20160412

Martin Adel: Für die Sünde tot, für das Gute leben

Predigt vom 10.04.2016 Sonntag Misericoridas Domini (Güte des Herrn)
Predigttext 1. Petrus 2,21b -25


Einheitsübersetzung
21 Ihr wisst doch: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Ihr wisst: »Er hat kein Unrecht getan; nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen.« 23 Wenn er beleidigt wurde, gab er es nicht zurück. Wenn er leiden musste, drohte er nicht mit Vergeltung, sondern überließ es Gott, ihm zum Recht zu verhelfen. 24 Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen, mit seinem eigenen Leib. Damit sind wir für die Sünden tot und können nun für das Gute leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden!
25 Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben; jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgekehrt und folgt dem Hirten, der euch leitet und schützt.


Liebe Gemeinde.
1. Glaubens-Ansprüche
Die Frage stellt sich ja unweigerlich, wenn wir uns hier in der Kirche zum Gottesdienst am Sonntagvormittag treffen:
Hat sich durch den Glauben etwas in meinem Leben verändert?
Und ich meine jetzt nicht die Tatsache, dass sich natürlich etwas verändert hat, denn wir sitzen ja heute Morgen hier in der Kirche und könnten genauso gut noch in unserem warmen Bett liegen oder wandern in der Fränkischen oder fernsehglotzen oder Computer spielen.

Hat sich durch den Glauben etwas in ihrem Leben verändert?
Oder anders: verändert sich etwas in unserem Leben durch den Glauben? Oder noch anders: Würde ich anders leben, wenn ich nicht glauben würde?

Vielleicht haben sie sich noch nie diese Frage gestellt, aber diese Fragen sind interessant und wichtig. Und dann ja vor allem auch unsere Antworten darauf.
Denn, ob wir es wollen oder nicht, die anderen, die, die nicht mehr in die Kirche gehen oder die, die die Kirche und den Glauben vielleicht ablehnen, vielleicht sogar verschmähen und verspotten, die haben meistens eine ganz klare Vorstellung, wie wir Christen denn zu sein hätten und wie wir zu leben hätten oder noch besser, zu wissen, dass unser Leben nur gesetzlich und eng sein kann, lustlos und unfrei.

Wir alle kennen solche Sätze: Von ihnen als Christ hätte ich das nicht gedacht. Oder damals eine Lehrerin zu einer meiner Töchter: Von einer Pfarrerstochter hätte ich das nicht erwartet.

Letzthin erzählte mir einer Frau, dass ihre Nachbarin, mit der sie einen Streit hatte, sie dann anfuhr: Da rennen sie jede Woche hinein in die Kirche und können trotzdem so ekelhaft zu mir sein. Und die Frau hatte dann – Gott sei Dank - die schlagfertige Antwort gefunden: Was meinen sie erst, wie ekelhaft ich wäre, wenn ich nicht regelmäßig in die Kirche ginge.

Bei einem Beerdigungsgespräch von einem älteren Punker-Paar auf meine Frage, ob sie denn verheiratet wären: Nein, nein. Wir heiraten nicht. Wir sind jetzt seit 25 Jahren zusammen – sie hatten drei Kinder – und alle in unserem Bekanntenkreis, die kirchlich geheiratet haben, sind schon längst wieder auseinander. Und das klang fast so wie ein persönliches Versagen der Kirche oder womöglich sogar von Gott.
Die Nicht-Bindung als Garant für die Festigkeit einer Partnerschaft.


2. Macht Glaube erpressbar?
Macht Glaube erpressbar?
In gewissem Sinne schon – da müssen wir uns gar nichts vormachen. Wir sind erpressbar, weil wir festgelegt sind und uns festgelegt haben auf Christus. Für die einen beten wir dann zu wenig und für die anderen zu viel. Für die einen sind wir zu fromm – oft gleichgesetzt mit weltfremd – und für die anderen sind wir zu wenig christlich, d.h. wir sind nicht so lieb, so freigebig, so verständnisvoll, so nachgiebig oder so treu doof, wie sie es gerne hätten.
Und manche Geschwister in unserer Welt werden wieder dafür eingesperrt oder gefoltert oder umgebracht, weil sie Christen sind.

Jeder hat Bilder im Kopf, wie Christus war und welchem Ideal die Christen eigentlich nachfolgen wollen oder sollen.
21 Ihr wisst doch: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Ihr wisst: »Er hat kein Unrecht getan; nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen.« 23 Wenn er beleidigt wurde, gab er es nicht zurück. Wenn er leiden musste, drohte er nicht mit Vergeltung, sondern überließ es Gott, ihm zum Recht zu verhelfen.

Und deshalb ist die Antwort: Natürlich verändert der Glaube. Und das ist ja auch gut so.
Nehmen wir nur die biblischen Zeugen: die Jünger, Zachäus, Bartimäus, die Frauen, Petrus, Paulus, Stefanus
Oder die Heiligen aus der Kirchengeschichte: Elisabeth von Thüringen, Franz von Assisi und, und, und
Und kaum haben wir es ausgesprochen, kommt die Erpressung der anderen: Ja, aber …! Ja, aber die waren gar nicht so heilig. Die haben alle auch dunkle Flecken.
Und dann wird es aufgezählt ….
Und hoffentlich zucken wir dann nicht nur zusammen, sondern sagen: Ja, das war so. Und das ist auch sehr bedauerlich. Aber dennoch standen sie in der Nachfolge und haben sich dem Anspruch Gottes auf ihr Leben gestellt und ihr Leben hat sich verändert hin zu mehr Gutem, zu mehr Fürsorge, zu mehr Liebe – wenn auch nicht an allen Stellen.

Jetzt sind wir ja alle keine so Großen, aber auch uns hat der Glaube verändert. Und wenn wir uns zu erkennen geben, dann werden wir oft auch beobachtet und gemessen und gewogen – ob wir bessere Menschen wären, ob unsere Ehen länger halten, ob wir weniger Streit in der Familie haben, ob wir länger leben, ob wir gesünder sind … und was weiß ich.
Und wenn das alles nicht zutrifft, dann kommt die alles entscheidende und vernichtende Frage.
Was bringt dir dann der Glaube?

3. Glaube verändert
Und hoffentlich wissen wir das dann, was WIR dann sagen könnten. Letzthin sagte ein alter Mann zu mir. Wissen sie, Herr Pfarrer, wenn ich am Sonntag in meine Kirche gehe, dann schaffe ich den Rest meiner Woche viel besser. Meine Frau ist schon so lange krank. Aber nach dem Gottesdienst hab ich irgendwie wieder mehr Kraft.
Was für ein starkes Wort.

Glaube verändert. Die Begegnung mit Gottes Wort verändert. Das Sich-Gott-aussetzen verändert. Wir können nicht mehr so tun, als ob alles beim Alten bliebe. Jeder Streit schmerzt noch einmal mehr. Jedes Elend sieht uns noch einmal mehr an. Jede Ungerechtigkeit wühlt uns noch einmal mehr auf.
Lüge, Unwahrheit, Hartherzigkeit, Lieblosigkeit  - wir spüren sie in uns, weil wir empfindlich geworden sind und zulassen, dass unsere Sehnsucht eigentlich gilt, unsere Sehnsucht nach mehr Menschlichkeit – es ist Gottes Ruf in uns, für den wir empfänglich geworden sind.
Und wir spüren noch viel deutlicher, wo unser Leben Makel hat.
Aber das macht nichts.
Denn wir müssen es Gott nicht beweisen, dass wir gut genug für ihn sind – und den Menschen schon gleich gar nicht.
Und wir müssen es uns bei Gott auch nicht verdienen, dass er uns annimmt oder ansieht in unserer Unzulänglichkeit.
Denn er hat den ersten Schritt auf uns zu getan:
24 Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen, mit seinem eigenen Leib.
Und nun kann sich die Veränderung in uns ihre Bahn brechen.
Damit sind wir für die Sünden tot und können nun für das Gute leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden!
So Paulus.

4. … für das Gute leben
Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber ich spüre diese Veränderung bei mir in den letzten Jahren ganz besonders auf dem Friedhof. Soviel Schmerz, soviel Leid und Abschied. Alt und Jung und dazwischen. Und viel Kaputtes und abgebrochenes Leben.
Doch ich kann Zuhören und Mitfühlen und Aushalten und Trauern. Bei manchem verpfuschten Leben habe ich manchmal den Eindruck, dass ich der einzige bin, der um den Verstorbenen trauert.
Ohne den Glauben an die Auferstehung Jesu könnte ich manchmal nicht mehr dort stehen. Dieses befreiende Wort Gottes ist mir dann Trost und Kraft zugleich. Nicht ich muss es mehr tragen und aushalten, weil Gott trägt und aushält. Und so kann ich mich dem aussetzen, kann verstehen, wer jemand war und was er den Hinterbliebenen war und kann sogar vom Loben sprechen und vom Danken, obwohl ihr Mann mit 74 Jahren so früh gestorben ist. Da zeigt sich in aller Trauer der Dank für das Schöne und Gute. Und es ist nicht mehr nur schwarz und dunkel und aussichtslos und gnadenlos. Ich kann vom Ostermorgen sprechen, bereits an den Karfreitagen unseres Lebens.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden!
Das ist nicht mehr mit dem Kopf erklärbar, aber in unserem Herzen fühlbar und kann von dort unseren Kopf wieder befreien.
Das hat sich bei mir verändert und verändert sich immer noch weiterhin. Ein anderer Blick auf´s Leben und die Bewertung der Dinge. Freier, mutiger – trotz und in so manchen Rückschlägen und Ermüdungen.
Wir müssen niemandem etwas vorspielen. Aber wir müssen uns auch nicht dem allgemeinen Gejammere beugen, diese Haltung der ewig zu kurz gekommenen

Weil wir für die Sünden tot sind … und nun für das Gute leben.

Ich bin durch Gottes Weg mit mir nicht nur barmherziger oder gnädiger geworden, manchmal bin ich auch konfrontierender, bohrender, widerständiger.
Wenn ich verletzt bin, hilflos, wütend kann ich das wahrnehmen und ich muss nicht immer gleich poltern und rasen und mich verteidigen. Ich kann auch mal zurück stehen.
Ich bin fähig geworden, auch Fehler zuzugeben, Entschuldigung zu sagen – auch wenn es mir schwer fällt.
Ich bin fähig geworden zu loben – nicht immer – aber doch deutlicher und ich kann mich sogar freuen, wenn jemand etwas besser kann als ich.
Ich lass mich trösten, überreden, weiß nicht alles besser – obwohl ich dazu neige, am liebsten alles für mich alleine richtig zu entscheiden.
Das hat sich verändert. Ein verstehenderes Herz, ein offeneres Ohr – manchmal schon fast zu viel, so dass es dann schmerzt und man schauen muss, wie man sich selber schützt.
Und ich weiß, vielen von euch geht es ähnlich.
Doch ohne Angst, im Gespür und in der Gewissheit – Gott schaut auf mich – auch da, wo ich´s selber noch nicht begriffen habe.

Wie geht es ihnen mit ihrem Herrgott?
Was ist bei ihnen anders geworden durch den Glauben?
Mehr Trost oder getröstet sein über allen Veränderungen?
Mehr Zuversicht?
Mehr Nächstenliebe?
Mehr Kraft – innerlich?
Mehr Vergebung, als ihnen sonst möglich wäre.
In der Erinnerung an Jesu Wort wieder einmal über den eigenen Schatten springen und den ersten Schritt wagen zur Versöhnung, zur Entschuldigung, zu einem neuen Anfang.
Wie heißt es in unserem Predigtwort:
25 Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben; jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgekehrt und folgt dem Hirten, der euch leitet und schützt.
Und das gilt damals wie heute.  Wir sind keine Heiligen, aber auf dem Weg der Heiligen. Für die Sünden tot, können wir nun für das Gute leben. Durch seine Wunden sind wir geheilt worden!  – Gott sei Dank.


Amen

20160111

Martin Adel: Die Heiden sind Miterben

Epiphanias 06.01.2016
Predigttext Epheser 3,2-3a.5-6

2 Ihr habt ja gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat: 3 Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden … 5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; 6 nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium.


Liebe Gemeinde,

1. Und wenn es stimmt?
Wenn ich das schon höre: Mein Amt von Gottes Gnaden. Durch Offenbarung das Geheimnis Gottes kundgemacht. Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist … Das sind schon steile Begründungen, mit denen Paulus hier sich Gehör verschaffen will. Diese Ausschließlichkeit. Diese Unangreifbarkeit. Diese Arroganz.
Und wir? Wir sind dann schon von vornherein misstrauisch. Da vereinnahmt einer Gott für seine Sache.
Das gehört sich nicht!
Das ist gotteslästerlich.
Dafür haben sie schon damals Christus gekreuzigt.
Warum nicht auch den Paulus. Im Namen Gottes!

Aber ist unsere Alternative besser? Wir haben es uns abgewöhnt von Gott zu reden. Viel zu viel Ungöttliches ist im Namen Gottes schon geschehen – und geschieht ja immer noch.
Wir reden deshalb heute lieber von uns. Vom Menschen. Rein Menschlich. Wir sagen: Das scheint sinnvoll. Das ist logisch. Das ist demokratisch.
Oder wir sagen gar nichts mehr, außer: Das ist halt MEINE Meinung! Und die Meinungsfreiheit ist uns ja sogar durch das Grundgesetz zugesichert. Der Rückzug ins unangreifbare ICH. Ich fühle. Ich empfinde. Ich meine. Ich glaube.

Aber was ist, wenn MEINE Meinung falsch ist?
Wenn meine Meinung vielleicht beleidigend ist, menschenverachtend, egoistisch, zerstörerisch – mich selbst oder andere? Wer korrigiert sie mir?

Und das war bei Paulus nicht anders. Er war der festen Überzeugung, dass die Christen verfolgt werden müssten. Und er tat es. Bis, ja bis er selbst von Gott gefunden wurde, damals bei Damaskus. Und diese einzige Frage: „Was verfolgst du mich?“ wird der Anfangs- und Wendepunkt im Leben des Paulus – Gott sei Dank. Vom Christenhasser verwandelt er sich hin zum großen Völkerapostel, der wie kein Zweiter später von der Liebe Gottes schreiben wird und von der Freiheit und von der Versöhnung, von der Auferstehung und immer wieder von der Verwandlung in Christus.
Die Befreiung von sich selbst, von seiner Meinung, von seiner engen Sichtweise empfindet er als so grundlegend, dass er nun davon erzählen muss, denen, die es hören wollen und denen, die es nicht hören wollen. Und die, die bleiben, die sind sein Gegenüber und bilden die jungen Gemeinden in Korinth oder in Thessaloniki oder in Rom oder wie hier in Ephesus. Bunt gemischt – in den Handelsstädten aus der ganzen Welt zusammengewürfelt.
Und es geht nicht um Mehrheiten oder Besitzstandswahrung,  sondern um das Bezeugen dessen, was ihn grundlegend umtreibt. Es geht um seine innerste Überzeugung.

Und etwas anderes machen wir heute ja auch nicht. Was haben wir denn im Glauben für Beweise, außer unsere eigene Haltung und die Haltung derer, die mit uns hier sind. Was haben wir anderes, als unsere Entscheidung, dass es sich lohnt, sich diesem Wort Gottes immer wieder neu auszusetzen, unser Denken, unser Handeln, und Sehnen und Hoffen durch die Aussagen der Bibel bestimmen zu lassen, die Welt von dort her zu betrachten. Das Wort Gottes nachzuleben und ihm Zuzutrauen, dass ES oder besser ER uns mit seinen Orientierungsmarken auf einen guten Weg führt.

Wir stellen uns gerne in diesen Fragen ein wenig Abseits oder auf das Podest der kritischen Vernunft und meinen dann: Aber so wie der Paulus kann man das nicht sagen. Das klingt viel zu absolut, viel zu endgültig. Da fehlt jede Offenheit. Man muss das alles immer auch relativ sehen. Und so genau kann man das doch …

Sicherlich, das ist auch eine Haltung, gerade in Glaubensdingen, so völlig unbestimmt und unsicher: Und was ist, wenn das alles nicht stimmt? Wenn das alles nur Einbildung ist, das in der Bibel.

Oder wir üben uns einmal in der anderen Haltung ein. Was ist, wenn das stimmt?


2. Wer gehört dazu?
Ja noch anders: Wäre es nicht wünschenswert, dass es stimmt, so wie Paulus hier mit aller Autorität und Macht sagt:
5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; 6 nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium.

Denn was heißt das denn als raus auf die Straße. Das Evangelium muss unter die Menschen.
Im Judentum war das klar – und ist es bis heute. Jude wird man durch Geburt, d.h. durch eine jüdische Mutter. Ein auserwähltes Volk unter allen Völkern. Die wenigen Proselyten mal ausgenommen.

Aber bei den Christen muss das anders ein – so meint es zumindest Paulus. Da gibt es keine heilige Abgrenzung mehr. Alle sind angesprochen. Alle gehören dazu.
Und hier öffnet Paulus uns den Horizont gewaltig. Und seine Antwort ist ganz klar und eindeutig:
die Heiden sind Miterben, die mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium.
Alle sind angesprochen. Keine Exklusivrechte. Weltumspannend. Die ganze Welt.

Gut, wir könnten es jetzt noch etwas genauer eingrenzen und sagen: Paulus meint aber nur die, die sich zu Christus halten. Aber selbst da bleibt es eine Herausforderung, was da steht.
Reicht es ja schon, wie oft es uns untereinander schwer fällt, den Nachbarn in der Kirchenbank oder den schräg gegenüber vollwertig als Miterben im Leib Christi und als Mitgenossen der Verheißung zu sehen. Und da sitzt dann noch nicht einmal der Bettler und der Junki hinten drin und zwei Reihen weiter vorne der hart verhandelnde Geschäftsmann oder die reiche Witwe – wenn die überhaupt noch da sind.
Wie viel schwerer fällt es uns das dann noch, wenn unsere Glaubensgeschwister andere Sitten oder Haltungen pflegen, ob die Deutschen aus Russland oder die Siebenbürger Sachsen. Ob die Hände gefaltet oder hoch erhoben beim Lob Gottes. Ob bekreuzigt oder mit Kniebeuge und mit Weihrauch – wie die Katholiken oder ganz ohne Liturgie und schlicht in der gesamten Ausstattung – wie die Reformierten.
Was haben wir uns gegenseitig die Köpfe eingeschlagen und das Leben schwer gemacht – hätten wir es nur einmal geglaubt, was Paulus hier sagt:
6 nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium.

Denn Paulus ist von Christus der Blick geöffnet worden. Und so wendet er auch unseren Blick auf Christus hin, damit sich von dort her auch unsere Augen öffnen hin zur Welt. Zur ganzen Welt.

Und dann sind wir mit unseren Betrachtungen noch gar nicht außerhalb unseres Landes gegangen, um die Miterben und Mitgenossen vollwertig wahrzunehmen und uns an ihnen zu freuen – wer da mit uns auf dem Weg ist.
Die Armenischen Christen. Die Kopten in Ägypten. Die Geschwister in Tansania. Die pfingstlerische Erweckung in China.

Spüren wir das, wie Groß dieses Werk Gottes ist, oder beäugen wir es lieber kritisch: Na, ob die oder ob der …. Ich weiß ja nicht. Aber ich sach ja nix. Ma red ja blos. Ich denk mer nur.

3. Alle sind Miterben - lasst uns das freudig verkündigen
Der Dreikönigstag ist eine gute Gelegenheit, um uns wieder einmal bewusst zu machen, wie groß und reichhaltig Gott seine Kirche gebaut hat.
Nicht von ungefähr kommen bei Matthäus die Weisen aus dem Morgenland an die Krippe. Schon bald stehen diese Drei sinnbildlich für die Weisheit der ganzen Welt. In Alter und Hautfarbe werden sie unterschieden, um zum Ausdruck zu bringen, dass alle Generationen und alle Nationen hier willkommen sind. Zumindest hier soll Einheit herrschen und in der Verbeugung vor dem Kind werden die Hierarchien aufgelöst. Eins in Christus – wird Paulus später schreiben.
Ein Modell von weltumspannender Gemeinschaft, das nicht auf Macht und Gewalt beruht, sondern auf Verständigung der Gleichen unter Gleichen – Kinder Gottes. Und wie oft machen wir ein geschwisterliches Gezänk daraus!
Spaltung wollte Paulus keine, auch Luther nicht, aber Vielheit, die wir aushalten, weil wir alle eins sind in Christus.
Das ist immer Gabe und Aufgabe.
Und deshalb gilt es immer auch zu entdecken, was uns die anderen zu sagen haben und dann zu prüfen und das Gute zu bewahren. Ein lebendiger Prozess von Hören und Gehört werden.
Alle sind angesprochen.
Alle sind eingeladen zu diesem Wort Gottes.
Was für ein Geschenk.
Bauen wir keine Zäune darum herum, auch wenn wir nicht alle Haltungen und nicht alle Verlautbarungen und Meinungen und nicht alle Beschlüsse der anderen gut heißen, tolerieren oder unterstützen wollen. Vernunft ist nun mal Vernunft.
Aber eines muss uns dabei innerlich eine Freude bleiben, dass über ihnen und uns allen gilt:
dass wir Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind DURCH das Evangelium.


Amen

20151214

Martin Adel: Die Nacht ist vorgedrungen

3. Advent 13.12.2015
Liedpredigt EG 16 Die Nacht ist vorgedrungen



1. Hinführung
Liebe Gemeinde!
Ist Weihnachten ein „süßes“ Fest (Süßer die Glocken, die klingen ...) oder ein „ernstes“ Fest?
Das Adventslied, über das wir heute in der Predigt nachdenken wollen ist da im Inhalt und in der Melodie ganz eindeutig. Der Anlass ist ernst, weil der Inhalt so gewaltig ist.
Und damit ist es ein hoffnungsvolles Lied, auch wenn es kein freudiges ist – eben kein Tschingel bells oder Felic navidad.
Es ist ein starkes Lied, auch wenn die Schwachheit und Ängstlichkeit der Menschen hinter allen Versen hervorschaut.
Es ist ein helles Lied, auch wenn die Nacht der Ausgangspunkt ist. So wie ja oft, in den Adventslieder ist.
[„O Heiland reißt … V 6: Hier leiden wir die größte Not …“  „Es kommt ein Schiff geladen … V 5: Und wer dies Kind mit Freuden, umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel,  V 6: danach mit ihm auch sterben und geistlich auferstehn, das ewig Leben erben, wie an ihm ist geschehn.]
Es ist ein typisches Adventslied, weil es vom Kommen spricht, von dem, was noch nicht da ist, was noch nicht vollendet ist, von dem, was aber kommen wird!

Jochen Klepper – Jahrgang 1903 - hat es 1938 geschrieben Die Melodie stammt von Johannes Petzold, ein Jahr später 1939 komponiert, in dem Jahr, in dem auch der Weltkrieg II begann. Es ist das Lied "Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern." Das in unserem Gesangbuch unter der Nummer 16 steht – bitte aufschlagen.

Der Dichter und Schriftsteller Jochen Klepper ist eine umstrittene Person unter den Christen. Verheiratet mit einer Jüdin wurde der Druck und die Ausgrenzung im Nationalsozialistischen Deutschland für die ganze Familie so groß, dass sie nur noch einen Ausweg sahen. Nachdem sie erfuhren, dass Frau und Tochter auf der Liste des nächsten Transportes ins KZ standen, beging die ganze Familie Selbstmord; fast auf den Tag genau vor 73 Jahren, am 11.Dezember 1942. "Im Angesicht des Kreuzes endet unser Leben" schreibt Klepper in sein Tagebuch. Keine Blasphemie, sondern tiefster, gläubiger Ernst. Ein Aufschrei der Verzweiflung, der uns nicht zu Richtern machen sollte, sondern zu tätigen Jüngern, die alles daran setzen, um dem braunen Sumpf und allen seinen Anverwandten den Boden auszutrocknen.

In Nachdenken über sein Lied, wollen wir besonders an die denken, die die Adventszeit nicht aus vollem Bauch heraus feiern können, weil Krankheit, Kummer, Not oder Krieg ihr Leben gefangen nehmen.

EG 16: Die Nacht ist vorgedrungen - Vers 1
Gemeinsam lesen
Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

"Die Nacht ist vorgedrungen ... " könnte einen in die Irre führen, denn es klingt so, als ob es noch tiefer in die Nacht hineinginge. So wie im November, wenn die Nacht immer früher beginnt und es immer dunkler zu werden scheint. Als ob den ganzen Tag nur Dunkel wäre.

Aber Klepper ist schon weiter. Über die Mitte der Nacht hinaus ist die Zeit schon vorgedrungen ‑ Adventszeit ist! „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ Der Morgenstern kündet den neuen Tag an, noch bevor es hell wird, selbst dann, wenn der Tag trüb und verhangen bleibt.
Und es ist nicht einfach nur so dahingesagt: "Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein" ‑ sondern hier drückt sich aus, was Glaube meint. Ohne dass Angst und Pein weggeredet werden, werde ich herausgeholt aus der Einsamkeit des Leidens und dem Loch, in das ich mich in meiner Not verkrochen habe. "Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein."
Das tut gut. Ich leide nicht alleine. Ich ängstige mich nicht alleine.
"Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein."

Wie kommt es dazu? Wer ist dieser Morgenstern? Was sollte mich bewegen, froh mit einzustimmen?
Klepper entfaltet es in den weiteren Strophen seines Liedes, die er damals, an einem Samstag vor dem vierten Advent im Jahre 1938, entworfen hat.


Vers 2 Dem alle Engel dienen
Die Frauen lesen:
Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht. Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.

Eigentlich sind es unvereinbare Gegensätze, denen wir im Christuskind begegnen.
Dem alle Engel dienen – welche Größe und Mächtigkeit; der ganze Hofstaat versammelt sich wie bei der Queen und noch viel Prächtiger – dem alle Engel dienen, der wird nun ein Kind und Knecht!
Wer schuldig ist auf Erden und eigentlich nur noch gesenkten Hauptes zu gehen hätte, verhülle nicht mehr sein Haupt.

Und das alles, wenn er dem Kinde glaubt.
Ist es nicht eine Illusion, einem Kind glauben zu wollen? Ist es nicht eine Illusion, in der Niedrigkeit Gott zu entdecken? ‑ Hat nicht gerade Jochen Klepper erfahren müssen, wo die Macht sitzt, und wie sie sich an den Schwachen, den Hilflosen, den vermeintlich Lebensunwerten vergreift? Wie soll da die Rede von der Schwachheit eine Hilfe sein, ein Trost?

Aber genau dieses ist das Unbegreifliche und immer wieder Anstößige in unserem Glauben. Gott wird selbst Knecht und stellt sich auf die Seite des Sünders. Das Recht wird nicht aufgehoben ‑ doch er stellt sich auf die Seite des Schuldigen, um für seine Rettung Partei zu ergreifen. Die leidige Verstrickung von Schuld und Lüge und weiterer Schuld und weiterer Lüge und weiterer .... , weil man ja nicht zugeben darf, dass man etwas falsch gemacht hat. Diese unheilvolle Verstrickung kann erst durchbrochen werden, wenn man sich nicht mehr verstecken muss und die Lüge zur Wahrheit verdrehen.

 "Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt."
Gibt es noch etwas großartigeres?


Vers 3 Die Nacht ist schon im Schwinden
Die Jugendlichen lesen:
Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

Fast schon mystisch klingt diese dritte Strophe ‑ ähnlich dem alten Adventslied: Es kommt ein Schiff geladen. Der, der dort zur Welt kommt, ist der, der von Anfang an da war und schon vor der Grundlegung der Welt dazu bestimmt und ausersehen ist, Heiland zu sein.
Es bleibt unbegreiflich, dieses Geschehen, wie dort im Stall der Retter der Welt geboren werden konnte. Vernünftig und logisch ist es nicht, was da geschehen ist und dennoch ist es immer wieder eine befreiende Botschaft, die Licht ins Finstere bringt und Hoffnung in eine trostlose Zeit.

Bewegung ‑ nicht Ruhe ‑ ist die Advents‑ und Weihnachtszeit; Bewegung und Veränderung. Das fängt bei Josef und Maria an, die sich aufmachten, um sich zählen zu lassen; dann die Suche nach der Herberge, die Hirten, die vom Feld aufbrechen und schließlich die Könige, die von weit her kommen. Auch wir müssen uns aufmachen und aufbrechen, nicht nur äußerlich mit Lichtern, Plätzchen und Dekoration, auch innerlich, damit Gott zu uns kommen kann.

Und wir haben es erlebt, wie Gott kommt. Bei der Adventsfeier in der Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber. Zunächst gab es Widerstände, nicht von den Bewohnern, sondern von den Deutschen, die mit der Kirche und dem Glauben eh so ihre Schwierigkeiten haben. „Wie könnt ihr mit den Moslems eine Adventsfeier machen.“ Doch was sollten wir denn sonst machen? Wozu würde uns denn ein Moslem einladen? Er würde doch auch zu „SEINEM“ Fest einladen und das wäre das Fastenbrechen. Warum also wir nicht zur Adventsfeier?

Und dann uns an diesem Nachmittag Hammad übersetzt. Mit leuchtenden Augen. Wir haben gemeinsam so schwierige Worte wie „Adventskranz“ geübt und erklärt, warum die Stadt momentan so anders aussieht. Wir haben anhand der Krippenfiguren erzählt, was der Inhalt unseres Weihnachtsfestes und Glaubens ist – und Hammad hat alles ins Arabische übersetzt, mit Respekt und Achtung – weil er selbst ein glaubender Moslem ist und Achtung und Respekt auch für seinen Glauben erwartet. Und dann wurden die gemeinsam die Lieder geschmettert: O du fröhliche als evangelischer „Schlager“ und Stille Nacht, heilige Nacht als katholischer. Und jeder strengte sich an, die Worte auf den Zetteln irgendwie mitzusingen.
Ein gelungener Nachmittag mit Tee, Kaffee, Lebkuchen und Plätzchen und ich habe mich ein bisschen geschämt, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich auch so selbstverständlich und bereitwillig die Lieder in der Moschee hätte mitsingen können.

Aber ist da nicht schon etwas geschehen von dem, was Jochen Klepper hier meint:
"Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah."

Vers 4 Noch manche Nacht wird fallen
Die Alten lesen:
Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.
 Keine Utopien, keine falschen Illusion, schreibt Klepper  ‑ "Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Schuld." Solange wir leben, bleiben wir in dieser Welt, die bei aller Schönheit und Würde gleichzeitig eine gefallene Welt ist, mit unsagbaren Grausamkeiten und Gräueltaten, mit Unrecht und Hass, mit Gewalt und Vernichtung und Terror. Aber die Angst hat abgewirtschaftet!
Viel zu kleingläubig und ängstlich sind wir doch oftmals. Bedacht auf unsere eigene Sicherheit und geängstet vor dem, was noch kommen mag.

Satt sitzen wir und haben Angst vor dem Hunger. Warm sitzen wir und sinnieren darüber, dass der Ofen kalt bliebe.Worauf haben wir uns eingelassen. Auf ein Geld, von dem wir nicht abbeißen können und unsere Seele darüber verhungert ist.
"Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her."

 Vers 5 Gott will im Dunkeln wohnen
Die Männer lesen:
Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Wie ernst es ist, bringt Jochen Klepper im letzten Vers noch einmal zum Ausdruck. Wir werden gerichtet werden für unser Tun und wir kommen nicht am Gericht vorbei. Eigenartig ‑ wie fremd uns dieser Gedanke geworden ist, dabei haben es die vor uns am eigenen Leib erlebt, wenn die Städte brannten und die Söhne und Väter als andere aus dem Krieg zurückkamen; wenn sie überhaupt zurückkamen. Braucht es noch ein anderes Gericht?

Wir müssten es eigentlich eher laut rufen: „Richte uns!“ Im Sinne von repariere uns. Was machen wir denn mit einem Fahrrad, wenn es einen „Achter“ hat. Wir müssen es reparieren, damit es wieder fahrtüchtig ist. Beim Arzt nichts anderes: Wir bitten ihn, dass er mit all seiner Kunst dagegen angeht, was bei uns krank und kaputt ist.

Und so müssten wir rufen: Richte uns zurecht, wenn Hass und Rache und Vergeltung in uns hochkommen und wir dem IS oder wem auch immer zeigen, dass wir den längeren Atem haben und die stärkeren Waffen oder das meiste Geld.

Und dennoch verlässt ER uns nicht. "Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt" schreibt Jochen Klepper und wenn Gott sein "Nein" über Gewalt und Unterdrückung spricht, wenn er seine Gebote uns wie einen Spiegel vor Augen hält, dann dient es uns zum Leben, so paradox uns das auch scheinen mag: "Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt."

Und er lässt uns nicht in Ruhe, sondern fordert von uns, seiner Gemeinde, immer wieder ein, Stellung zu beziehen. "Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht."
Und wir müssten dankbar ausrufen: Gott-sei-Dank lässt du uns nicht in Ruhe. Wir hätten uns schon längst selber ausgerottet, wenn da nicht ein letzter Funke von ... ja, von was wäre? Von Anstand? Von Pietät? Nein – von Glaube wäre. Vom Glauben an die Liebe. Vom Glauben, dass Gott sich durchsetzen wird. Oder warum sollten wir uns sonst der Welt entgegenstellen und ihr predigen vom wahren Weihnachten und wer da zur Welt kommt und warum wir auf Liebe und Gemeinschaft und Versöhnung bauen und nicht auf die Mächte des Bösen und die Last des Dunklen.

Wir haben noch nicht aufgegeben, weil wir schon jetzt immer wieder erleben, was es bedeutet, wenn Klepper im letzten Satz schreibt:
"Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht."


Amen

20151119

Martin Adel: Not lehrt beten

19.11.2015 Buß- und Bettag
Predigttext Jona 2,11



Liebe Gemeinde!
Not lehrt beten! – sagt man. Lassen wir es nicht erst soweit kommen. Wir dürfen schon vor der Not beten lernen, um dann in der Not beten zu können.

Der Prophet Jona war kein Schwächling – sonst hätte die Stadt Ninive keinen Kurswechsel in seiner Politik vorgenommen. Seine Worte waren kräftig und mächtig.

Und doch ging es anders los.
Jona bekam von Gott den Auftrag, Ninive zur Buße und Umkehr zu rufen. Und er flüchtete vor diesem Auftrag.
Eigentlich reagierte er genauso, wie wir oft reagieren, wenn wir wissen, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass wir etwas verändern müssten in unserem Leben, an unserer Lebensweise oder dass wir für Veränderung eintreten müssten im öffentlichen Leben, in der Politik, in der Gesellschaft.
Dann flüchten wir uns in Ausflüchte, in Erklärungen und Notwendigkeiten, in Selbst-Beruhigungen.

Aber Jona holt der Ruf Gottes wieder ein.
Auf seinem Flucht-Schiff nach Tarsis. Und das Schiff kommt in Not, in lebensbedrohliche Not. Und als er erkennt, dass womöglich andere auch noch wegen ihm und seiner Flucht umkommen, lässt er sich ins Meer werfen.

Manchmal gehen ja auch wir an unserer falschen Lebensweise zugrunde und ertrinken. Manche sogar wortwörtlich.
Das gilt für den Einzelnen, wie für ganze Gesellschaften oder Staaten.
Und hier geht es nicht um den moralischen Fingerzeig, sondern um die Logik des Lebens. Wenn sich Leben gegen Leben verkehrt, geht es auf kurz oder lang zugrund.

Und dann ertrinkt er, der Jona.
Doch Gott gibt ihm noch eine Chance.
Ein großer Fisch verschlingt ihn, so groß, dass er im Bauch des Fisches überleben kann.

Wir sollten nicht darüber streiten, ob so etwas möglich ist, oder nicht. Dieses Bild ist viel kräftiger, wenn wir es akzeptieren.
Denn wir kennen diese Zeiten ja bei uns auch, wo wir beschäftigt sind mit dem nackten Überleben: bei einem Schlaganfall, bei einem Herzinfarkt, bei einem Unfall, in der Therapie, im Burnout oder was auch immer. Krisenzeiten, in denen wir drohen zu sterben und gleichzeitig in einem Schutzraum am Leben bleiben.
Und in diesen Fischbauch-Zeiten, in diesem Tunnel, wo ich und andere um mein nacktes Überleben kämpfen, kann sich so etwas wie Besinnung oder Veränderung anbahnen.
Umkehr. Wo wir uns nicht mehr machtlos fühlen, sondern aus der Schwäche zu neuen Aufbrüchen kommen.

Drei Tage und drei Nächte werden es dann bei Jona sein.
Bei manchen von uns dauert es manchmal noch viel länger.
Und Jona betet im Bauch des Fisches um sein Leben.
Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes und du hörtest meine Stimme. 4 Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, 5 dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. 6 Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. 7 Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott!
8 Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel. 9 Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade. 10 Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN, der mir geholfen hat.

Dort, wo alles zu Ende scheint, beginnt der Neuanfang.
Dort, wo ich nicht mehr weiter weiß, werde ich vielleicht bereit zur Veränderung.
Das ist kein Muss. Das ist kein Gesetz. Aber das ist eine Chance. Die Chance auch immer wieder für mich.

11 Und der HERR sprach zu dem Fisch und der spie Jona aus ans Land.
Und Jona bricht auf.
Er übernimmt die Aufgabe, die eigentlich ansteht.
Der alte Auftrag Gottes ist auch der neue.
Lustig ist da gar nichts, aber segensreich wird es sein.
Die Chance, dass Ninive umkehrt von seiner Boshaftigkeit und damit gerettet ist.

Und Jona kann sich noch nicht einmal damit brüsten, dass er Ninive zur Einsicht gebracht hätte, dass er Ninive gerettet hätte. Denn eines bleibt im Buch Jona immer klar: Gott handelt.
Im Gegenteil: Jona hadert, dass Ninive gerettet wird und hält es Gott vor (Jona 4,2f) …
2 und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist's ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.
Und dann möchte er sterben – das scheint dann immer der leichteste Ausweg zu sein, wenn man mit seinem Leben nicht mehr zurechtkommt.
3 So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben.

Doch Jona stirbt nicht. Weder damals, als er sich ins Meer werfen lies, noch jetzt, wo er mit Gott hadert. Er erlebt Gott an sich selbst, so wie er ihn für die anderen beschrieben hat. Und das gilt auch für uns noch heute. Gott rettet.
Und deshalb ist dieser Buß- und Bettagsgottesdienst ein großartiges Geschenk Gottes an uns, weil es auch für uns und über unserem Land und unserer Welt heißt – trotz aller Gewalt und gegen alle Gewalt:
denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.
Der Anfang ist gemacht – durch Gott. Nehmen wir es an.


Amen

20151022

Martin Adel: Predigt zur Osternacht

Osternacht 05.04.2015

Predigttext Jesaja 26,13-14.19
13 HERR, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du, aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens. 14 Ihre Toten werden nicht wieder leben, die Schatten stehen nie wieder auf. Sie, die früher über uns herrschten, hast du bestraft und ausgerottet samt allem, was an sie erinnert. … 19 Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Toten herausgeben.


Liebe Gemeinde,
Wie schwer es ist, diesen Worten zu glauben.
Wie leicht es manchmal ist, wenn wir diesen Worten vertrauen können.
Machen wir etwas falsch, wenn wir an die Auferstehung glauben?

Wir sind und bleiben in einer gebrochenen Welt. Der Ostermorgen ist ein Zeuge davon. Während die einen schreien: Sie haben in der Nacht den Leichnam geklaut – erleben die anderen die wundersame Verwandlung, wie sich Stück für Stück ihre Furcht legt und die Schatten der Nacht und der Enttäuschung zurück gedrängt werden. Das Erschrecken über die Brutalität des Lebens und seiner Aporien muss weichen diesem inneren Wissen: Gott wird das letzte Wort über uns haben und es wird uns frei machen in aller Bedrohung und uns stärken in aller Ohnmacht und uns ermutigen in aller Angst. Wir sind nicht mehr Schmerz und Trauer schutzlos ausgeliefert, bis sie uns zerfressen haben.

Gott ist am Werk – auch wenn ich noch nichts davon spüre. Gott ist am Werk – auch wenn ich noch festhalten will am Alten. Gott ist am Werk und setzt sich durch.
Mitten hinein in die explodierende Natur, trifft uns dieses Wort der Auferstehung – gewissermaßen als natürliches Unterpfand Gottes, wie wir es Jahr für Jahr erleben dürfen, um uns eine Ahnung zu geben, was Auferstehung bedeutet. Dort, wo nichts mehr ist, wo dürre Äste aus dem dreckigen Braun des Bodens schauen, regt sich neues Leben.
Unser Kopf ist das Problem, nicht das Herz. Wir haben mit unserem Kopf kapituliert vor der Unbegreiflichkeit Gottes und uns zurückgezogen auf das, was wir erklären können – und wir werden dann die Schatten des Unerklärlichen nicht los.
Vor den Fragen des Lebens dreht der Mensch durch und die Meute schreit: Es muss ein Opfer her – und die Eltern des Todes-Piloten werden zu Tätern und das Arztgeheimnis zur billigen Verhandlungsmasse. Vielleicht fangen wir wieder an Leichenteile zu schänden oder außerhalb des Friedhofs zu beerdigen. Und sie wollen uns dann weismachen, dass die Religion gefährlich sei und der Glaube menschenverachtend.
Wer bremst uns ein, wenn nicht dieser Gott am Kreuz, der für die Liebe eintritt und für unsere Versöhnung stirbt, damit nicht wieder, wenn die Vernunft an ihre Grenzen stößt, die Angst in uns zur Treibjagd blässt.
13 HERR, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du, aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens.
Und wir feiern es nach, Jahr für Jahr, dieses Ostererinnern, weil wir nicht nur hoffen und glauben, sondern es manchesmal selbst schon erlebt haben, wie sich unser Sinn verwandelt und unser Herz wieder zu schlagen beginnt, weil sich der Auferstandene uns in den Weg gestellt hat, so wie damals den Frauen und Männern.
Und Jesaja schreibt: 14 Ihre Toten werden nicht wieder leben, die Schatten stehen nie wieder auf. Sie, die früher über uns herrschten, hast du bestraft und ausgerottet samt allem, was an sie erinnert.

Liebe Gemeinde,
hinter dem Ostermorgen verbirgt sich das gleiche, gewaltige Schauspiel, wie hinter dem Anfang der Schöpfung. Gott schafft aus dem Nichts. Wo kein Trost mehr zu erwarten ist, wo die Welt und das Leben an ihr Ende gekommen sind, setzt Gott einen neuen Anfang.
Und Petrus singt im Gefängnis und die Reformatoren nehmen kein Blatt mehr vor den Mund und Bonhoeffer wird selbst in Gefangenschaft noch zum Seelsorger und Tröster.
Hinter unserer realen Welt zeigt sich am Ostermorgen Gottes Welt für uns. Und in Christus wird sie durchlässig für uns und dann in uns real.
Dann stehen wir am Friedhof und hören dieses tröstende Wort von der Auferstehung und es erleichtert uns in der Trauer und unsere Seele gesundet. Da ist kein Schalter und auch kein „don´t worry, be happy“ Gesäusle – denn manche Schmerzen kann man nicht mehr weglachen.
Aber gehalten und getragen von Gottes Wort, sind wir nicht für immer gefangen in den Fängen des Todes., so wie Jesaja sagt:
19 Aber deine Toten, Gott, werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Toten herausgeben.

Für unsere leiblichen Wunden haben wir viele und gute Medizin entwickelt, aber für die zerbrochenen Seelen bleiben uns oftmals nur die Tabletten. Christus ist nicht gestorben und wieder auferstanden, damit wir der Welt nachplappern: Tot ist tot und uns dann an den Lebenden rächen oder unser eigenes Leben zerstören, weil es nie mehr so werden wird, wie es früher war.
Und deshalb setzt Gott sein Zeichen in Christus, der uns befreien will aus diesem trostlosen Zirkel, weil er stärker ist als aller Tod und dabei wahrer Mensch geblieben ist, uns nahe.
Mit Christus wird unser Verstehen über diesen Schmerz und diese Trauer hinausgeführt und unsere Wahrnehmung verwandelt sich hin zum Neuen Sein.
Die Toten kommen dadurch nicht zurück, aber die Fesseln des Todes müssen uns frei geben, damit wir den Weg zurück finden in ein Leben finden, das lebenswert ist.
Gott hält uns mit seinem Wort diese heilsame Botschaft bereit. Und sie gilt immer noch. Heilsame Speise für unsere Seelen. Und wir dürfen es hören und schmecken, immer wieder, bis es in uns zur Gewissheit wird, so wie Paulus schreibt: Römer 8,31ff
38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.
Amen

Ilse Winter: Aus Gnaden gerettet

27. September 2015 - 17. Sonntag nach Trinitatis
Predigt Römer 10,9-17


Wir sehen in den Nachrichten täglich Menschen,
die sich auf einen gefährlichen Weg gemacht haben,
Menschen, die versuchen in maroden Booten übers Mittelmeer zu kommen,
oder, die versuchen auf dem nicht ungefährlicherem Landweg nach Europa zu kommen.
Es sind Menschen, die gerettet werden wollen.

Und wir sehen die Menschen, die an ihrem Ziel angekommen sind,
die meinen, sie sind gerettet,
die an ihrem Ziel irgendwann feststellen werden,
es ist nicht das gelobte Land, das sie erhofft haben.

Paulus schreibt den Römern auch von Rettung:

Römer 10, 9-17
 9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.
10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.
11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«
12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.
13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«
16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«
17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet
Was ist Rettung?
Bekenntnis als Bedingung?
Bekenntnis muss nicht mit Worten sein
Von was für einer Rettung spricht Paulus?
Es geht Paulus nicht um eine Rettung aus einer leiblichen Not.

Wenn wir körperlich unversehrt sind und unsere Grundbedürfnisse – essen, trinken, wohnen – erfüllt sind, dann merken wir, das reicht nicht.
Es reicht nicht einmal, wenn wir das alles im Überfluss haben.
Wir brauchen Liebe, wir brauchen Zuwendung.

Für Paulus war es eine existentielle Frage, wie bekomme ich diese Zuwendung von Gott.
Paulus war den Weg der Pharisäer gegangen, er wollte vor Gott gerecht werden, deshalb hat er versucht, das Gesetz zu erfüllen, für ihn gehörte dazu auch die Verfolgung der Nachfolger Christi.
Dabei ist ihm auf dem Weg nach Damaskus der auferstandene Christus selbst begegnet.
Danach war alles anders.

Er hat erfahren: All mein Mühen bringt mich nicht näher zu Gott.
Ich kann mir Gottes Zuwendung nicht erarbeiten, ich kann sie mir nur schenken lassen.

Wie für Paulus war es auch für Martin Luther eine existentielle Frage:
Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

Auch Martin Luther hat versucht, sich Gottes Liebe, Gottes Zuwendung zu erarbeiten und hat gemerkt es geht nicht.
Ich schaffe es nicht.

Er hat die Antwort schließlich im Römerbrief gefunden

Wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.

Allein der Glaube genügt.

Mehr braucht es nicht.
Und selbst den Glauben kann ich mir nicht erarbeiten.
Ich bekomme die Zuwendung, die Liebe von Gott geschenkt.
Es ist Gnade.
Und:
Allein diese Gnade genügt.

Flüchtlinge, die in Europa ankommen, sind auf Hilfe angewiesen.
Hilfe wird ihnen manchmal auch aus Gnaden gewährt.
Es gibt in Deutschland ein Grundrecht auf Asyl, damit die Hilfe nicht Gnade sondern Recht ist.
Doch bis sie dahin kommen und manchmal auch dann noch, sind sie der Gnade der Behörden und der Helfer ausgeliefert, das kann sehr demütigend sein.

Bin ich der Gnade Gottes ausgeliefert?
Wie Martin Luther muss auch ich erkennen:
Ich schaffe es nicht, gerecht zu sein,
ich schaffe es nicht, alles richtig zu machen.
Ich schaffe es nicht, mir Gottes Liebe zu erarbeiten.

In einer Welt, in der man stark sein muss, muss ich bekennen, dass ich zu schwach bin, es allein zu schaffen.
Aber dann kann ich lesen, was Paulus den Korinthern schreibt:

denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark

Gerade dann, wenn ich meine Schwäche, mein Unvermögen eingestehe, gerade dann kann Gott mich stark machen.
Gottes Gnade macht mich stark,
stark im hier und jetzt zu tun was er mir vor die Füße legt.

Aber reicht wirklich diese Gnade?
Muss ich nicht doch etwas tun?

Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, ….
Denn wenn du mit deinem Munde bekennst
Klingt das nicht doch nach einer Bedingung für die Rettung?
Ist es notwendig, meinen Glauben zu bekennen?
Ist es notwendig, in aller Öffentlichkeit laut zu sagen, dass ich an Jesus Christus glaube,
ist das notwendig um gerettet zu werden?

Muss ich nun täglich mindestens einmal jemandem von meinem Glauben erzählen, so ähnlich wie Pfadfinder täglich eine gute Tat tun sollen?
Dann würde ich mir ja doch wieder meine Rettung verdienen, sie mir erarbeiten.

Paulus zitiert Jesaja:
Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.
Und er zitiert den Propheten Joel:
wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden

Wenn ein Ertrinkender um Hilfe ruft, ist das eine Bedingung, um gerettet zu werden?
Wenn ein Kranker zum Arzt geht, ist das eine Bedingung, um gesund zu werden?
Ja, man könnte es so sagen.
Aber wer empfindet das wirklich als Bedingung?
Der Ertrinkende, der Kranke,
sie müssen bekennen, dass sie Hilfe nötig haben,
dass sie es allein nicht schaffen.

Wenn ich den Namen des Herrn anrufe, dann bekenne ich mit meinem Mund, dass ich es allein nicht schaffe, dass ich Hilfe brauche.

Und den Namen des Herrn anrufen, das kann doch jeder, da gibt es doch keine Einschränkung.

Aber um den Namen des Herrn anzurufen, muss ich doch erst einmal wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.

Wie soll ich jemanden anrufen und um Hilfe bitten, den ich nicht kenne?
Um vor jemandem einzugestehen, dass ich Hilfe brauche, muss ich ihm vertrauen.
Ich kann doch niemandem vertrauen, von dem ich noch nie etwas gehört habe.
Also muss es doch jemanden geben, der davon erzählt, dass es Hilfe gibt, dass es da jemanden gibt, dem man vertrauen kann, den man um Hilfe, um Rettung bitten kann.

Wenn ich also weiß, wo es Rettung gibt, warum erzähle ich es nicht?

Ich muss es aber erst einmal selbst erlebt haben.
Ich muss erlebt haben, dass Gottes Liebe, seine Zuwendung mir ganz persönlich gilt.

Ich muss es selbst erfahren haben, dass Jesus Christus für mich gestorben ist und für mich auferweckt wurde.

Und wenn ich das von Herzen glaube, dann ist mein Herz voll davon, dann fließt doch auch mein Mund über?

Ich habe da einmal eine kleine Geschichte gehört:
Da gab es einen jungen Mann, der hatte von Jesus gehört und war auch ganz fasziniert von ihm, wollte wirklich von Herzen gern glauben dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, aber da gab es noch diese Bedingung:
Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist....
Und mit dem bekennen hatte er so seine Schwierigkeiten.
Das erzählte er einem weisen Mann und der sagte ihm:
Ja, das stimmt, so steht es in der Bibel, aber bei dir macht Gott eine Ausnahme, du musst nicht mit deinem Munde bekennen.
Da war dieser junge Mann so froh und glücklich, dass er sofort allen Menschen, denen er begegnete erzählte:
Stellt euch vor, ich glaube das Jesus Christus mein Herr ist und ich muss es niemandem erzählen.
Nun, mein Mund fließt nicht immer über, ich erzähle nicht immer und überall davon, dass ich Christ bin und dass Jesus mein Retter ist.
Aber mein Bekenntnis muss nicht ein Bekenntnis mit Worten sein.

Wenn ich Menschen begegne, die bei uns angekommen sind, die eine gefährliche Flucht überlebt haben, denen kann ich die Liebe, die ich von meinem Gott empfangen habe, weitergeben.

Gebe ich seine Liebe weiter, indem ich den anderen erst einmal respektiere genau da wo er im Moment steht?
Gebe ich seine Liebe weiter an den Christen,
den Moslem,
den, der nie einen Glauben hatte,
den der seinen Glauben verloren hat.

Der Gott, auf dessen Gnade ich angewiesen bin, der verleiht mir Würde, gebe ich doch diese Würde weiter.
Sehe ich nicht in dem anderen den Hilfsbedürftigen sondern sehe ich in ihm den Menschen, der Stärken und Schwächen hat genau wie ich.

Werde ich zur Freudenbotin, gebe ich das Gute weiter, einfach indem ich den anderen als Menschen respektiere.

Paulus schreibt den Galatern:
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir

Wenn Christus in mir lebt,
dann geht er mit mir, wohin auch immer ich gehe.
Dann ist er da wohin ich gehe.
Dann beeinflusst er mein Handeln.

Aber dazu muss ich es erlebt haben:
Seine Gnade rettet mich,
seine Liebe macht mich mutig und stark,

mutig, das zu tun und zu sagen, was mein Herr mir als Aufgabe vor die Füße gelegt hat.

Friedrich Schwanecke spricht die Vermutung aus:
Du bist gekommen, Gottlose zu retten – also rettest du mich?

Martin Luther sagt:
Glaube ist eine lebendige verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal dafür sterben würde. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen; das wirkt der Heilige Geist im Glauben.

So möge der Heilige Geist auch uns den Glauben schenken, dass unser Gott und Vater auch uns fröhlich, trotzig und mutig macht, das zu tun und zu sagen, was er uns vor die Füße legt.

Amen