die Gelassenheit Gott zuzutrauen, dass er sich um all die Menschen kümmert die in unserem Land leben und für jeden das bereithält was er braucht? Hat nicht Gott für jeden dieser Menschen seinen Weg?
Wir werfen den Samen, das Wort Gottes unter die Leute und Gott lässt es wachsen, so unser heutiger Predigttext. So wie der Gärtner, der Landwirt nicht dem Wachstum nachhelfen kann, indem er an den Pflanzen zieht - er würde die jungen Pflänzchen ja nur ausreißen – so können auch die, die Gottes Wort unter die Leute bringen nicht nachhelfen. Gottes Wort muss in den Herzen der Menschen selbst wachsen und sich einwurzeln. Wir dürfen fest darauf vertrauen, dass Gottes Wort nie leer zurückkommt. Gottes gepredigtes Wort wird Frucht bringen. Wir müssen die Frucht nicht schaffen, und wir müssen auch nicht an den jungen, zarten Glaubenspflänzlein ziehen, damit sie schneller wachsen. Gott schafft die Frucht im Leben derer, die sein Wort hören und in ihrem Herzen bewahren.
5. Im Glauben frei
Dr. Martin Luther schrieb einst an seine Frau: „Liebe Katharina, nach einem langen Tag sitze ich bei einem Maß Bier und denke mir, der liebe Gott wird es schon machen!” Dieses kindliche Vertrauen wünsche ich mir auch manchmal: Gott wird es schon machen.
Wie oft meine ich, dass wir es sind, die es machen müssen. Fange an mir Sorgen zu machen über die Zukunft der Kirche und die Zukunft unseres Volkes, das so leichtsinnig die Werte die aus dem Glauben kommen wegwirft. Was ich dabei vergesse ist, dass Gott immer der Wirkende ist, ob wir nun rackern oder ruhen. Wir dürfen das tun, was in unseren Kräften steht, gern, gleich und ganz! Und wir können vertrauen, dass Gott tut, was in seiner Macht steht.
Der Liederdichter Paul Gerhardt wusste was es heißt zu glauben und nicht zu sorgen ob der Samen wohl aufgehen mag. Voller Vertrauen dichtete er: „Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll. Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“
Dieses Vertrauen macht frei! Es macht nicht lässig, aber gelassen, nicht übermütig, aber mutig, nicht träge, aber tragfähig, nicht ängstlich, aber engagiert. Und so konnte der Beter des 127. Psalms beten: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf!“ „Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“ Ich liebe dieses Wort. Da steht nämlich nicht: Den Seinen gibt’s der Herr beim Rumrennen und Betrieb machen. Wir müssen nicht eine Aktion nach der anderen starten und möglichst auf allen Hochzeiten tanzen. Das sollen ruhig die anderen machen, die es viel besser können als wir. Unsere Arbeit ist den Samen auszuwerfen. Gott wird dann das Seine dazutun und Wachstum schenken.
Ohne Samen kann nichts wachsen. Darum sind auch Eltern und Großeltern dafür verantwortlich, dass der Same des Wortes Gottes in ihren Kindern eingepflanzt wird. Dass ihre Kinder erfahren und erleben wie christlicher Glaube gelebt wird. Kinder lernen durch das Vorbild ihrer Eltern, nicht durch Druck und Forderungen. Darum dürfen Eltern und Großeltern voll Vertrauen den Kleinen von Jesus erzählen und ihnen den Glauben an den lebendigen und barmherzigen Gott lieb machen, indem sie das leben was sie sagen. Für das Wachstum des Glaubenssamens wird aber Gott sorgen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass er das zum Leben erweckt, was wir im Vertrauen auf ihn in unseren Kindern gesät haben.
6. Saat auf Vertrauen
Vor 110 Jahren haben die wenigen Menschen, die damals in der Südstadt gewohnt haben mit viel Glauben eine große Kirche, die größte in Fürth, mitten auf den Acker gestellt – unsere St. Paulskirche. Sie haben das im Vertrauen darauf getan, dass Gott segnen wird, was sie begonnen haben. Um die Kirche hat sich im Laufe der Jahre eine große Gemeinde gesammelt. Die größte Gemeinde hier in Fürth. Unzählige Menschen wurden in ihr getauft und konfirmiert, haben an ihrem Altar geheiratet und das heilige Abendmahl gefeiert. Wenn unsere Vorfahren diesen Glauben nicht gehabt hätten, so würde heute vielleicht eine kleine Kirche hier stehen und nicht das schöne, große, helle Gotteshaus.
Und so wollen wir im selben Glauben und Vertrauen in diesem Jahr unser neues Gemeindehaus neben das Pfarrhaus bauen, in der Hoffnung, dass es von Ihnen, liebe Gemeinde, mit Leben erfüllt werden wird. Wir wollen glauben und vertrauen, dass über viele Generation, das Zusammenleben in diesem Stadtteil durch das neue Gemeindehaus Segen empfängt. Wir können planen und bauen, aber das Wachstum und Gedeihen in dem neuen Haus und in unserer Gemeinde kann nur Gott schenken. So kann ich eigentlich nur um zweierlei bitten:
Das erste ist, dass Sie, liebe Gemeinde, alles Nachdenken und Planen mit ihren Gebeten begleiten.
Als zweites, dass Sie ihrer Gemeinde auch die nötigen finanziellen Mittel (ca. 200.000 €) mit vielen, vielen kleinen und größeren Spenden zur Verfügung stellen, damit es ein einladendes neues Haus unserer Gemeinde werden kann.
7. Die Ernte
In meinem Herzen kann ich kaum den Tag der Ernte erwarten. Das ist dann wenn der Landwirt, der Gärtner sagen kann: „Die Mühe hat sich gelohnt, der Herr hat das Wachstum dazu gegeben.“ Auch in unserer St. Pauls-Gemeinde können wir immer wieder Ernte erleben und erfahren, dass Gott zu dem, was wir oft mit zittern und zagen beginnen und tun, seinen Segen gibt. Unsere St. Paulsgemeinde hat mit ihrer wunderbaren Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen diesem Stadtteil geprägt. Viele, viele Menschen haben erfahren was es heißt in einer Gemeinde Halt und Gebogenheit zu spüren – und was es heißt sich einzubringen für andere, die Nähe, Geborgenheit, Hilfe und die Gewissheit brauchen, dass sie nicht allein sind, egal in welcher Situation sie sich befinden. Das ist Grund genug, um Gott zu danken, dass er es ist der das Wachstum schenkt. Amen.
20110117
Martin Adel: "...und er offenbarte seine Herrlichkeit"
2. Sonntag n. Epiphanias - 16.1.2011
Exodus 33,17b-23
1. Hinführung
Liebe Gemeinde,
da fliegt vor 50 Jahren der russische Kosmonaut Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch im Weltall einmal um die Erde und als er zurück kommt, wird er gefragt, ob er denn Gott gesehen hätte. Und er sagt: Nein.
Und unsere verkopfte Welt betet es tapfer nach: Gott gibt es nicht. Er hat sich bei mir noch nicht persönlich vorgestellt. Ich hab ihn noch nicht gesehen, also gibt es ihn auch nicht. Und wir meinen, wir wären damit modern und die Menschen in der Bibel hinterwäldlerisch, wenn sie mit Gott sprechen und meinen, dass er sie führt.
Anthropomorphes Gottesbild – nennen wir das dann als Theologen. Gott, der so vorgestellt wird wie ein Mensch: Gott formt den Menschen aus Lehm – wie ein Töpfer. Gott spricht zu Adam und Eva im Garten Eden wie ein Mensch. Er spricht mit Mose und der meiselt dann die 10 Gebote in die Steintafeln. Wie kindisch. Wie lächerlich. Wie naiv.
Und während die einen uns belächeln, dass Glaube doch völlig überholt und unzeitgemäß wäre … fangen die anderen an, das alles zu beweisen (Jona im Bauch des Fisches; die Arche auf dem Berg Ararat etc. ) oder wir stöhnen: ach wenn ich doch noch so glauben könnte wie damals, als ich noch ein Kind und heute ist alles so kompliziert.
Ach wenn sich mir Gott doch nur einmal zeigen würde, dann ….
Ja, was dann? Dann könnte ich glauben?
Was würde ich sehen? Was wollte ich sehen? Was müsste ich sehen, dass ich überzeugt bin.
2. Gott sehen wollen
Dass wir Gott sehen wollen, das ist ein alter Menschheitswunsch. Schon immer wollte der Mensch Gott begreifen, betasten, mit Händen und Füßen und allen Sinnen. Wir sind eben Menschen. Und das ist bis heute nicht anders. Das ist bei den Kritikern genauso wie bei den Glaubenden. Und sehen wollen ihn ja alle.
Und die einen sagen dann eben: Ich habe Gott nicht gesehen und deshalb glaube ich nicht.
Und die anderen sagen: Ich habe ihn gesehen und deshalb glaube ich.
Mit dem Gott sehen und dem Sehen wollen befinden wir uns in bester Gesellschaft.
Mose sieht den brennenden Dornbusch und geht hin. Er zieht sich die Schuhe aus und hört, wie Gott zu ihm spricht.
Nur die Antwort ist nicht ganz zufriedenstellend. Denn als er fragt: Wer soll ich sagen, dass mich schickt. Heißt es: Ex 3
14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde.
Wer kann sich denn schon darunter etwas vorstellen?
Ich werde sein, der ich sein werde.
Martin Gutl schreibt in seinem Gedicht: Götterdämmerung
Der konstruierte Gott,
der gedachte Gott,
der eingebildete Gott,
der eingerahmte Gott,
der bürgerliche Gott,
der revolutionäre Gott,
der erträumte Gott,
der Gott, der von Menschen gemacht wird.
Und Gott sprach: „Ich bin, der ich bin.“
Ich bin anders als eure Bilder und eure Gedanken!
Elia sieht Gott nach seinem Kampf mit den Baalspriestern am Karmel, doch Gott ist nicht im Gewaltigen; nicht im mächtigen Sturm, nicht im gewaltigen Erdbeben, nicht im gigantischen Vulkanausbruch – und was das für Mächte sind, haben wir ja letztes Jahr auf Island gesehen. Nein, Gott ist im „Flüstern eines leisen Wehens“. In der„Stimme verschwebenden Schweigens“ nimmt er Gott wahr.
Wollen wir das sehen?
Der Jünger Thomas kann auch nicht glauben, dass Jesus auferstanden ist.
Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben. …
Und als Jesus nach 8 Tagen wieder erscheint,
… spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
Und wir könnten noch mehr Menschen der Bibel aufführen. Wir sind nicht allein, wenn wir das Bedürfnis haben, Gott sehen zu dürfen. Auch das Volk Israel will Gott sehen und begreifen, ganz real, und als Mose auf dem Berg ist, bauen sie sich das goldene Kalb und tanzen darum herum. Endlich: Begreifen. Sehen. Das ist Gott. Doch Mose bekommt den Auftrag, das goldene Kalb zu zerstören.
Doch dann will er danach nichts anders. Er geht erneut auf den Gottesberg, wird von Gott gelobt und er hat einen Wunsch. Und so heißt es in unserem Predigttext:
3. Predigttext
Der Herr sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.
4. Was ist das für ein Sehen?
Mose darf Gottes Herrlichkeit sehen. Aber was sieht er denn? Was hat er davon? Kann er damit jetzt prahlen: Ich hab Gott gesehen. Von hinten. Da würden alle nur lachen.
Ist das ein Beweis? Ein Gottesbeweis?
Für wen? Für die Zweifler? Die Kritiker? Die Gegner?
Ich habe Gott von hinten gesehen.
Und wir merken schon, da ist ein ganz anderes Sehen gemeint. Ein Sehen, mit dem wir nichts beweisen können und trotzdem ist es für uns wahr.
Es ist wie bei einem Liebespaar. Da gibt es soviel Männer und Frauen um einen herum. Hübschere, Feschere, Klügere, Reichere …. und doch ist es die eine / der eine und das kann man nicht beweisen, sondern das spürt man, das sieht man – in dem Menschen, hinter dem Menschen. Nichts Objektives, sondern ganz Subjektiv. Du. Mein Mann. Meine Frau.
Und dann bei den Kindern. Da gibt es auch klügere und wohl erzogenere und erfolgreichere … aber es ist: Mein Sohn. Meine Tochter. Das sehen wir. Das fühlen wir. Das brauchen wir.
Mose sieht Gott. „Mein Herr und mein Gott.“
Aber das kann man nicht fotografieren. Die Konfis hätten wahrscheinlich sofort ihr handy gezückt, aber da kann man nichts sehen. Und wäre es zu grell gewesen oder alles schwarz, dann hätten die anderen gesagt: dann war halt dein Handy kaputt. Kauf dir ein neues.
Da geht es nicht um Bilder. Da kann man auch nichts beweisen. Und doch ist es wahr.
Den Mose erlebt hier etwas, das ihn stärkt und hält. Diese intensive Nähe durch die Herrlichkeit Gottes gibt ihm Kraft und Gewissheit für die schwere und große Aufgabe, für die Strapazen, dieses widerspenstige Gottesvolk durch die Wüste zu führen.
Nichts anderes ist an Weihnachten geschehen, wenn Johannes über die Geburt Jesu schreibt:
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. …
14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Wie will man das denn beweisen, außer man glaubt es und es wird einem zur Wahrheit, wenn es heißt:
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
Wir glauben, dass wir in Jesus diese Herrlichkeit Gottes, die an Mose vorüber gezogen ist, dass wir diese Herrlichkeit in Jesus Christus sehen können – in Fleisch und Blut. Und gleichzeitig ist es eben nicht nur Fleisch und Blut, sondern er ist wahrer Mensch und wahrer Gott.
Das, was man sehen konnte, Fleisch und Blut, das konnten die römischen Soldaten dann ergreifen und foltern und töten. Aber das Unsichtbare, das Dahinter und Darüber, das konnte sie nicht töten. Das konnten sie auch nicht bewachen am Grab. Und das lies sich auch nicht gefangen nehmen in den Stricken des Todes – die Herrlichkeit Gottes voller Gnade und Wahrheit.
So wie sie uns vielleicht die Kirchen besprühen können oder die Kirchen anzünden, wie wir damals die Synagogen der Juden aber das bleibt äußerlich, weil wir innerlich von ganz anderen Bildern und Worten leben, solchen Begegnungen, wie sie Mose hatte.
Wir müssen nicht darüber reden und schon gar nicht damit prahlen. Meistens sind es ja eh ganz leise Bilder, wie ein Schaudern, ein Schluchzen, ein Staunen, sein Still-Werden, ein Ergriffen-Sein.
Mein Herr und mein Gott.
Da steigt ein Juri Gagarin aus dem Raumschiff und auf die Frage „ob er denn Gott gesehen hätte“ antwortet er: Nein.
Und unsere verkopfte Welt betet es tapfer nach: Gott gibt es nicht, weil wir ihn nicht sehen können.
Was für eine arme, oberflächliche Welt.
Letzthin sagte mir eine Frau, die ich besuchte, eine Zigeunerin, die Christin ist> Nach dem plötzlichen Tod meines Mannes mit 31 Jahren musste ich die 8 kleinen Kinder allein großziehen. Ohne Gott hätte ich das nicht geschafft. Die Armut blieb und die Not auch, aber sie hatte darin die Kraft, um diese Aufgabe zu bewältigen.
Das ist die Wahrheit dieses Sehens. Kraftbilder – Kraftquellen. Uns zum Leben und zum Heil.
Amen
Exodus 33,17b-23
1. Hinführung
Liebe Gemeinde,
da fliegt vor 50 Jahren der russische Kosmonaut Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch im Weltall einmal um die Erde und als er zurück kommt, wird er gefragt, ob er denn Gott gesehen hätte. Und er sagt: Nein.
Und unsere verkopfte Welt betet es tapfer nach: Gott gibt es nicht. Er hat sich bei mir noch nicht persönlich vorgestellt. Ich hab ihn noch nicht gesehen, also gibt es ihn auch nicht. Und wir meinen, wir wären damit modern und die Menschen in der Bibel hinterwäldlerisch, wenn sie mit Gott sprechen und meinen, dass er sie führt.
Anthropomorphes Gottesbild – nennen wir das dann als Theologen. Gott, der so vorgestellt wird wie ein Mensch: Gott formt den Menschen aus Lehm – wie ein Töpfer. Gott spricht zu Adam und Eva im Garten Eden wie ein Mensch. Er spricht mit Mose und der meiselt dann die 10 Gebote in die Steintafeln. Wie kindisch. Wie lächerlich. Wie naiv.
Und während die einen uns belächeln, dass Glaube doch völlig überholt und unzeitgemäß wäre … fangen die anderen an, das alles zu beweisen (Jona im Bauch des Fisches; die Arche auf dem Berg Ararat etc. ) oder wir stöhnen: ach wenn ich doch noch so glauben könnte wie damals, als ich noch ein Kind und heute ist alles so kompliziert.
Ach wenn sich mir Gott doch nur einmal zeigen würde, dann ….
Ja, was dann? Dann könnte ich glauben?
Was würde ich sehen? Was wollte ich sehen? Was müsste ich sehen, dass ich überzeugt bin.
2. Gott sehen wollen
Dass wir Gott sehen wollen, das ist ein alter Menschheitswunsch. Schon immer wollte der Mensch Gott begreifen, betasten, mit Händen und Füßen und allen Sinnen. Wir sind eben Menschen. Und das ist bis heute nicht anders. Das ist bei den Kritikern genauso wie bei den Glaubenden. Und sehen wollen ihn ja alle.
Und die einen sagen dann eben: Ich habe Gott nicht gesehen und deshalb glaube ich nicht.
Und die anderen sagen: Ich habe ihn gesehen und deshalb glaube ich.
Mit dem Gott sehen und dem Sehen wollen befinden wir uns in bester Gesellschaft.
Mose sieht den brennenden Dornbusch und geht hin. Er zieht sich die Schuhe aus und hört, wie Gott zu ihm spricht.
Nur die Antwort ist nicht ganz zufriedenstellend. Denn als er fragt: Wer soll ich sagen, dass mich schickt. Heißt es: Ex 3
14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde.
Wer kann sich denn schon darunter etwas vorstellen?
Ich werde sein, der ich sein werde.
Martin Gutl schreibt in seinem Gedicht: Götterdämmerung
Der konstruierte Gott,
der gedachte Gott,
der eingebildete Gott,
der eingerahmte Gott,
der bürgerliche Gott,
der revolutionäre Gott,
der erträumte Gott,
der Gott, der von Menschen gemacht wird.
Und Gott sprach: „Ich bin, der ich bin.“
Ich bin anders als eure Bilder und eure Gedanken!
Elia sieht Gott nach seinem Kampf mit den Baalspriestern am Karmel, doch Gott ist nicht im Gewaltigen; nicht im mächtigen Sturm, nicht im gewaltigen Erdbeben, nicht im gigantischen Vulkanausbruch – und was das für Mächte sind, haben wir ja letztes Jahr auf Island gesehen. Nein, Gott ist im „Flüstern eines leisen Wehens“. In der„Stimme verschwebenden Schweigens“ nimmt er Gott wahr.
Wollen wir das sehen?
Der Jünger Thomas kann auch nicht glauben, dass Jesus auferstanden ist.
Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben. …
Und als Jesus nach 8 Tagen wieder erscheint,
… spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
Und wir könnten noch mehr Menschen der Bibel aufführen. Wir sind nicht allein, wenn wir das Bedürfnis haben, Gott sehen zu dürfen. Auch das Volk Israel will Gott sehen und begreifen, ganz real, und als Mose auf dem Berg ist, bauen sie sich das goldene Kalb und tanzen darum herum. Endlich: Begreifen. Sehen. Das ist Gott. Doch Mose bekommt den Auftrag, das goldene Kalb zu zerstören.
Doch dann will er danach nichts anders. Er geht erneut auf den Gottesberg, wird von Gott gelobt und er hat einen Wunsch. Und so heißt es in unserem Predigttext:
3. Predigttext
Der Herr sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.
4. Was ist das für ein Sehen?
Mose darf Gottes Herrlichkeit sehen. Aber was sieht er denn? Was hat er davon? Kann er damit jetzt prahlen: Ich hab Gott gesehen. Von hinten. Da würden alle nur lachen.
Ist das ein Beweis? Ein Gottesbeweis?
Für wen? Für die Zweifler? Die Kritiker? Die Gegner?
Ich habe Gott von hinten gesehen.
Und wir merken schon, da ist ein ganz anderes Sehen gemeint. Ein Sehen, mit dem wir nichts beweisen können und trotzdem ist es für uns wahr.
Es ist wie bei einem Liebespaar. Da gibt es soviel Männer und Frauen um einen herum. Hübschere, Feschere, Klügere, Reichere …. und doch ist es die eine / der eine und das kann man nicht beweisen, sondern das spürt man, das sieht man – in dem Menschen, hinter dem Menschen. Nichts Objektives, sondern ganz Subjektiv. Du. Mein Mann. Meine Frau.
Und dann bei den Kindern. Da gibt es auch klügere und wohl erzogenere und erfolgreichere … aber es ist: Mein Sohn. Meine Tochter. Das sehen wir. Das fühlen wir. Das brauchen wir.
Mose sieht Gott. „Mein Herr und mein Gott.“
Aber das kann man nicht fotografieren. Die Konfis hätten wahrscheinlich sofort ihr handy gezückt, aber da kann man nichts sehen. Und wäre es zu grell gewesen oder alles schwarz, dann hätten die anderen gesagt: dann war halt dein Handy kaputt. Kauf dir ein neues.
Da geht es nicht um Bilder. Da kann man auch nichts beweisen. Und doch ist es wahr.
Den Mose erlebt hier etwas, das ihn stärkt und hält. Diese intensive Nähe durch die Herrlichkeit Gottes gibt ihm Kraft und Gewissheit für die schwere und große Aufgabe, für die Strapazen, dieses widerspenstige Gottesvolk durch die Wüste zu führen.
Nichts anderes ist an Weihnachten geschehen, wenn Johannes über die Geburt Jesu schreibt:
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. …
14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Wie will man das denn beweisen, außer man glaubt es und es wird einem zur Wahrheit, wenn es heißt:
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
Wir glauben, dass wir in Jesus diese Herrlichkeit Gottes, die an Mose vorüber gezogen ist, dass wir diese Herrlichkeit in Jesus Christus sehen können – in Fleisch und Blut. Und gleichzeitig ist es eben nicht nur Fleisch und Blut, sondern er ist wahrer Mensch und wahrer Gott.
Das, was man sehen konnte, Fleisch und Blut, das konnten die römischen Soldaten dann ergreifen und foltern und töten. Aber das Unsichtbare, das Dahinter und Darüber, das konnte sie nicht töten. Das konnten sie auch nicht bewachen am Grab. Und das lies sich auch nicht gefangen nehmen in den Stricken des Todes – die Herrlichkeit Gottes voller Gnade und Wahrheit.
So wie sie uns vielleicht die Kirchen besprühen können oder die Kirchen anzünden, wie wir damals die Synagogen der Juden aber das bleibt äußerlich, weil wir innerlich von ganz anderen Bildern und Worten leben, solchen Begegnungen, wie sie Mose hatte.
Wir müssen nicht darüber reden und schon gar nicht damit prahlen. Meistens sind es ja eh ganz leise Bilder, wie ein Schaudern, ein Schluchzen, ein Staunen, sein Still-Werden, ein Ergriffen-Sein.
Mein Herr und mein Gott.
Da steigt ein Juri Gagarin aus dem Raumschiff und auf die Frage „ob er denn Gott gesehen hätte“ antwortet er: Nein.
Und unsere verkopfte Welt betet es tapfer nach: Gott gibt es nicht, weil wir ihn nicht sehen können.
Was für eine arme, oberflächliche Welt.
Letzthin sagte mir eine Frau, die ich besuchte, eine Zigeunerin, die Christin ist> Nach dem plötzlichen Tod meines Mannes mit 31 Jahren musste ich die 8 kleinen Kinder allein großziehen. Ohne Gott hätte ich das nicht geschafft. Die Armut blieb und die Not auch, aber sie hatte darin die Kraft, um diese Aufgabe zu bewältigen.
Das ist die Wahrheit dieses Sehens. Kraftbilder – Kraftquellen. Uns zum Leben und zum Heil.
Amen
20101214
Werner Otto Sirch: Kehrt um!
12.12.2010 - 3. Advent
Predigt Lk 3,1-14
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Judäa politisch
bedrückende politische Verhältnisse herrschten damals vor 2000 Jahren in Judäa, als Tiberius Kaiser in Rom war und Pontius Pilatus Stadthalter in Judäa. Das Volk Israel, das auserwählte Volk Gottes, war der Gewalt des verhassten Landesfürsten Herodes und der Sklaverei der Römerherrschaft ausgeliefert.
Israel wollte Befreiung und Erlösung aus dieser gottlosen Knechtung, sehnte sich danach, dass Gott endlich eingreifen und den Messias senden würde. Der Messias sollte die Römer aus dem Land jagen und dem Volk wieder seine Freiheit geben. Das war eine mächtige immer stärker um sich greifende politische Hoffnung, von der viele im Volk ergriffen waren und die sich auch in vielen Liedern niederschlug. Das wohl berühmteste Messiaslied, das diesem Schrei nach Befreiung Luft machte, finden wir im 17. Psalm Salomonis, der dem ehemaligen König Salomo in den Mund gelegt wurde. Ein Vers aus diesem Psalm, aus dem eine gewaltige Messiashoffnung herausklingt, lautet so: „Herr, sieh darein und erwecke einen König, den Sohn Davids - o Gott, dass er über Israel herrsche. Gürte ihn mit Stärke, dass er die Ungerechten, die gottlosen, verfluchten Machthaber zerschmettere. Reinige Israel von den Hunden (Heiden), die es wüste zertreten. ... Rette uns von der Besudelung durch die unreinen (schmutzigen) Feinde! ..."
Judäa religiös
Die religiösen Verhältnisse waren in Israel nicht besser, als die bedrückende und bedrohliche politische Lage. Der Arzt und Evangelist Lukas berichtet von zwei Hohenpriestern, Hannas und Kaiphas, und deutet damit auch die Zerrüttung des geistlichen Regimentes an, denn nach dem Gesetz durfte immer nur ein Hoherpriester im Amt sein.
Schon unter der Regierung des Herodes des Großen und noch mehr unter der Herrschaft der Römer hatte die rechtmäßige Nachfolgeschaft im Hohenpriestertum aufgehört. Der Vorgänger des Pilatus, Valerius Gratus, hatte im Jahre 15 n. Chr. den Hohenpriester Hannas abgesetzt und im Laufe einiger Jahre nacheinander mehrere Hohepriester neu erwählt und wieder davongejagt, bis er endlich in Kaiphas, dem Schwiegersohn des Hannas, ein hinlänglich dienstbeflissenes Werkzeug für seine Ziele gefunden hatte. Dieser verwaltete das Amt vom Jahre 18-36 n. Chr. Trotz alledem blieb Hannas in den Augen des Volkes und auf Grund des Gesetzes der wahre Hohepriester.
Liebe Gemeindeglieder, der Zerfall Israels, die Gottlosigkeit und der Sittenzerfall, Trost- und Hoffnungslosigkeit in politischer und religiöser Beziehung waren unübersehbar. Auf diesem religiösen und politischen Hintergrund geschieht das, wovon unser heutiger Predigttext berichtet. Wir hören, was Lukas im 3. Kapitel aufgeschrieben hat:
1 Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, 2 als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. 3 Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden,
4 wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. 6 Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.« 7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. 9 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? 11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. 12 Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! 14 Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!
Johannes und seine Eltern (meine Kindheitsbilder)
Beim Lesen des Textes fällt mir ein, was mich schon als Kind sehr bewegt hatte, als ich die Geschichten über Johannes und seine Eltern gehört hatte. Vor allem, als der Engel Gabriel dem Tempelpriester Zacharias vor dem Gottesdienst erschien und dem alten Mann die Geburt seines Sohnes Johannes ankündigte. Zacharias konnte das nicht glauben, denn auch seine Frau war alt und längst über die Zeit hinaus in der man Kinder bekommen konnte. Als Zeichen nahm der Engel ihm die Sprache weg. Und so stand er sprachlos vor der Gemeinde und konnte den Gottesdienst nicht halten. Noch aufregender fand ich die Geschichte, als das Kind geboren wurde und in der Verwandtschaft darüber diskutiert wurde welchen Namen das Kind bekommen soll. Viele meinten, dass der Bub wie sein Vater Zacharias heißen soll. Da ließ sich Zacharias eine Tafel bringen auf die der noch immer sprachlose Vater schrieb, wie es ihm der Engel aufgetragen hatte: „Er soll Johannes heißen“. Da kam seine Sprache wieder. Wunderbar diese Geschichte.
Und dieser Johannes lebte nun in der Einsamkeit der Wüste. Kühlende Höhlen waren seine Wohnung. Er ernährte sich von Heuschrecken und dem Honig wilder Bienen. Noch heute werden Heuschrecken gelegentlich gegessen. Man trocknet sie und mahlt sie zu Pulver. Weil dieses Heuschreckenpulver bitter schmeckte, aß man Honig dazu, und zwar den Honig der wilden Bienenschwärme.
Das Auftreten des Johannes, seine Gestalt wirkten als Kind auf mich distanziert und merkwürdig Angst einflößend und erschreckend. Ich stellte mir den Johannes als wunderlichen Gesellen mit finsterem Gesicht und drohender Geste vor und einem vernichtendem Urteil über jeden, der ihm zu nahe kam. Johannes, der Prophet, der eine Atmosphäre schaffte die alles und jeden harsch Infrage stellte. Ich verlasse meine Kindheits-Bilder von Johannes dem Propheten und Täufer.
Der Prediger in der Wüste
Die Menschen gingen zu ihm hin in die Wüste. Sie nahmen einen stundenlangen beschwerlichen Fußmarsch auf sich, weil er etwas zu sagen hatte, das sie ansprach und bewegte. Es war eine ganz besondere Vollmacht, mit der Johannes auftrat. Alles an ihm predigte: Das Wort, das er sprach, der Geist und seine Gebärde, sein Herz, das für Gott schlug und die Hand mit der er die Menschen zur Umkehr und zur Vergebung ihrer Sünden taufte. Es ließ in ihrem Herzen die Frage laut werden: „Was soll ich tun?“
Kehrt um!
Kehrt um!, war die Botschaft des Johannes. Kehrt um, sonst nützt euch euer Opfer gar nichts. Kehrt um, sonst wird euch euer Gott verwerfen. „Kehrt um, denn das Königreich Gottes, die Herrschaft Gottes ist nahe, der Messias ist im kommen, der König ist da!“
Zwei Gedanken bewegen mich, wenn ich diese Zeilen lese.
Der erste Gedanke: Wir reden und predigen viel, auch hier auf der Kanzel der St. Paulskirche, oder drüben im Gemeindehaus oder im Altenheim – aber was bewegen wir? Unsere Gemeinde schläft sich weiterhin am Sonntag aus und kommt nicht um zu hören was Gott zu sagen hat. Sie kommen nicht, um Gemeinschaft mit denen zu haben die an Gott glauben. Kehrt um!, möchte ich rufen und es wundert mich, dass diese Leute noch in der Kirche sind, obwohl sie eigentlich nichts von ihr wollen. Krass gesagt: Vielleicht unterliegt mancher der irrigen Meinung, dass man sich mit der Bezahlung der Kirchensteuer den Himmel erkaufen kann? Ich weiß, dass ich das den Falschen sage, denn Sie sind ja hier, liebe Gemeindeglieder.
Der zweite Gedanke der mich bewegt: Kehrt um! Der Messias ist im Kommen! Wir erwarten das Kommen Jesu. Dabei denke ich jetzt nicht an das, was wir an Weihnachten feiern: Jesu Geburt. Ich denke daran, dass wir einen Wiederkommenden Herrn und Heiland haben. Und dieser kommt plötzlich, dann, wenn wir es nicht vermuten. Sind wir bereit? Haben wir uns darauf vorbereitet – auch auf die Stunde unseres Todes, denn dann ist die Stunde da in der wir vor unseren Gott treten? Kehrt um!
Radikal Neues - Frucht
Johannes fordert mit scharfen Worten auf, Gesinnung und sein Herz zu ändern. Er will radikal Neues. Unsere Umkehr soll Frucht bringen. So wie ein guter Baum gute Früchte trägt. Eine echte Bekehrung oder Umkehr zeigt sich in den Früchten des neuen Lebens. Heuchelei und Scheinheiligkeit hat dann keinen Platz mehr.
Die Predigt des Johannes war so gewaltig und mit Vollmacht, dass dieser die augenblickliche Wirkung seiner Predigt zu sehen bekam. Lukas konnte beobachten, dass die Menge des Volkes dem Täufer seine Sünde bekannte, ein jeder die seine. Sie wollten von Johannes wissen was sie tun sollen. Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Eine klare Botschaft. Johannes nimmt das Volk in die Verantwortung für die, die wenig oder nichts haben, denn Gott hat uns in die Verantwortung für unsere Mitmenschen gestellt. Das Volk wird nicht zur Armut verpflichtet, sondern zum Geben.
Zu uns: Ich halte es für ein fatales Signal, dass die soziale Verantwortung in unserem Volk immer kleiner geschrieben und die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer wird. Da gibt es bei uns die einen gibt, die Unsummen verdienen und die anderen, die kaum wissen wie sie über die Runden kommen sollen, auch wenn sie arbeiten. Das ist ein menschenverachtender Skandal. Genauso unerträglich ist für mich die zunehmende Unsitte Gewinne zu privatisieren (das heißt sie einzustecken) und Verluste zu sozialisieren (dem Steuerzahler aufzubürden).
Johannes schafft es den Menschen ins Gewissen zu reden.
Die Zollbeamten, die wegen ihrer Erpressungen und Betrügereien so berüchtigt waren, dass man ihnen bei jüdischen Behörden nicht gestattete einen Eid zu leisten, fordert Johannes nicht auf ihren Beruf aufzugeben. Sie sollen aber nicht mehr als das Erlaubte oder Vorgeschriebene von den Menschen fordern. Nicht das Geldgeschäft macht den Zöllner schuldig, sondern seine Diebereien.
Den Soldaten redet Johannes ins Gewissen, die Befehle ihrer Vorgesetzten recht auszuführen. Sie sollen ihre Gewalt nicht missbrauchen, Leute nicht misshandeln um von ihnen Geld zu erpressen und schikanieren durch Denunziationen, sondern sich mit ihrem Sold zu begnügen. Ihnen werden nicht die Waffen abgenommen, sondern die geldgierige Erpressung und grausame Gewalttat.
Wo klemmt es bei uns, liebe Gemeinde? Wo müssen wir umkehren?
Umkehr wohin?
Die Umkehr des Sünders besteht darin, dass er zu Jesus kommt. Vergebung empfängt er dadurch, dass Jesus ihm seine Gemeinschaft gewährt. Das ist der Weg für uns.
Johannes weist mit seinem ganzen Leben auf den hin, der nach ihm kommen wird, auf Jesus, den Christus: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Das wünsche ich auch uns, dann wird es in unserem Leben Advent werden. Amen.
Predigt Lk 3,1-14
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Judäa politisch
bedrückende politische Verhältnisse herrschten damals vor 2000 Jahren in Judäa, als Tiberius Kaiser in Rom war und Pontius Pilatus Stadthalter in Judäa. Das Volk Israel, das auserwählte Volk Gottes, war der Gewalt des verhassten Landesfürsten Herodes und der Sklaverei der Römerherrschaft ausgeliefert.
Israel wollte Befreiung und Erlösung aus dieser gottlosen Knechtung, sehnte sich danach, dass Gott endlich eingreifen und den Messias senden würde. Der Messias sollte die Römer aus dem Land jagen und dem Volk wieder seine Freiheit geben. Das war eine mächtige immer stärker um sich greifende politische Hoffnung, von der viele im Volk ergriffen waren und die sich auch in vielen Liedern niederschlug. Das wohl berühmteste Messiaslied, das diesem Schrei nach Befreiung Luft machte, finden wir im 17. Psalm Salomonis, der dem ehemaligen König Salomo in den Mund gelegt wurde. Ein Vers aus diesem Psalm, aus dem eine gewaltige Messiashoffnung herausklingt, lautet so: „Herr, sieh darein und erwecke einen König, den Sohn Davids - o Gott, dass er über Israel herrsche. Gürte ihn mit Stärke, dass er die Ungerechten, die gottlosen, verfluchten Machthaber zerschmettere. Reinige Israel von den Hunden (Heiden), die es wüste zertreten. ... Rette uns von der Besudelung durch die unreinen (schmutzigen) Feinde! ..."
Judäa religiös
Die religiösen Verhältnisse waren in Israel nicht besser, als die bedrückende und bedrohliche politische Lage. Der Arzt und Evangelist Lukas berichtet von zwei Hohenpriestern, Hannas und Kaiphas, und deutet damit auch die Zerrüttung des geistlichen Regimentes an, denn nach dem Gesetz durfte immer nur ein Hoherpriester im Amt sein.
Schon unter der Regierung des Herodes des Großen und noch mehr unter der Herrschaft der Römer hatte die rechtmäßige Nachfolgeschaft im Hohenpriestertum aufgehört. Der Vorgänger des Pilatus, Valerius Gratus, hatte im Jahre 15 n. Chr. den Hohenpriester Hannas abgesetzt und im Laufe einiger Jahre nacheinander mehrere Hohepriester neu erwählt und wieder davongejagt, bis er endlich in Kaiphas, dem Schwiegersohn des Hannas, ein hinlänglich dienstbeflissenes Werkzeug für seine Ziele gefunden hatte. Dieser verwaltete das Amt vom Jahre 18-36 n. Chr. Trotz alledem blieb Hannas in den Augen des Volkes und auf Grund des Gesetzes der wahre Hohepriester.
Liebe Gemeindeglieder, der Zerfall Israels, die Gottlosigkeit und der Sittenzerfall, Trost- und Hoffnungslosigkeit in politischer und religiöser Beziehung waren unübersehbar. Auf diesem religiösen und politischen Hintergrund geschieht das, wovon unser heutiger Predigttext berichtet. Wir hören, was Lukas im 3. Kapitel aufgeschrieben hat:
1 Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, 2 als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. 3 Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden,
4 wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. 6 Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.« 7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. 9 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? 11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. 12 Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! 14 Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!
Johannes und seine Eltern (meine Kindheitsbilder)
Beim Lesen des Textes fällt mir ein, was mich schon als Kind sehr bewegt hatte, als ich die Geschichten über Johannes und seine Eltern gehört hatte. Vor allem, als der Engel Gabriel dem Tempelpriester Zacharias vor dem Gottesdienst erschien und dem alten Mann die Geburt seines Sohnes Johannes ankündigte. Zacharias konnte das nicht glauben, denn auch seine Frau war alt und längst über die Zeit hinaus in der man Kinder bekommen konnte. Als Zeichen nahm der Engel ihm die Sprache weg. Und so stand er sprachlos vor der Gemeinde und konnte den Gottesdienst nicht halten. Noch aufregender fand ich die Geschichte, als das Kind geboren wurde und in der Verwandtschaft darüber diskutiert wurde welchen Namen das Kind bekommen soll. Viele meinten, dass der Bub wie sein Vater Zacharias heißen soll. Da ließ sich Zacharias eine Tafel bringen auf die der noch immer sprachlose Vater schrieb, wie es ihm der Engel aufgetragen hatte: „Er soll Johannes heißen“. Da kam seine Sprache wieder. Wunderbar diese Geschichte.
Und dieser Johannes lebte nun in der Einsamkeit der Wüste. Kühlende Höhlen waren seine Wohnung. Er ernährte sich von Heuschrecken und dem Honig wilder Bienen. Noch heute werden Heuschrecken gelegentlich gegessen. Man trocknet sie und mahlt sie zu Pulver. Weil dieses Heuschreckenpulver bitter schmeckte, aß man Honig dazu, und zwar den Honig der wilden Bienenschwärme.
Das Auftreten des Johannes, seine Gestalt wirkten als Kind auf mich distanziert und merkwürdig Angst einflößend und erschreckend. Ich stellte mir den Johannes als wunderlichen Gesellen mit finsterem Gesicht und drohender Geste vor und einem vernichtendem Urteil über jeden, der ihm zu nahe kam. Johannes, der Prophet, der eine Atmosphäre schaffte die alles und jeden harsch Infrage stellte. Ich verlasse meine Kindheits-Bilder von Johannes dem Propheten und Täufer.
Der Prediger in der Wüste
Die Menschen gingen zu ihm hin in die Wüste. Sie nahmen einen stundenlangen beschwerlichen Fußmarsch auf sich, weil er etwas zu sagen hatte, das sie ansprach und bewegte. Es war eine ganz besondere Vollmacht, mit der Johannes auftrat. Alles an ihm predigte: Das Wort, das er sprach, der Geist und seine Gebärde, sein Herz, das für Gott schlug und die Hand mit der er die Menschen zur Umkehr und zur Vergebung ihrer Sünden taufte. Es ließ in ihrem Herzen die Frage laut werden: „Was soll ich tun?“
Kehrt um!
Kehrt um!, war die Botschaft des Johannes. Kehrt um, sonst nützt euch euer Opfer gar nichts. Kehrt um, sonst wird euch euer Gott verwerfen. „Kehrt um, denn das Königreich Gottes, die Herrschaft Gottes ist nahe, der Messias ist im kommen, der König ist da!“
Zwei Gedanken bewegen mich, wenn ich diese Zeilen lese.
Der erste Gedanke: Wir reden und predigen viel, auch hier auf der Kanzel der St. Paulskirche, oder drüben im Gemeindehaus oder im Altenheim – aber was bewegen wir? Unsere Gemeinde schläft sich weiterhin am Sonntag aus und kommt nicht um zu hören was Gott zu sagen hat. Sie kommen nicht, um Gemeinschaft mit denen zu haben die an Gott glauben. Kehrt um!, möchte ich rufen und es wundert mich, dass diese Leute noch in der Kirche sind, obwohl sie eigentlich nichts von ihr wollen. Krass gesagt: Vielleicht unterliegt mancher der irrigen Meinung, dass man sich mit der Bezahlung der Kirchensteuer den Himmel erkaufen kann? Ich weiß, dass ich das den Falschen sage, denn Sie sind ja hier, liebe Gemeindeglieder.
Der zweite Gedanke der mich bewegt: Kehrt um! Der Messias ist im Kommen! Wir erwarten das Kommen Jesu. Dabei denke ich jetzt nicht an das, was wir an Weihnachten feiern: Jesu Geburt. Ich denke daran, dass wir einen Wiederkommenden Herrn und Heiland haben. Und dieser kommt plötzlich, dann, wenn wir es nicht vermuten. Sind wir bereit? Haben wir uns darauf vorbereitet – auch auf die Stunde unseres Todes, denn dann ist die Stunde da in der wir vor unseren Gott treten? Kehrt um!
Radikal Neues - Frucht
Johannes fordert mit scharfen Worten auf, Gesinnung und sein Herz zu ändern. Er will radikal Neues. Unsere Umkehr soll Frucht bringen. So wie ein guter Baum gute Früchte trägt. Eine echte Bekehrung oder Umkehr zeigt sich in den Früchten des neuen Lebens. Heuchelei und Scheinheiligkeit hat dann keinen Platz mehr.
Die Predigt des Johannes war so gewaltig und mit Vollmacht, dass dieser die augenblickliche Wirkung seiner Predigt zu sehen bekam. Lukas konnte beobachten, dass die Menge des Volkes dem Täufer seine Sünde bekannte, ein jeder die seine. Sie wollten von Johannes wissen was sie tun sollen. Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Eine klare Botschaft. Johannes nimmt das Volk in die Verantwortung für die, die wenig oder nichts haben, denn Gott hat uns in die Verantwortung für unsere Mitmenschen gestellt. Das Volk wird nicht zur Armut verpflichtet, sondern zum Geben.
Zu uns: Ich halte es für ein fatales Signal, dass die soziale Verantwortung in unserem Volk immer kleiner geschrieben und die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer wird. Da gibt es bei uns die einen gibt, die Unsummen verdienen und die anderen, die kaum wissen wie sie über die Runden kommen sollen, auch wenn sie arbeiten. Das ist ein menschenverachtender Skandal. Genauso unerträglich ist für mich die zunehmende Unsitte Gewinne zu privatisieren (das heißt sie einzustecken) und Verluste zu sozialisieren (dem Steuerzahler aufzubürden).
Johannes schafft es den Menschen ins Gewissen zu reden.
Die Zollbeamten, die wegen ihrer Erpressungen und Betrügereien so berüchtigt waren, dass man ihnen bei jüdischen Behörden nicht gestattete einen Eid zu leisten, fordert Johannes nicht auf ihren Beruf aufzugeben. Sie sollen aber nicht mehr als das Erlaubte oder Vorgeschriebene von den Menschen fordern. Nicht das Geldgeschäft macht den Zöllner schuldig, sondern seine Diebereien.
Den Soldaten redet Johannes ins Gewissen, die Befehle ihrer Vorgesetzten recht auszuführen. Sie sollen ihre Gewalt nicht missbrauchen, Leute nicht misshandeln um von ihnen Geld zu erpressen und schikanieren durch Denunziationen, sondern sich mit ihrem Sold zu begnügen. Ihnen werden nicht die Waffen abgenommen, sondern die geldgierige Erpressung und grausame Gewalttat.
Wo klemmt es bei uns, liebe Gemeinde? Wo müssen wir umkehren?
Umkehr wohin?
Die Umkehr des Sünders besteht darin, dass er zu Jesus kommt. Vergebung empfängt er dadurch, dass Jesus ihm seine Gemeinschaft gewährt. Das ist der Weg für uns.
Johannes weist mit seinem ganzen Leben auf den hin, der nach ihm kommen wird, auf Jesus, den Christus: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Das wünsche ich auch uns, dann wird es in unserem Leben Advent werden. Amen.
20101125
Werner Otto Sirch: Siehe ich mache alles neu
21.11.2011 - Ewigkeitssonntag
Predigt Offenbarung 21, 1-7
1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder,
Ich glaube ...
„Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Glauben Sie das? Die Auferstehung der Toten?
Ja, in Form der Wiedergeburt, sagen die einen. In unseren Erinnerungen, sagen die anderen. Die ganz Frommen sagen: bei Gott oder zu Gott. Heimgegangen. In Traueranzeigen, in Reden oder Predigten, die bei solchen Anlässen gehalten werden und auf Trauerkarten können wir erfahren, welches Bild wir vom Tod haben und dem was danach kommt.
Viele von Ihnen sind heute hier, weil sie im vergangenen Jahr einen Menschen hergeben mussten, weil sie das Vergehen eines Menschen miterlebt haben, weil sie ihn vermissen und ihr Herz voller Trauer ist. Es ist schwer zu begreifen, irgendwie unfassbar dass ein Mensch durch den Tod von uns gegangen ist. Für immer. Das „nie wieder“ macht uns traurig und erfüllt unser Herz mit Schmerz.
Wir machen uns Gedanken darüber wo unsere Toten jetzt sind. Die einen können im Glauben festhalten, dass jeder einzelne Mensch über den Tod hinaus als unverwechselbares Geschöpf bewahrt bleibt. Das klingt gut. Aber kommt es wirklich gegen die Zweifel an? Egal, wie ich es mir zurechtdenke und zurechtglaube. Es bleibt was offen. Wie soll die Auferstehung denn aussehen?
Unvergessen
Wenn wir über den Friedhof gehen, können wir auf manchen verwilderten Gräbern lesen: „Unvergessen“. Ja, wir möchten unsere Toten bewahrt wissen. „Pass du auf sie auf, guter Gott.“ Wir möchten sie bei uns bewahren, in unserm Herzen, in den Fotografien, in den Lieblingsliedern und sonstigen Erinnerungen. Manche lassen sich Amulette machen, in denen sich Asche des geliebten Menschen befindet. Er soll bei ihnen sein und sei es auch nur mit ein paar Gramm seiner Asche. Ist das die Auferstehung, an die wir glauben?
Es fällt uns schwer, Menschen loszulassen, endgültig loszulassen, mit denen wir gelebt, gelacht und geweint haben und die wir jetzt so sehr vermissen. Jetzt ruhen sie, schlummern sie, nicht als „Nichtse“, bis zu dem Tag, an dem sie Gott aus dem Tod herausruft.
Wir dürfen sie loslassen, denn bei Gott sind sie unvergessen. Er kennt ihre Namen. Er kennt ihre Geschichte, ihr Leben. Das gilt auch für die, die wir gerne vergessen würden, aus welchen Gründen auch immer. Und es gilt auch für die, die auch im Tod niemandem mehr zur Last fallen wollen und deshalb anonym bestattet werden, weil sie keinen Ort wollen, an dem sie gelassen wurden, keinen Ort des Gedenkens. Keinen Ort an dem sie Unvergessen sind.
Vergänglich
Wir wissen um die Vergänglichkeit unseres Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes, wir sind uns bewusst, dass unser Leben ein Ende hat, ein Ziel. Als Angehörige haben wir unmittelbare Erfahrungen gemacht mit dem Sterben von Menschen die uns nahe waren. Erfahrungen, die bewältigt sein wollen. Es lässt sich nichts mehr zurücknehmen, nichts mehr gutmachen. Auch darin ist der Tod etwas Unabänderliches. Unsere Geschichte mit unserem Verstorbenen wird zur Vergangenheit. Und wenn wir heute noch einmal ihre Namen nennen, soll es helfen trauern zu können, dem Schmerz Raum zu geben und sich der Endgültigkeit des Todes bewusst zu werden.
Hoffnung
Trotz aller Endgültigkeit, die wir im Tode eines lieben Menschen hautnah erleben, ist dies aber trotzdem nicht das Ende. Christen haben durch das Auferstehen Jesu, den Glauben an ihn und ihre Taufe, Hoffnung gegen den Tod, die eine vorläufige Hoffnung gegen allen Augenschein ist: Mit dem Tod ist nicht alles aus, das ist die zentrale Botschaft unseres Glaubens. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Wir glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Wir erwarten den neuen Himmel und die neue Erde, eine neue Schöpfung. Nicht eine Umwandlung des Bestehenden, sondern eine tatsächliche Neuschöpfung. Siehe ich mache alles neu. Das ist Gottes Ziel und Absicht. Der neue Mensch, der in Christus wiedergeborene, der den alten Menschen begraben und den neuen Menschen angezogen hat, wie uns Paulus lehrt. Er wird zum kommenden Gottesreich gehören, das uns erwartet. Gott wird bei den Menschen wohnen und sie werden sein Volk sein. Das ist die Hoffnung mit der wir leben und sterben können. Wir werden Gott begegnen innerhalb der Menschengemeinschaft, in der alle Gemeinschaftsprobleme gelöst sind und wir werden ihm in einer Umwelt begegnen, in der alle Weltnöte gestillt sind. Gott wird bei uns sein und wir werden seine Völker sein. Aus dem Gegeneinander ist das Beieinander getreten. Gott wird bei allen Menschen sein. Nicht bei den Juden oder bei den Deutschen oder bei den Religionsgemeinschaften oder irgendeiner Auswahl, sondern Gott wird sein bei allen Menschen die durch das Blut des Lammes gereinigt wurden und seine Menschen werden allezeit bei ihm sein.
Gott des Trostes
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Es wird nicht mehr geweint werden. Vollkommenes Heil erwartet uns, das nicht mehr durch Unheil getrübt ist, jeder Gerettete wird in ganz persönlicher Gottesnähe geborgen sein, durch den Gott des Trostes. Er wird trösten wie nie zuvor und es ist für mich ein überwältigendes Bild, dass uns Gott selbst die Tränen unserer Gottverlassenheit aus den Augen wischen wird. Das Erste ist vergangen. Leid, Geschrei, Schmerz und Tod wird nicht mehr sein. Auf der neuen Erde wird nicht mehr geweint, weil das Sterben, mit all seinen Vorformen und Nachwehen, dem Leben gewichen sein wird. Der Tod, der soviel Leid und Elend in diese Welt gebracht hat, hat seine Macht verloren. Es wird nicht mehr getötet. Das Alte ist vergangen.
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Angehörige unserer Verstorbenen,
es ist gut dort, wohin uns unsere Lieben vorausgegangen sind. Eines Tages wird auch unsere Stunde da sein, wo wir dieses Leben verlassen werden und dann wünschen wir uns auch dort zu sein – bei Gott. Lasst uns die Zeit nutzen und richtig leben. Nur wer richtig lebt, der kann auch richtig sterben. Ich habe dazu einen kleinen Text gefunden, den ich Ihnen zum Schluss vorlesen möchte.
Wer ein Leben ohne Schmerzen will, sollte nicht geboren werden. Wer ein Leben ohne Tränen will, sollte niemals Kind sein. Wer ein Leben ohne Spannungen will, sollte nicht erwachsen werden. Wer ein Leben ohne Leiden will, sollte niemals lieben. Wer ein Leben ohne Mühe will, sollte nicht arbeiten. Wer ein Leben ohne Opfer will, sollte niemals eine Familie haben. Wer ein Leben ohne Enttäuschungen will, sollte nichts hoffen. Wer ein Leben ohne Abschiede will, sollte nicht alt werden. Wer ein Leben ohne Einsamkeit will, sollte nicht einmalig sein. Wer ein Leben ohne Ziel will, sollte nicht sterben. Wer aber ein richtiges Leben will, sollte mit Schmerzen geboren werden, Kind sein, erwachsen werden, lieben und arbeiten, Familie und Hoffnungen haben, einzigartig sein, alt werden und einmal in Gott hineinsterben. Dann wird er ein Leben ohne Schmerzen und Spannungen und Leiden, Mühen und Opfer, Enttäuschungen und Abschiede, Einsamkeit und Tod finden.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Amen.
Predigt Offenbarung 21, 1-7
1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder,
Ich glaube ...
„Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Glauben Sie das? Die Auferstehung der Toten?
Ja, in Form der Wiedergeburt, sagen die einen. In unseren Erinnerungen, sagen die anderen. Die ganz Frommen sagen: bei Gott oder zu Gott. Heimgegangen. In Traueranzeigen, in Reden oder Predigten, die bei solchen Anlässen gehalten werden und auf Trauerkarten können wir erfahren, welches Bild wir vom Tod haben und dem was danach kommt.
Viele von Ihnen sind heute hier, weil sie im vergangenen Jahr einen Menschen hergeben mussten, weil sie das Vergehen eines Menschen miterlebt haben, weil sie ihn vermissen und ihr Herz voller Trauer ist. Es ist schwer zu begreifen, irgendwie unfassbar dass ein Mensch durch den Tod von uns gegangen ist. Für immer. Das „nie wieder“ macht uns traurig und erfüllt unser Herz mit Schmerz.
Wir machen uns Gedanken darüber wo unsere Toten jetzt sind. Die einen können im Glauben festhalten, dass jeder einzelne Mensch über den Tod hinaus als unverwechselbares Geschöpf bewahrt bleibt. Das klingt gut. Aber kommt es wirklich gegen die Zweifel an? Egal, wie ich es mir zurechtdenke und zurechtglaube. Es bleibt was offen. Wie soll die Auferstehung denn aussehen?
Unvergessen
Wenn wir über den Friedhof gehen, können wir auf manchen verwilderten Gräbern lesen: „Unvergessen“. Ja, wir möchten unsere Toten bewahrt wissen. „Pass du auf sie auf, guter Gott.“ Wir möchten sie bei uns bewahren, in unserm Herzen, in den Fotografien, in den Lieblingsliedern und sonstigen Erinnerungen. Manche lassen sich Amulette machen, in denen sich Asche des geliebten Menschen befindet. Er soll bei ihnen sein und sei es auch nur mit ein paar Gramm seiner Asche. Ist das die Auferstehung, an die wir glauben?
Es fällt uns schwer, Menschen loszulassen, endgültig loszulassen, mit denen wir gelebt, gelacht und geweint haben und die wir jetzt so sehr vermissen. Jetzt ruhen sie, schlummern sie, nicht als „Nichtse“, bis zu dem Tag, an dem sie Gott aus dem Tod herausruft.
Wir dürfen sie loslassen, denn bei Gott sind sie unvergessen. Er kennt ihre Namen. Er kennt ihre Geschichte, ihr Leben. Das gilt auch für die, die wir gerne vergessen würden, aus welchen Gründen auch immer. Und es gilt auch für die, die auch im Tod niemandem mehr zur Last fallen wollen und deshalb anonym bestattet werden, weil sie keinen Ort wollen, an dem sie gelassen wurden, keinen Ort des Gedenkens. Keinen Ort an dem sie Unvergessen sind.
Vergänglich
Wir wissen um die Vergänglichkeit unseres Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes, wir sind uns bewusst, dass unser Leben ein Ende hat, ein Ziel. Als Angehörige haben wir unmittelbare Erfahrungen gemacht mit dem Sterben von Menschen die uns nahe waren. Erfahrungen, die bewältigt sein wollen. Es lässt sich nichts mehr zurücknehmen, nichts mehr gutmachen. Auch darin ist der Tod etwas Unabänderliches. Unsere Geschichte mit unserem Verstorbenen wird zur Vergangenheit. Und wenn wir heute noch einmal ihre Namen nennen, soll es helfen trauern zu können, dem Schmerz Raum zu geben und sich der Endgültigkeit des Todes bewusst zu werden.
Hoffnung
Trotz aller Endgültigkeit, die wir im Tode eines lieben Menschen hautnah erleben, ist dies aber trotzdem nicht das Ende. Christen haben durch das Auferstehen Jesu, den Glauben an ihn und ihre Taufe, Hoffnung gegen den Tod, die eine vorläufige Hoffnung gegen allen Augenschein ist: Mit dem Tod ist nicht alles aus, das ist die zentrale Botschaft unseres Glaubens. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Wir glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Wir erwarten den neuen Himmel und die neue Erde, eine neue Schöpfung. Nicht eine Umwandlung des Bestehenden, sondern eine tatsächliche Neuschöpfung. Siehe ich mache alles neu. Das ist Gottes Ziel und Absicht. Der neue Mensch, der in Christus wiedergeborene, der den alten Menschen begraben und den neuen Menschen angezogen hat, wie uns Paulus lehrt. Er wird zum kommenden Gottesreich gehören, das uns erwartet. Gott wird bei den Menschen wohnen und sie werden sein Volk sein. Das ist die Hoffnung mit der wir leben und sterben können. Wir werden Gott begegnen innerhalb der Menschengemeinschaft, in der alle Gemeinschaftsprobleme gelöst sind und wir werden ihm in einer Umwelt begegnen, in der alle Weltnöte gestillt sind. Gott wird bei uns sein und wir werden seine Völker sein. Aus dem Gegeneinander ist das Beieinander getreten. Gott wird bei allen Menschen sein. Nicht bei den Juden oder bei den Deutschen oder bei den Religionsgemeinschaften oder irgendeiner Auswahl, sondern Gott wird sein bei allen Menschen die durch das Blut des Lammes gereinigt wurden und seine Menschen werden allezeit bei ihm sein.
Gott des Trostes
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Es wird nicht mehr geweint werden. Vollkommenes Heil erwartet uns, das nicht mehr durch Unheil getrübt ist, jeder Gerettete wird in ganz persönlicher Gottesnähe geborgen sein, durch den Gott des Trostes. Er wird trösten wie nie zuvor und es ist für mich ein überwältigendes Bild, dass uns Gott selbst die Tränen unserer Gottverlassenheit aus den Augen wischen wird. Das Erste ist vergangen. Leid, Geschrei, Schmerz und Tod wird nicht mehr sein. Auf der neuen Erde wird nicht mehr geweint, weil das Sterben, mit all seinen Vorformen und Nachwehen, dem Leben gewichen sein wird. Der Tod, der soviel Leid und Elend in diese Welt gebracht hat, hat seine Macht verloren. Es wird nicht mehr getötet. Das Alte ist vergangen.
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Angehörige unserer Verstorbenen,
es ist gut dort, wohin uns unsere Lieben vorausgegangen sind. Eines Tages wird auch unsere Stunde da sein, wo wir dieses Leben verlassen werden und dann wünschen wir uns auch dort zu sein – bei Gott. Lasst uns die Zeit nutzen und richtig leben. Nur wer richtig lebt, der kann auch richtig sterben. Ich habe dazu einen kleinen Text gefunden, den ich Ihnen zum Schluss vorlesen möchte.
Wer ein Leben ohne Schmerzen will, sollte nicht geboren werden. Wer ein Leben ohne Tränen will, sollte niemals Kind sein. Wer ein Leben ohne Spannungen will, sollte nicht erwachsen werden. Wer ein Leben ohne Leiden will, sollte niemals lieben. Wer ein Leben ohne Mühe will, sollte nicht arbeiten. Wer ein Leben ohne Opfer will, sollte niemals eine Familie haben. Wer ein Leben ohne Enttäuschungen will, sollte nichts hoffen. Wer ein Leben ohne Abschiede will, sollte nicht alt werden. Wer ein Leben ohne Einsamkeit will, sollte nicht einmalig sein. Wer ein Leben ohne Ziel will, sollte nicht sterben. Wer aber ein richtiges Leben will, sollte mit Schmerzen geboren werden, Kind sein, erwachsen werden, lieben und arbeiten, Familie und Hoffnungen haben, einzigartig sein, alt werden und einmal in Gott hineinsterben. Dann wird er ein Leben ohne Schmerzen und Spannungen und Leiden, Mühen und Opfer, Enttäuschungen und Abschiede, Einsamkeit und Tod finden.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Amen.
20101103
Werner Otto Sirch: Christus Herr über Lebende und Tote
7.11.2010 - Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr
Predigt Römer 14, 7-9
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Von der großen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen Bäumen. Ein Ast der Eiche stand hoch über den anderen Zweigen und ragte weit hinaus zur Wiese. An seinem äußersten Ende saßen zwei Blätter zusammen.
„Es ist nicht mehr wie früher“, sagte das eine Blatt. „Nein“, erwiderte das andere. „Heute Nacht sind wieder so viele von uns davon … wir sind beinahe schon die einzigen hier auf unserem Ast.“
„Man weiß nicht, wen es trifft“, sagte das erste. „Als es noch warm war und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch, und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung waren. Man weiß nicht, wen es trifft.“
„Jetzt scheint die Sonne nur selten“, seufzte das zweite Blatt, „und wenn sie scheint, gibt sie keine Kraft. Man müsste neue Kräfte haben.“
„Ob es wahr ist“, meinte das erste, „ob es wohl wahr ist, dass an unserer Stelle andere kommen, wenn wir fort sind, und dann wieder andere und immer wieder…“
„Es ist sicher wahr“, flüsterte das zweite, „man kann es gar nicht ausdenken… es geht über unsere Begriffe…“ „Und man wird auch noch traurig davon“, fügte das erste hinzu.
Sie schwiegen eine Zeit. Dann sagte das erste still vor sich hin: „Warum wir wohl weg müssen…?“ Das zweite fragte: “Was geschieht mit uns, wenn wir abfallen…?“
„Wir sinken hinunter…“
„Was ist da unten?“
Das erste antwortete: „Ich weiß es nicht. Der eine sagt das, der andere dies… aber niemand weiß es.“
Das zweite fragte: „Ob man noch etwas fühlt, ob man noch etwas von sich weiß, wenn man dort unten ist?“ Das erste erwiderte: „Wer kann das sagen? Es ist noch keines von denen, die hinunter sind, jemals zurückgekommen, um davon zu erzählen.“
Wieder schwiegen sie. Dann redete das erste Blatt zärtlich zum anderen: „Gräme dich nicht zu sehr, du zitterst ja.“
„Lass nur“, antwortete das zweite, „ich zittere jetzt so leicht. Man fühlt sich eben nicht mehr so fest an seiner Stelle.“
„Wir wollen nicht mehr von solchen Dingen sprechen“, sagte das erste Blatt. Nun schwiegen sie beide. Die Stunden vergingen. Ein nasser Wind strich kalt und feindselig durch die Baumwipfel.
„Ach… jetzt…“ sagte das zweite Blatt, „…ich…“ Da brach ihm die Stimme. Es ward sanft von seinem Platz gelöst und schwebte hernieder. – Nun war es Winter.
Liebe Gemeindeglieder, gerade jetzt in den grauen und kalten Tagen gehen meine Gedanken immer wieder hin zum eigenen Sterben. Ich denke, es geht vielen die im Herbst des Lebens sind so. Wir denken darüber nach, was dann sein wird: Was wird mich erwarten, wenn meine Lebenszeit abgelaufen ist? Wo werde ich sein? Wie werde ich mich selbst erleben – so wie das zweite Blatt gefragt hat: „Ob man noch etwas fühlt, ob man noch etwas von sich weiß, wenn man dort unten ist?“ Werden dort die sein, die ich geliebt habe, die mich geliebt haben? Werden wir uns erkennen?
Eine französische Karmeliterin hat kurz vor ihrem Sterben ihre Gedanken in einem Gedicht zusammengefasst. Sie hat es überschrieben:
Eine Liebe erwartet mich
Was auf der anderen Seite passieren wird,
wenn alles für mich
in die Ewigkeit gestürzt sein wird,
das weiß ich nicht.
Ich glaube, ich glaube allein,
dass eine Liebe mich erwartet.
Zwar weiß ich, dass es dann für mich
arm und ohne Gewicht darum geht
meine Bilanz abzuschließen
Aber denkt nicht, dass ich verzweifeln werde.
Ich glaube, ich glaube so sehr,
dass eine Liebe mich erwartet!
Das, was ich geglaubt habe, werde ich noch fester glauben
beim Schritt in den Tod.
Es ist eine Liebe,
auf die ich zugehe im Schreiten;
Es ist eine Liebe,
in die ich sanft hinabsteige.
Wenn ich sterbe, weint nicht;
Es ist eine Liebe, die mich nimmt.
Wenn ich Angst habe, und warum nicht? -
Erinnert mich einfach,
dass eine Liebe, eine Liebe mich erwartet.
Sie wird mich ganz öffnen
für ihre Freude, ihr Licht.
Ja Vater, ich komme zu Dir.
In dem Wind,
von dem man nicht weiß, woher er kommt und wohin er geht,
zu Deiner Liebe, Deiner Liebe, die mich erwartet.
Unser Predigttext steht im Römerbrief im 14 Kapitel:
7 Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Ein bekannter Text, den ich bei fast jeder Beerdigung am Friedhof spreche. Er lenkt unsere Gedanken hin auf Christus, ohne den wir nicht leben und nicht sterben können. Ohne Jesus sind wir lebendig tot. Für sich selbst leben, das ist die typische Art unseres fleischlichen Wesens. Es scheint so vernünftig, so aussichtsreich, so beglückend „für sich selbst zu leben“. Niemandem Rechenschaft zu schulden, auch sich selbst nicht. Und es ist doch Armut und Elend und endet in dem düsteren, leeren, grauenhaften „Sterben für sich selbst“. Jesus hat uns aus diesem „für sich selbst sterben“ erlöst. Nicht nur in unseren Gedanken oder in den Akten eines himmlischen Gerichtshofes.
Leben wir, so leben wir dem Herrn! Als Nachfolger Jesu, als die, die auf seinen Namen getauft sind und ihr Leben ihm anvertraut haben, gibt es für uns keine andere Möglichkeit mehr als mit unserem Herrn zu leben. Für uns ist das andere Leben tot – in dem wir nur für uns selbst leben. Es ist das Leben bevor Jesus bei uns eingezogen ist. Das Neue Leben ist die Folge unserer Entscheidung für ein Leben mit Jesus, zu dem wir von ihm gerufen und bekehrt wurden. Wir können nun nicht mehr für uns selbst leben, weil wir Jesus unser Leben anvertraut haben und ihm vertrauen, auf dessen Namen wir getauft sind.
Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Das kann ein Mensch sagen, der sein Leben mit Jesus gelebt hat, der gelernt hat ihm in allen Dingen zu vertrauen. Er weiß tief in seinem Herzen, dass Gott ihn nicht betrügen wird. Gott wird ihn nicht in einen ewigen Tod fallen lassen, in ein Nichts. Keiner von uns lebt für sich selbst und keiner stirbt für sich selbst. Bei allen Christen, auch bei den schwachen und unvollkommenen ist es so. Wir alle sind von Christus ergriffen. Wir leben für und mit Jesus. Darum sind wir im Sterben nicht mehr so schrecklich allein mit uns selbst.
Die Schriftstellerin Kristiane Albert-Wybranietz schriebt einmal:
Ich habe solche Angst zu sterben.
Aber damit verhindere ich nicht meinen Tod -
sondern behindere mein Leben.
Wir verdrängen in unserer heutigen Gesellschaft sehr gerne den Gedanken an den Tod. Wir haben es verlernt mit ihm zu leben, obwohl er uns an allen Ecken und Enden begegnet. Das Wissen darüber, dass unser Leben endlich ist blockiert uns, darum denken wir lieber nicht daran, setzten uns nicht mit unserem Sterben auseinander, denn wir fühlen uns durch den Tod in unserem Leben behindert. Wir verhindern den Tod nicht dadurch, dass wir ihn aus lauter Angst verleugnen. Aber wir behindern unser Leben, das mit jedem Tag ein Geschenk ist. Ein Geschenk dessen, der uns ins Leben gerufen hat und mit uns jeden Schritt unseres Lebens geht: Leben wir, so leben wir dem Herrn!
Es gibt aber auch ein Sterben in dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Dieses Sterben wird uns bei aller bleibenden Schwere des Sterbevorgangs trotzdem selig machen.
Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Paulus hat den Sterbenden nicht einfach in den Himmel, in die „Herrlichkeit“ versetzt. Auch Christen sind nach dem Sterben zunächst „Tote“, das heißt aber nicht „Nichtse“, sondern Angehörige des Totenreichs, aus dem sie bei der Auferstehung der Toten auferstehen, wenn Jesus die Seinen aus den Gräbern herausruft. Aber das ist für Christen keine dunkle und unheimliche Existenz. So wie der Israelit Lazarus „in Abrahams Schoß“ war im Totenreich, so gehören die, die für den Herrn lebten und starben, auch im Totenreich ihm und stehen auch dort ganz unter seiner gnädigen Herrschaft. Ja, sie sind dort anders und näher mit ihm zusammen. Sie sind bei Christus.
Wohl mir, dass ich JESUM habe,
o wie feste halt ich ihn,
dass er mir mein Herze labe,
wenn ich krank und traurig bin.
Jesum hab ich, der mich liebet
und sich mir zu eigen gibet,
ach, drum lass ich Jesum nicht,
wenn mir gleich mein Herze bricht.
Jesus bleibet meine Freude,
meines Herzens Trost und Saft.
Jesus wehret allem Leide.
Er ist meines Lebens Kraft.
Meiner Augen Lust und Sonne.
Meiner Seele Schutz und Wonne.
Darum lass ich Jesum nicht
aus dem Herzen und Gesicht.
Amen.
Predigt Römer 14, 7-9
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Von der großen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen Bäumen. Ein Ast der Eiche stand hoch über den anderen Zweigen und ragte weit hinaus zur Wiese. An seinem äußersten Ende saßen zwei Blätter zusammen.
„Es ist nicht mehr wie früher“, sagte das eine Blatt. „Nein“, erwiderte das andere. „Heute Nacht sind wieder so viele von uns davon … wir sind beinahe schon die einzigen hier auf unserem Ast.“
„Man weiß nicht, wen es trifft“, sagte das erste. „Als es noch warm war und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch, und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung waren. Man weiß nicht, wen es trifft.“
„Jetzt scheint die Sonne nur selten“, seufzte das zweite Blatt, „und wenn sie scheint, gibt sie keine Kraft. Man müsste neue Kräfte haben.“
„Ob es wahr ist“, meinte das erste, „ob es wohl wahr ist, dass an unserer Stelle andere kommen, wenn wir fort sind, und dann wieder andere und immer wieder…“
„Es ist sicher wahr“, flüsterte das zweite, „man kann es gar nicht ausdenken… es geht über unsere Begriffe…“ „Und man wird auch noch traurig davon“, fügte das erste hinzu.
Sie schwiegen eine Zeit. Dann sagte das erste still vor sich hin: „Warum wir wohl weg müssen…?“ Das zweite fragte: “Was geschieht mit uns, wenn wir abfallen…?“
„Wir sinken hinunter…“
„Was ist da unten?“
Das erste antwortete: „Ich weiß es nicht. Der eine sagt das, der andere dies… aber niemand weiß es.“
Das zweite fragte: „Ob man noch etwas fühlt, ob man noch etwas von sich weiß, wenn man dort unten ist?“ Das erste erwiderte: „Wer kann das sagen? Es ist noch keines von denen, die hinunter sind, jemals zurückgekommen, um davon zu erzählen.“
Wieder schwiegen sie. Dann redete das erste Blatt zärtlich zum anderen: „Gräme dich nicht zu sehr, du zitterst ja.“
„Lass nur“, antwortete das zweite, „ich zittere jetzt so leicht. Man fühlt sich eben nicht mehr so fest an seiner Stelle.“
„Wir wollen nicht mehr von solchen Dingen sprechen“, sagte das erste Blatt. Nun schwiegen sie beide. Die Stunden vergingen. Ein nasser Wind strich kalt und feindselig durch die Baumwipfel.
„Ach… jetzt…“ sagte das zweite Blatt, „…ich…“ Da brach ihm die Stimme. Es ward sanft von seinem Platz gelöst und schwebte hernieder. – Nun war es Winter.
Liebe Gemeindeglieder, gerade jetzt in den grauen und kalten Tagen gehen meine Gedanken immer wieder hin zum eigenen Sterben. Ich denke, es geht vielen die im Herbst des Lebens sind so. Wir denken darüber nach, was dann sein wird: Was wird mich erwarten, wenn meine Lebenszeit abgelaufen ist? Wo werde ich sein? Wie werde ich mich selbst erleben – so wie das zweite Blatt gefragt hat: „Ob man noch etwas fühlt, ob man noch etwas von sich weiß, wenn man dort unten ist?“ Werden dort die sein, die ich geliebt habe, die mich geliebt haben? Werden wir uns erkennen?
Eine französische Karmeliterin hat kurz vor ihrem Sterben ihre Gedanken in einem Gedicht zusammengefasst. Sie hat es überschrieben:
Eine Liebe erwartet mich
Was auf der anderen Seite passieren wird,
wenn alles für mich
in die Ewigkeit gestürzt sein wird,
das weiß ich nicht.
Ich glaube, ich glaube allein,
dass eine Liebe mich erwartet.
Zwar weiß ich, dass es dann für mich
arm und ohne Gewicht darum geht
meine Bilanz abzuschließen
Aber denkt nicht, dass ich verzweifeln werde.
Ich glaube, ich glaube so sehr,
dass eine Liebe mich erwartet!
Das, was ich geglaubt habe, werde ich noch fester glauben
beim Schritt in den Tod.
Es ist eine Liebe,
auf die ich zugehe im Schreiten;
Es ist eine Liebe,
in die ich sanft hinabsteige.
Wenn ich sterbe, weint nicht;
Es ist eine Liebe, die mich nimmt.
Wenn ich Angst habe, und warum nicht? -
Erinnert mich einfach,
dass eine Liebe, eine Liebe mich erwartet.
Sie wird mich ganz öffnen
für ihre Freude, ihr Licht.
Ja Vater, ich komme zu Dir.
In dem Wind,
von dem man nicht weiß, woher er kommt und wohin er geht,
zu Deiner Liebe, Deiner Liebe, die mich erwartet.
Unser Predigttext steht im Römerbrief im 14 Kapitel:
7 Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Ein bekannter Text, den ich bei fast jeder Beerdigung am Friedhof spreche. Er lenkt unsere Gedanken hin auf Christus, ohne den wir nicht leben und nicht sterben können. Ohne Jesus sind wir lebendig tot. Für sich selbst leben, das ist die typische Art unseres fleischlichen Wesens. Es scheint so vernünftig, so aussichtsreich, so beglückend „für sich selbst zu leben“. Niemandem Rechenschaft zu schulden, auch sich selbst nicht. Und es ist doch Armut und Elend und endet in dem düsteren, leeren, grauenhaften „Sterben für sich selbst“. Jesus hat uns aus diesem „für sich selbst sterben“ erlöst. Nicht nur in unseren Gedanken oder in den Akten eines himmlischen Gerichtshofes.
Leben wir, so leben wir dem Herrn! Als Nachfolger Jesu, als die, die auf seinen Namen getauft sind und ihr Leben ihm anvertraut haben, gibt es für uns keine andere Möglichkeit mehr als mit unserem Herrn zu leben. Für uns ist das andere Leben tot – in dem wir nur für uns selbst leben. Es ist das Leben bevor Jesus bei uns eingezogen ist. Das Neue Leben ist die Folge unserer Entscheidung für ein Leben mit Jesus, zu dem wir von ihm gerufen und bekehrt wurden. Wir können nun nicht mehr für uns selbst leben, weil wir Jesus unser Leben anvertraut haben und ihm vertrauen, auf dessen Namen wir getauft sind.
Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Das kann ein Mensch sagen, der sein Leben mit Jesus gelebt hat, der gelernt hat ihm in allen Dingen zu vertrauen. Er weiß tief in seinem Herzen, dass Gott ihn nicht betrügen wird. Gott wird ihn nicht in einen ewigen Tod fallen lassen, in ein Nichts. Keiner von uns lebt für sich selbst und keiner stirbt für sich selbst. Bei allen Christen, auch bei den schwachen und unvollkommenen ist es so. Wir alle sind von Christus ergriffen. Wir leben für und mit Jesus. Darum sind wir im Sterben nicht mehr so schrecklich allein mit uns selbst.
Die Schriftstellerin Kristiane Albert-Wybranietz schriebt einmal:
Ich habe solche Angst zu sterben.
Aber damit verhindere ich nicht meinen Tod -
sondern behindere mein Leben.
Wir verdrängen in unserer heutigen Gesellschaft sehr gerne den Gedanken an den Tod. Wir haben es verlernt mit ihm zu leben, obwohl er uns an allen Ecken und Enden begegnet. Das Wissen darüber, dass unser Leben endlich ist blockiert uns, darum denken wir lieber nicht daran, setzten uns nicht mit unserem Sterben auseinander, denn wir fühlen uns durch den Tod in unserem Leben behindert. Wir verhindern den Tod nicht dadurch, dass wir ihn aus lauter Angst verleugnen. Aber wir behindern unser Leben, das mit jedem Tag ein Geschenk ist. Ein Geschenk dessen, der uns ins Leben gerufen hat und mit uns jeden Schritt unseres Lebens geht: Leben wir, so leben wir dem Herrn!
Es gibt aber auch ein Sterben in dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Dieses Sterben wird uns bei aller bleibenden Schwere des Sterbevorgangs trotzdem selig machen.
Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Paulus hat den Sterbenden nicht einfach in den Himmel, in die „Herrlichkeit“ versetzt. Auch Christen sind nach dem Sterben zunächst „Tote“, das heißt aber nicht „Nichtse“, sondern Angehörige des Totenreichs, aus dem sie bei der Auferstehung der Toten auferstehen, wenn Jesus die Seinen aus den Gräbern herausruft. Aber das ist für Christen keine dunkle und unheimliche Existenz. So wie der Israelit Lazarus „in Abrahams Schoß“ war im Totenreich, so gehören die, die für den Herrn lebten und starben, auch im Totenreich ihm und stehen auch dort ganz unter seiner gnädigen Herrschaft. Ja, sie sind dort anders und näher mit ihm zusammen. Sie sind bei Christus.
Wohl mir, dass ich JESUM habe,
o wie feste halt ich ihn,
dass er mir mein Herze labe,
wenn ich krank und traurig bin.
Jesum hab ich, der mich liebet
und sich mir zu eigen gibet,
ach, drum lass ich Jesum nicht,
wenn mir gleich mein Herze bricht.
Jesus bleibet meine Freude,
meines Herzens Trost und Saft.
Jesus wehret allem Leide.
Er ist meines Lebens Kraft.
Meiner Augen Lust und Sonne.
Meiner Seele Schutz und Wonne.
Darum lass ich Jesum nicht
aus dem Herzen und Gesicht.
Amen.
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