20151022

Ilse Winter: Aus Gnaden gerettet

27. September 2015 - 17. Sonntag nach Trinitatis
Predigt Römer 10,9-17


Wir sehen in den Nachrichten täglich Menschen,
die sich auf einen gefährlichen Weg gemacht haben,
Menschen, die versuchen in maroden Booten übers Mittelmeer zu kommen,
oder, die versuchen auf dem nicht ungefährlicherem Landweg nach Europa zu kommen.
Es sind Menschen, die gerettet werden wollen.

Und wir sehen die Menschen, die an ihrem Ziel angekommen sind,
die meinen, sie sind gerettet,
die an ihrem Ziel irgendwann feststellen werden,
es ist nicht das gelobte Land, das sie erhofft haben.

Paulus schreibt den Römern auch von Rettung:

Römer 10, 9-17
 9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.
10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.
11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«
12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.
13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«
16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?«
17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet
Was ist Rettung?
Bekenntnis als Bedingung?
Bekenntnis muss nicht mit Worten sein
Von was für einer Rettung spricht Paulus?
Es geht Paulus nicht um eine Rettung aus einer leiblichen Not.

Wenn wir körperlich unversehrt sind und unsere Grundbedürfnisse – essen, trinken, wohnen – erfüllt sind, dann merken wir, das reicht nicht.
Es reicht nicht einmal, wenn wir das alles im Überfluss haben.
Wir brauchen Liebe, wir brauchen Zuwendung.

Für Paulus war es eine existentielle Frage, wie bekomme ich diese Zuwendung von Gott.
Paulus war den Weg der Pharisäer gegangen, er wollte vor Gott gerecht werden, deshalb hat er versucht, das Gesetz zu erfüllen, für ihn gehörte dazu auch die Verfolgung der Nachfolger Christi.
Dabei ist ihm auf dem Weg nach Damaskus der auferstandene Christus selbst begegnet.
Danach war alles anders.

Er hat erfahren: All mein Mühen bringt mich nicht näher zu Gott.
Ich kann mir Gottes Zuwendung nicht erarbeiten, ich kann sie mir nur schenken lassen.

Wie für Paulus war es auch für Martin Luther eine existentielle Frage:
Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

Auch Martin Luther hat versucht, sich Gottes Liebe, Gottes Zuwendung zu erarbeiten und hat gemerkt es geht nicht.
Ich schaffe es nicht.

Er hat die Antwort schließlich im Römerbrief gefunden

Wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.

Allein der Glaube genügt.

Mehr braucht es nicht.
Und selbst den Glauben kann ich mir nicht erarbeiten.
Ich bekomme die Zuwendung, die Liebe von Gott geschenkt.
Es ist Gnade.
Und:
Allein diese Gnade genügt.

Flüchtlinge, die in Europa ankommen, sind auf Hilfe angewiesen.
Hilfe wird ihnen manchmal auch aus Gnaden gewährt.
Es gibt in Deutschland ein Grundrecht auf Asyl, damit die Hilfe nicht Gnade sondern Recht ist.
Doch bis sie dahin kommen und manchmal auch dann noch, sind sie der Gnade der Behörden und der Helfer ausgeliefert, das kann sehr demütigend sein.

Bin ich der Gnade Gottes ausgeliefert?
Wie Martin Luther muss auch ich erkennen:
Ich schaffe es nicht, gerecht zu sein,
ich schaffe es nicht, alles richtig zu machen.
Ich schaffe es nicht, mir Gottes Liebe zu erarbeiten.

In einer Welt, in der man stark sein muss, muss ich bekennen, dass ich zu schwach bin, es allein zu schaffen.
Aber dann kann ich lesen, was Paulus den Korinthern schreibt:

denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark

Gerade dann, wenn ich meine Schwäche, mein Unvermögen eingestehe, gerade dann kann Gott mich stark machen.
Gottes Gnade macht mich stark,
stark im hier und jetzt zu tun was er mir vor die Füße legt.

Aber reicht wirklich diese Gnade?
Muss ich nicht doch etwas tun?

Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, ….
Denn wenn du mit deinem Munde bekennst
Klingt das nicht doch nach einer Bedingung für die Rettung?
Ist es notwendig, meinen Glauben zu bekennen?
Ist es notwendig, in aller Öffentlichkeit laut zu sagen, dass ich an Jesus Christus glaube,
ist das notwendig um gerettet zu werden?

Muss ich nun täglich mindestens einmal jemandem von meinem Glauben erzählen, so ähnlich wie Pfadfinder täglich eine gute Tat tun sollen?
Dann würde ich mir ja doch wieder meine Rettung verdienen, sie mir erarbeiten.

Paulus zitiert Jesaja:
Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.
Und er zitiert den Propheten Joel:
wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden

Wenn ein Ertrinkender um Hilfe ruft, ist das eine Bedingung, um gerettet zu werden?
Wenn ein Kranker zum Arzt geht, ist das eine Bedingung, um gesund zu werden?
Ja, man könnte es so sagen.
Aber wer empfindet das wirklich als Bedingung?
Der Ertrinkende, der Kranke,
sie müssen bekennen, dass sie Hilfe nötig haben,
dass sie es allein nicht schaffen.

Wenn ich den Namen des Herrn anrufe, dann bekenne ich mit meinem Mund, dass ich es allein nicht schaffe, dass ich Hilfe brauche.

Und den Namen des Herrn anrufen, das kann doch jeder, da gibt es doch keine Einschränkung.

Aber um den Namen des Herrn anzurufen, muss ich doch erst einmal wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.

Wie soll ich jemanden anrufen und um Hilfe bitten, den ich nicht kenne?
Um vor jemandem einzugestehen, dass ich Hilfe brauche, muss ich ihm vertrauen.
Ich kann doch niemandem vertrauen, von dem ich noch nie etwas gehört habe.
Also muss es doch jemanden geben, der davon erzählt, dass es Hilfe gibt, dass es da jemanden gibt, dem man vertrauen kann, den man um Hilfe, um Rettung bitten kann.

Wenn ich also weiß, wo es Rettung gibt, warum erzähle ich es nicht?

Ich muss es aber erst einmal selbst erlebt haben.
Ich muss erlebt haben, dass Gottes Liebe, seine Zuwendung mir ganz persönlich gilt.

Ich muss es selbst erfahren haben, dass Jesus Christus für mich gestorben ist und für mich auferweckt wurde.

Und wenn ich das von Herzen glaube, dann ist mein Herz voll davon, dann fließt doch auch mein Mund über?

Ich habe da einmal eine kleine Geschichte gehört:
Da gab es einen jungen Mann, der hatte von Jesus gehört und war auch ganz fasziniert von ihm, wollte wirklich von Herzen gern glauben dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, aber da gab es noch diese Bedingung:
Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist....
Und mit dem bekennen hatte er so seine Schwierigkeiten.
Das erzählte er einem weisen Mann und der sagte ihm:
Ja, das stimmt, so steht es in der Bibel, aber bei dir macht Gott eine Ausnahme, du musst nicht mit deinem Munde bekennen.
Da war dieser junge Mann so froh und glücklich, dass er sofort allen Menschen, denen er begegnete erzählte:
Stellt euch vor, ich glaube das Jesus Christus mein Herr ist und ich muss es niemandem erzählen.
Nun, mein Mund fließt nicht immer über, ich erzähle nicht immer und überall davon, dass ich Christ bin und dass Jesus mein Retter ist.
Aber mein Bekenntnis muss nicht ein Bekenntnis mit Worten sein.

Wenn ich Menschen begegne, die bei uns angekommen sind, die eine gefährliche Flucht überlebt haben, denen kann ich die Liebe, die ich von meinem Gott empfangen habe, weitergeben.

Gebe ich seine Liebe weiter, indem ich den anderen erst einmal respektiere genau da wo er im Moment steht?
Gebe ich seine Liebe weiter an den Christen,
den Moslem,
den, der nie einen Glauben hatte,
den der seinen Glauben verloren hat.

Der Gott, auf dessen Gnade ich angewiesen bin, der verleiht mir Würde, gebe ich doch diese Würde weiter.
Sehe ich nicht in dem anderen den Hilfsbedürftigen sondern sehe ich in ihm den Menschen, der Stärken und Schwächen hat genau wie ich.

Werde ich zur Freudenbotin, gebe ich das Gute weiter, einfach indem ich den anderen als Menschen respektiere.

Paulus schreibt den Galatern:
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir

Wenn Christus in mir lebt,
dann geht er mit mir, wohin auch immer ich gehe.
Dann ist er da wohin ich gehe.
Dann beeinflusst er mein Handeln.

Aber dazu muss ich es erlebt haben:
Seine Gnade rettet mich,
seine Liebe macht mich mutig und stark,

mutig, das zu tun und zu sagen, was mein Herr mir als Aufgabe vor die Füße gelegt hat.

Friedrich Schwanecke spricht die Vermutung aus:
Du bist gekommen, Gottlose zu retten – also rettest du mich?

Martin Luther sagt:
Glaube ist eine lebendige verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal dafür sterben würde. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen; das wirkt der Heilige Geist im Glauben.

So möge der Heilige Geist auch uns den Glauben schenken, dass unser Gott und Vater auch uns fröhlich, trotzig und mutig macht, das zu tun und zu sagen, was er uns vor die Füße legt.

Amen

20151019

Martin Adel: Das Reich Gottes annehmen wie ein Kind

18.10.2015 - 20. Sonntag nach Trinitatis
Predigt Markus 10,13-16
gehalten in Maria Magdalena


Mk 10,13-16
Die Segnung der Kinder
13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.
14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.
15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.
16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

1. Jesus, der Kinderfreund – Güte contra Härte
Ist Jesus nur ein Kinderfreund? Und wir Erwachsenen, was ist mit uns? Hartherzig, berechnend, vernünftig – vom Leben gezeichnet.
Ist hier das alte Bild nachgezeichnet:
Die gütige Mutter – der strenge Vater. Oder umgekehrt.
Der barmherzige Vater – der hartherzige Bruder.
Die gütige Angela Merkel – der egoistische Horst Seehofer.

Lasst die Kinder zu mir kommen ….

2. Kindesalter
Welche Kinder sind da überhaupt gemeint? Welches Alter hat er, welches Alter haben wir vor Augen, wenn Jesus von den Kindern spricht?

Sind die niedlichen Babys gemeint, die einen Nachts um den Schlaf bringen.
Oder meint er die ins Spiel sich verlierenden Dreijährigen, die mit ihrem Trotzkopf so manchen Familienausflug zu Nichte machen.
Meint er die neugierigen, fragenden, weltentdeckenden 8jährigen, die dann beim Zündeln fast das Haus anzünden.
Oder meint er die 12jährigen, die voller Liebe und Hilfsbereitschaft der Mama oder der Nachbarin die Tasche nach oben tragen und später mit dem Schulfreund heimlich die Sexheftchen durchblättern.

Lasst die Kinder zu mir kommen.
Welche Kinder meint Jesus denn?

Und außerdem: Sind Kinder so positiv, wie sie hier beschrieben sind? Wieviel Not war oft in den Familien durch die vielen Kinder. Wie viele Frauen sind gestorben über dem Kinderkriegen oder schon davor, weil sie zur Engelmacherin gegangen sind.
Die Erfindung der Pille, die Verhütung, ist da auch ein Segen gewesen – und auch ein Fluch, denn wie viele Paar bekommen nur schwer Kinder, nach Jahrzehnten des Verhütens.

Und dennoch sind Kinder sind ein Segen – Kinderlosigkeit wird oft schwer ertragen, bis heute.

Kinder sind auch eine Last.
- zu kleine Wohnung
- zu viele Erwartungen an die Familien
- Leistungsdruck, was alles wie sein muss …
- finanzielle Belastung (aber auch Spinnerei unserer Zeit)
- abgetrieben (Indien-Mitgift, China – Ein-Kind-Familie)
- Streit in der Familie, unter Geschwistern

Sieht Jesus das nicht.
Doch. Er sieht es. Und er weiß selbst, was es heißt, ein „Bastard“ zu sein. Das uneheliche Kind der Maria!

Jesus hat nicht viel zu den Kindern gesagt und dennoch steht hier dieses zentrale Wort, das auch bei so vielen Taufen gelesen, bepredigt oder vorgespielt wird.
Lasst die Kinder zu mir kommen ….

Was meint er damit?

3. Kindsein ist kein Zustand, eine Haltung, eine Lebenseinstellung
Und wir ahnen schon, das Kindsein ist kein sozial-romantischer Zustand, sondern eine Haltung, eine Lebenseinstellung.

Wenn man nur die Evangelien sprechen lässt:
a. Mt 5,9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

b. Mt 21,15 Die Tempelreinigung
12 Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler
13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine
14 Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie.
15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich
16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?

c. Kindervergleiche
- Kinder dieser Welt oder Kinder des Lichts (Lk 16,8; Joh 12,36),
- Kinder des Allerhöchsten (Lk 6,35),
- Kinder der Auferstehung (Lk 20,36),

d. Johannesprolog (Joh 1)
10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.
14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

e. Mk 5,39 Heilung des Töchterchen des Jairus
35 Als er noch so redete, kamen einige aus dem Hause des Vorstehers der Synagoge und sprachen: Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister?
36 Jesus aber hörte mit an, was gesagt wurde, und sprach zu dem Vorsteher: Fürchte dich nicht, glaube nur!
37 Und er ließ niemanden mit sich gehen als Petrus und Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.38 Und sie kamen in das Haus des Vorstehers, und er sah das Getümmel und wie sehr sie weinten und heulten. 39 Und er ging hinein und sprach zu ihnen: Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft.
40 Und sie verlachten ihn. Er aber trieb sie alle hinaus und nahm mit sich den Vater des Kindes und die Mutter und die bei ihm waren und ging hinein, wo das Kind lag, 41 und ergriff das Kind bei der Hand und sprach zu ihm: Talita kum! – das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! 42 Und sogleich stand das Mädchen auf und ging umher; es war aber zwölf Jahre alt. Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. 43 Und er gebot ihnen streng, dass es niemand wissen sollte, und sagte, sie sollten ihr zu essen geben.

f. Speisung der 5000 (Joh 6,9)
8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?
10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.

g. Der Rangstreit der Jünger (Mt 18,1ff)
18 1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich?
2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie
3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.
Warnung vor Verführung zum Abfall
6 Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.

4. Wes Geistes Kind bin ich?
Was ist das, was Jesus am Beispiel der Kinder uns mit auf den Weg geben möchte?
Wir sind ja keine Kinder mehr – klein, süß, drollig, unschuldig, unvoreingenommen.
Im Gegenteil, mich regen eher die Erwachsen auf, die nicht erwachsen werden wollen.
Und doch spricht Jesus von der Kindschaft und vom neu geboren werden. Und der erwachsene und gelehrte Nikodemus
Ist völlig durcheinander, weil er es sich mechanisch oder materiell oder ganz real vorstellt, wie ein Erwachsener wieder aus seiner Mutter Leib geboren werden könnte. (Joh 3,1ff)

Geistig, geistlich neu geboren werden?! … werden wie die Kinder?
Kindisch?
Kindlich?
Führt uns Jesus in die Irre?

Und der Widerstand regt sich in uns: Weit hat er es ja selbst auch nicht gebracht mit diesem naiven Vertrauen.
„Hosianna… und dann Kreuzigt ihn.“ Da wäre er mal lieber nicht so unbedarft, so kindlich, so vertrauensselig gewesen.

5. Vertrauen – wie viel?
Und da ist es wieder, dieses: Vertrauen.
… Fürchte dich nicht, glaube nur.
Aber wie viel Vertrauen ist denn da gemeint?
Heißt es nicht auch: Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.
Wir wollen doch auch nicht dumm sein, sondern: „klug wie die Schlange …“
Und außerdem heißt es doch auch, dass wir uns hüten sollen vor dem Versucher. … Und wir können doch auch nicht nur blind vertrauen, sondern es heißt doch auch: Prüfet alles und das Gute bewahret.
Aber was ist denn gut?
Und dann ist es wie am Anfang: Wie alt sind die Kinder denn, die Jesus meint. Welches Vertrauen meint er denn? Das von Baby, oder von 4-jährigen, von 8-jährigen, das von 12-jährigen?

6. Es gibt keine Garantien
Jesu Wort bleibt eine Herausforderung, eine Provokation und gleichzeitig eine Aufgabe.
Es gibt keine Garantien für das Leben.
Vieles klären wir heute über das Recht. Und der Rechtsanspruch, das Rechtsstaat ist etwas ganz Wichtiges.
Und wir klären es über Versicherungen: dann zahlt die Versicherung – Gott sei Dank oder auch nicht – je nachdem, welche Erfahrungen ich gemacht habe.
Aber auch wenn die Versicherung den Einbruch bei mir zuhause bezahlt, heißt das noch nicht, dass ich über den Eingriff in mein Privates so ohne weiteres hinweg komme.
Mit der Krankenversicherung ist das nichts anderes. Sie bezahlt mir die Kosten beim Arzt, aber wie ich mit meiner Krankheit zurechtkomme, mit dem Diabetes, mit den Schmerzen, mit dem Krebs, mit der Einschränkung, mit dem Defekt, dem Bedürftig sein, dem auf Hilfe angewiesen sein, das steht oft auf einem ganz anderen Blatt.

Und spätestens dann spüren wir: Die wesentlichen Dinge gehen nicht über das Recht, sondern über das Vertrauen.
- Wenn wir uns das JA-Wort geben, wissen wir nicht, wie unsere Ehe in zwanzig Jahren sein wird. Und trotzdem gehen wir mutig!
- Wenn wir Kinder bekommen, wissen wir nicht, ob sie uns einmal im Alter versorgen werden. Und trotzdem gehen wir mutig!
- Wenn wir mutig ins Leben ziehen und unser Land mitgestalten, wissen wir nicht, wie unser Land in zwanzig Jahren sein wird, ob Krieg ist, atomare Verseuchung, Klimakatastrophen. Und trotzdem gehen wir mutig!
- Wenn wir auf Gottes Schutz und Segen bauen und dieses und jenes unter seinem Namen beginnen, entscheiden, wagen, wissen wir nicht, wie es wird. Vielleicht scheitern wir. Vielleicht halten wir die Härte des Lebens nicht aus. Vielleicht … Und trotzdem gehen wir mutig!

Die Begegnung Jesu mit dem „Reichen Jüngling“, die direkt nach dem Kinderevangelium zu finden ist, lese ich wie eine Auslegung zu unserem Predigtwort. (Mk 10,17ff).
Der reiche Jüngling fragt Jesus: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? ….  Und Jesus antwortet:
19 Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.«
20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.
21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach! 22 Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
Und danach folgend diese so anschaulichen Worte Jesu: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Und nun erschrecken auch die Jünger und fragen: Wer wird denn dann hinein kommen? Und Jesus entzieht ihnen völlig den Boden und führt uns zurück auf das Einzige, das wir als Kinder Gottes haben: Das Vertrauen.
„Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ (Mk 10,27)

Wir haben keine Garantien.
Wenn uns das bewusst wird, dann erschrecken wir vielleicht, weil wir gar so Geworfene sind. Und gleichzeitig kann hier das Vertrauen beginnen:
Gott, du an meiner Seite?!
Gott, du auf grüner Aue und bei mir im Angesicht meiner Feinde?
Lasst die Kinder zu mir kommen …
Wenn ihr das Reich Gottes nicht annehmt wie ein Kind …

Du Gott bist der Ort, bei dem ich Zuhause bin. Geborgen, absichtslos, voller Vertrauen. In meiner Krankheit bin ich gesund vor dir. In meiner Begrenztheit doch so reich. In meiner Schwachheit doch so stark.

Lassen wir uns immer wieder neu in der Nähe Gottes von Gott selbst verwandeln, von den enttäuschten Kindern der Welt zu den Kindern Gottes. Und kommen wir trotz aller Erfahrung und Härte des Lebens und der Realität und des Erwachsenseins – das von Gott gewollt ist! - immer wieder zurück zu einem kindlichen Staunen und Fragen und Danken und Vergessen und Neuanfangen. Mit vorbehaltloser Liebe. Mit Vertrauen. Mit Hingabe. Wie ein Kind. In der inneren Gewissheit: ES WIRD!

Amen.



Definition: Jugend
BegriffsentstehungDer Begriff Jugend ist historisch gesehen relativ jung und wurde erst um 1800 häufiger verwandt. Der Begriff des Jugendlichen war dabei ursprünglich ambivalent besetzt (Jugend ist Trunkenheit ohne Wein) und diente auch zur Distanzierung von einer Personengruppe, die als gefährdet definiert wurde. Der Begriff bezeichnete dann beispielsweise in der Jugendhilfe der 1880er Jahre eine männliche Person aus der Arbeiterklasse zwischen 13 und 18 Jahren, der Tendenzen zur Verwahrlosung, Kriminalität und eine Empfänglichkeit für sozialistisches Gedankengut unterstellt wurden. Erst nach 1900, im Zuge der Jugendbewegung, wurde die eher negative Konnotation des Begriffs (Jugend als Gefährdung und Unreife) durch ein positives Bild ersetzt. Im Rahmen nationalistischer Strömungen entstand nach dem Ersten Weltkrieg ein politischer Jugendmythos: Jugend als Motor der Geschichte (Wer die Jugend hat, hat die Zukunft). Hitler war dann in der nationalsozialistischen Propaganda der junge Führer. Das erste negative Jugendbild in der Industriegesellschaft wirkte jedoch latent weiter und ist gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche wieder aktualisierbar, wie die Diskussion um Jugendgewalt und Jugendkriminalität in den 1990er Jahren zeigte: Jugend(liche) als Gefährdung und Bedrohung.Definitionen der „Jugend“Jugend kann auf verschiedene Arten betrachtet werden, zum einen bezeichnet der Begriff eine Phase im Leben eines Individuums und zum anderen wird damit eine eigenständige Gruppe von Menschen erfasst. Je nach Auffassung kann man zur Eingrenzung der Lebensphase heute bestimmte Alterswerte oder aber eine Definition anhand von qualitativen Merkmalen vornehmen. Gemäß dieser zweiten Möglichkeit wird als Beginn der Jugendphase meistens die körperliche Geschlechtsreife gewählt, als Ende das Erreichen von finanzieller und emotionaler Autonomie.


Kinder: 0 – 11 Jahre! 
Die Kindheit teilte sich im Mittelalter generell in drei Phasen: infantia, puertia und adolescentia. 0-7/7-14/14-21

20150629

Martin Adel: Das Staunen üner das Werden - Gottes Schöpfung heute (noch) glauben können

2. Sonntag nach Trinitatis
14.06,2015
Joseph Haydn, "Die Schöpfung"
Stadtkantorei Leitung: KMD Ingeborg Schilffarth

Liebe Gemeinde,

1. Geschaffen contra 7 Tage
Gott hat die Welt in 7 Tagen erschaffen. Glauben sie das? Glauben wir das wirklich? Müssen wir das glauben?

Ich muss das nicht glauben, dass die Welt in 7 Tagen entstanden ist. Aber, und das ist etwas ganz anderes, ich glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat. Und darauf kommt es an. Die Zahl ist doch nicht das Entscheidende, sondern das Grundbekenntnis, so wie es Martin Luther in seiner Auslegung zum 1. Artikel des Glaubensbekenntnisses schreibt: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält.
Das ist unser Glaube. Und mit den sieben Tagen kommt eine Ordnung in das Chaos, in den ehemaligen glühenden Feuerball irgendwo im Universum. Und am Ende der Entwicklung der Mensch, so wie wir uns auch empfinden, als Krone der Schöpfung, begabt mit unglaublichen Fähigkeiten „und siehe, es war sehr gut“ und dann, als Schlusspunkt mit dem siebten Tag, der Ruhetag Gottes, der Sabbat, der Sonntag, für uns Menschen der erste Tag des Lebens.
Um diese innere Wahrheit geht es, die mehr ist als Poesie, um diese christliche Wahrheit sollten wir uns bemühen und sie glauben und leben; dann müssen wir uns nicht mehr an Zahlen verkämpfen.

2. Weltbildentwicklung
Unser Verstand weiß es doch schon längst:
Früher glaubten die Menschen, dass die Erde eine Scheibe sei, danach, dass die Erde der Mittelpunkt des Kosmos ist, danach, dass die Sonne das Zentrum des Universums und heute beschreiben wir das, was uns umgibt als Milchstraßen und Galaxien und sprechen von schwarzen Löchern und verglühenden Sternen und Supernovas und Quarks und was noch alles und das Hubble-Weltraumteleskop liefert uns seit 1990 gigantische Eindrücke aus dem Weltall.
Und wahrscheinlich wissen die Menschen nach uns in 500 Jahren noch etwas ganz anderes. Und das ist gut so.
Denn durch diese naturwissenschaftliche Betrachtungen und Erforschungen des Menschen sind uns viele segensreiche Erfindungen geschenkt worden und der Mensch und die Welt haben sich entwickelt.
Sicher: Nicht immer nur zum Besten, aber jeder von uns genießt den Fortschritt, das Auto (1863/1886 – Carl Benz) oder das Fahrrad (als Draisine seit 1817 auf den Weg gebracht) die Medizin, das Handy, ja sogar die Orgel, die Musik, den Haydn oder Viva Voce – Leben ist Entwicklung, Fortschritt egal, wo wir anfangen oder aufhören. Ob es immer gut ist und gut tut und wann es übertrieben wird und der Mensch ab-artig wird, das steht auf einer anderen Seite. Aber dass wir uns dafür verantwortlich fühlen, das hat auch etwas mit der Schöpfung zu tun, weil Gott uns beauftragt hat zu bebauen und zu bewahren.

3. Du bist gewollt
Ob sich die Welt in 7 Tagen oder in 7 Millionen Jahren oder in 5 Milliarden Jahre entwickelt hat, ist für unser naturwissenschaftliches Streben und Entdecken wichtig. Weil wir nur mit den Gesetzmäßigkeiten und den Ordnungen der Welt rechnen und planen und forschen und uns entwickeln können.
Aber für mein persönliches Leben ist das erst einmal nicht wichtig.
Ich bin. Jetzt. Ich lebe. Hier. Ganz konkret. Und ich brauche einen Sinn, ich brauche einen Grund, ich brauche einen Halt.
Denn auch wenn wir heute medizinisch genau wissen, wie menschliches Leben entsteht, reicht es uns nicht, wenn wir nur ein Produkt der Verschmelzung von Samenzelle und Eizelle sind oder womöglich produziert wurden um Reagenzglas. Um seelisch gesund heran zu wachsen und gesund zu bleiben, brauchen wir das Gefühl, geliebt und gebraucht zu werden. Wir brauchen Fürsorge und Zuwendung und Sinn.

Wie tief es uns verletzt, wenn Eltern zu einem sagen: Du bist ein Unfall. Du bist ein unnützer Esser. Du bist überflüssig. Du bist ein Klotz am Bein.

Aber in der Schöpfung sagt Gott zu uns Menschen: Du bist gewollt! Du bist kein Geworfener, kein Zufall, keine Laune der Natur. Das ist Schöpfung. Du bist mein Geschöpf. Dein Dasein hat in sich Sinn und Würde.

4. Das Staunen über das geordnete Werden
Und genau so naiv und einfach, mit kindlichem Vertrauen und Staunen hat es Joseph Haydn neu nacherzählt und in Musik gekleidet, die Schöpfung, wie sie aufgeschrieben ist in der biblischen Vorlage im ersten Buch Mose.
Und er schafft über seinem Staunen ob der Ordnung und der Schönheit der Welt eine Musik, die es uns miterleben lässt, dieses Staunen über das Werden der Welt und uns Menschen.
Nicht Zufall, sondern gewollt sind wir. Geordnet. Hineingestellt in die richtige Nähe und Distanz zur Sonne, auf einer Umlaufbahn, die im Lauf von Millionen und Milliarden Jahren im „Chaos des Kosmos“ abkühlt und eine Atmosphäre entwickelt, die das lebensfeindliche Weltall von der Erde abschirmt. Als sich die Lava abkühlt finden Wasser und Land ihren Platz, und die Umlaufbahn hat einen perfekten Wechsel von Tag und Nacht und Sommer und Winter, so dass in den unterschiedlichsten Klimazonen unterschiedliches Leben entstehen und Leben kann. Nahrung ist da und ein Ökosystem entwickelt sich, das von den Bienen über die Ameisen bis hin zu den kleinsten Mikroben zunehmend mehr Sinn macht, je länger wir es erforschen. Und es war längst, bevor wir es entdeckt haben. Weil es gewollt ist und Sinn macht. Von Gott gewollt. Das meint: Schöpfung.
Enthoben der Alltäglichkeit, der eigenen Mühe und Plage, des Verzagens und Haderns, dem Sorgen, dem Gram und dem Kampf komme ich zurück in ein kindliches Staunen und Betrachten und Entdecken, voller Dankbarkeit und Ehrfurcht und Respekt.

Joseph Haydn führt uns in seiner Schöpfung am sechsten Tag in humoristischer Untermalung das Entstehen des Löwe, Tiger, Hirsch, Pferd, Rind, Schaf, Insekten und Würmer, vor Augen, um dann den Erzengel Raphael in seiner Arie erzählen zu lassen:
Nr. 22 (22) Nun scheint in vollem Glanze der Himmel
Doch war noch alles nicht vollbracht
Dem Ganzen fehlte das Geschöpf
Das Gottes Werke dankbar seh'n
Des Herren Güte preisen soll.
Und dann schuf Gott den Menschen. Nr. 23 (23) Und Gott schuf den Menschen

Von Astronauten gibt es viele Bespiele, wie sie nach ihrer Rückkunft aus dem All verwandelt, fast fürsorglich auf unsere Erde blicken, ob der Erhabenheit und Schönheit unseres blauen Planeten und aus der Distanz Länder, Grenzen und Kontinente bedeutungslos werden zu einem „Unsere Erde“.
Als ob Haydn selbst dort oben gewesen wäre, beendet er seinen zweiten Teil mit dem gewaltigen Chorsatz: Nr. 26 (26a) Vollendet ist das große Werk

5. Das Danken – gegen alle Selbstüberschätzung
Schaffen wir das noch zu sagen: Vollendet ist das große Werk
Oder sind wir nur ängstlich Getriebene vor dem Ozonloch und dem Fuchsbandwurm und dem Zeckenbiss, Mäkelnd und Besserwissend nach jedem Orkan oder Tsunami, dass wir es besser gemacht hätten.
Und merken gar nicht mehr – vielleicht weil ich selbst frustriert die Nacht vor dem Bildschirm verbracht habe - wie auch FÜR MICH am Morgen die Sonne aufgeht und die Vögel das Morgenlied anstimmen und der Regen FÜR MICH die Blütenpollen aus der Luft wäscht und die Bienen ihr Tagwerk vollbringen, damit wir alle mehr als reichlich zum Essen haben. An seiner Selbstüberschätzung scheitert der Mensch, an seiner Eitelkeit und Arroganz, an seiner Anmaßung, alles selbst regeln, bestimmen und kontrollieren zu können.

Vielleicht lässt deshalb Haydn nun seinen Adam und seine Eva zuerst ein Dankgebet sprechen – übrigens der längste Satz im ganzen Werk, aufgeteilt in drei Teile: Nr. 30 (28) Von deiner Güt', o Herr und Gott, ist Erd' und Himmel voll. Die Welt, so groß, so wunderbar, ist deiner Hände Werk.

In Wikipedia heißt es über den Komponisten:
Die Arbeit am Oratorium dauerte vom Oktober 1796 bis zum April 1798. Haydn fand sein Thema inspirativ, und seiner eigenen Aussage nach war die Komposition für ihn eine grundlegende religiöse Erfahrung. Er arbeitete an dem Projekt bis zur Erschöpfung, und tatsächlich erkrankte er nach der Uraufführung für längere Zeit.
Gott ruhte am siebten Tag. Wir vergessen das gerne und werden dann krank nach großen Anstrengungen. Dann muss es halt so sein.
Aber es war geschafft. Großartig geschafft. Bis heute gehört sein Werk zur Welt-Literatur der Musik.
Und dann ist es egal, ob in 7 Tagen oder in 7 Monaten oder in 7 Jahren, weil es nicht um die Zahlen geht, sondern um die Musik dahinter und das Staunen und Hören und Fühlen, wie es lebt, so wie wir leben und unser Herz tapfer seiner Arbeit nachgeht, weil Gott es so gewollt hat und er sogar uns noch will, wenn er uns dann einmal seinen Lebensodem wieder entzieht wird.

Amen

Kantorei: II,28 Vollendet ist das große Werk

26 Chor: Vollendet ist das große Werk, der Schöpfer sieht´s und freuet sich. Auch unsre Freud´erschalle laut, des Herren Lob sei unser Lied!

20150426

Martin Adel: Glaube inmitten anderer Religionen


26.04.2015 Sonntag Jubilate
Wochenspruch: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Kor 5,17)


Liebe Gemeinde
1. Der gleiche Gott?
„Wir haben doch irgendwie alle den gleichen Gott!“ wird uns gerne gesagt. Und so genau kann man da eh nichts wissen. Und um des Friedenswillen und der Verständigung und der Toleranz schmeißen wir doch einfach zusammen.
Ist das so? „Haben wir alle den gleichen Gott?“ Wir Christen schon noch. Aber wie ist das mit all den anderen?
Also mein Gott heißt nicht Buddha und auch nicht Shiva und auch nicht Allah. Mit dem Judentum wird es schon etwas schwieriger, deshalb lassen wir es heute außen vor. Aber ich glaube auch nicht an den großen Manitu oder an den Energieerhaltungssatz auch für die Seelen. Ich glaube an Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland, Erlöser und Retter. Die letzte Bezugsgröße für mich und für die Welt.
Gott ist entweder Gott, dann ist er der Schöpfer allen Lebens oder er ist eine Einbildung. Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

2. Der Patchwork-Gott
Im religiösen Supermarkt kann das vielleicht so sein, dass man sich´s zusammen suchen kann: ein bisschen Hare Krishna, ein bisschen Hare Rana, da ein bisschen Seelenwanderung, hier ein Traumfresserchen und dann noch die Sternzeichen befragen. Oder gleich, wie´s bei der Metzgerei Bockensack heißt: Darf´s auch ein bissler mehr sein?
Und immer, wenn etwas nicht passt oder unliebsam wird, dann lässt man es weg, weil´s mir ja nicht gut tut.
Mag sein, dass das manchen Menschen hilft. Aber mir hilft das nicht.
Der Glaube zusammen gesucht wie eine Patchworkdecke. Kann sein, dass sie wärmt. Aber sie trägt mich nicht. Denn ich habe ja zusammengesucht. Ich habe zusammengestellt. Ich habe es mir zurechtgelegt.
Und nicht mehr: Gott hat mich gemacht. ER hat mir seinen Atem eingeblasen und ER wird ihn mir wieder entziehen. Und er darf es auch, weil er Gott ist.
Darum geht es im Glauben. Nicht zuerst um die Moral oder die Ethik, sondern was mich trägt und hält in all den Wirren und Höhen und Tiefen des Lebens mit all seinen Herausforderungen und Fragen und Unsicherheiten.
Da befrage ich nicht erst die Sterne, um zu erklären, dass dieses und jenes gerade so steht und deshalb klappt oder nicht geklappt hat.

3. In Gott festgemacht
Sondern ich wende mich an Gott, den ich kenne, so wie er sich uns bezeugt hat in der Bibel. Und ich rufe: Du Herr, hilf. Hilf zu verstehen, hilf zu entscheiden, hilf zu begreifen. Hilf zu tragen und neu zu beginnen. Mit Herz, Hand und Verstand.
Nicht ich habe dich zusammengebaut, sondern DU hast mich gefunden. DU hast dich bei mir festgemacht – in der Taufe. Und ich finde mein JA zu DIR. Hier schlägt mein Herz! Nicht, weil es die Beste aller Religionen ist, sondern weil sie für mich „existentiell“ entscheidend ist.
Ich such mir ja auch nicht meine Eltern aus und sie mich nicht, obwohl es sicherlich immer auch bessere, oder reichere, oder liebevollere oder verständigere Eltern oder Kinder gäbe. Aber hier bin ich zuhause und das ist meine Bezugsgröße – ob ich will oder nicht.
Warum versagt denn unser Glaube so oft in den Krisen des Lebens? Weil wir ein Ding daraus gemacht haben, wie das goldene Kalb, selbst gegossen aus unseren Wünschen und Sehnsüchten. Und dann heißt er lieber Gott oder den Wundergott oder den bestrafender Gott oder gar kein Gott, weil ich so enttäuscht bin. Gott als Ding, definiert, erklärt, festgelegt und kein lebendiges Gegenüber mehr, der trägt und hält, wenn mein Gebäude zusammenstürzt. Mein Herr und mein Gott.

4. Religion aus dem Kopf
Weil wir aus dem Kopf heraus glauben, aus philosophischen Betrachtungen und Überlegungen unserer Weisheit und unseres Verstehens, beginnen dann die Diskussion, so wie wir sie in der kommenden Woche an der Grundschule haben werden, ob wir nicht den Schulanfangsgottesdienst mit den Moslems und den Ethikern zusammen feiern können. „Irgendwie glauben wir doch alle an irgendeinen Gott und welcher der richtige ist, kann man ja auch nicht genau sagen.“ „Und wenn wir (Christen) ein bisschen toleranter wären und bei den Gebeten Christus weg lassen, dann kann sich ja auch jeder je nach seiner Religionen seine eigenen Gedanken machen“ – als ob ein Gebet Gedanken sind und nicht der aktive Vollzug des Glaubens, die Hinwendung zu Gott.
„Und außerdem sind eh nur noch 1/3 der Schüler Christen an der Schule und man will doch niemanden ausgrenzen und aus praktischen Gründen wäre doch die Aufsicht auch besser zu organisieren ….“
Ich frage mich immer, warum man nicht auch im Sport auf solche Gedanken kommt, z.B. könnte man doch Fußball, Handball, Wasserball und Eishockey zusammenlegen – sie haben ja so vieles gemeinsam: alle diese Sportarten spielen auf einem Spielfeld in je zwei gegnerischen Teams, schießen auf zwei Tore und haben einen Schiedsrichter, der auf die Regeln achtet.

5. Glaube inmitten der anderen Religionen
Liebe Gemeinde,
Glaube findet immer im Nebeneinander mit anderen Religionen statt. Wir hatten nur über Jahrhunderte, vielleicht sogar über Jahrtausende hier in Europa den Schutzraum der Einheitsreligion, mit Macht und Gewalt verteidigt und andere Haltungen bedroht und verfolgt. Doch diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei und wir haben viel Blut und Schuld auf uns geladen. Andererseits mussten wir uns auch nicht mehr selbst zu Gott bekennen, sondern wir waren hineingeboren in die christliche Religion und irgendwie gehörte das dazu und besser war es auch, wenn man keine Umstände haben wollte.
Und jetzt? Jetzt sind wir verunsichert, weil wir zwar einerseits sicher sind, dass wir Christen sind, aber man kann ja als aufgeklärter Mensch auch nicht mehr genau wissen, ob sich das die Kirche nicht alles nur ausgedacht hat. Und außerdem glauben die anderen Religionen doch auch an ihre Götter. Und wer hat denn nun Recht? Und gleichzeitig wollen wir nicht ausgrenzen, sondern tolerant sein, weil uns die Gewissensfreiheit und die Religionsfreiheit ein unverzichtbares Gut geworden ist.

Die Lösung ist dann oft, dass wir in der Öffentlichkeit gar nicht mehr über unseren Glauben reden, denn schließlich soll jeder glauben, was er möchte. Aber meisten sprechen wir dann auch nicht mehr darüber, dass Christus vielleicht mich trägt und hält und dass das Evangelium für mich Orientierung und Hilfe ist oder zumindest Bezugspunkt in all den großen Fragen des Lebens.

6. Am Anfang der Kirche
Und wenn das dann alles so ist, dann sind wir wieder am Anfang der Kirche angekommen, so wie damals bei Paulus vor 2000 Jahren, als er in Athen auf dem Areopag steht, also auf dem Marktplatz, und zu den Griechen spricht. Und vielleicht sind uns seine Worte heute wieder eine Hilfe, wo wir neben den anderen Religionen stehen und nach unserem Bekenntnis suchen, wer uns letzter Grund und Halt ist.

Hören wir den heutigen Predigttext zum Abschluss: Apg 17,22 – 34
22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. 23 Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. 25 Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. 26 Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, 27 damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. 29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. 30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. 31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.
32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. 33 So ging Paulus von ihnen. 34 Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.


Amen

20150210

Martin Adel: Endlich allein?! Wenn Kinder groß werden

Mit-einander Gottesdienst zur Ehewoche
08.02.2015 Sonntag Sexagesimae

Liebe Gemeinde.
Endlich allein - Fragezeichen? Ausrufezeichen! ist heute im Zentrum unseres Nachdenkens. Sind sie bereit?
Bei mir steht hier ein Ausrufezeichen. Nicht, weil ich unsere Jungs nicht mag, aber es ist doch noch einmal etwas anderes, wenn die Jungs mal ein Wochenende bei ihrem Papa verbringen. Dann ist es ruhiger und irgendwie bin ich auch freier. Man muss nicht schauen, ob noch irgendwo einer muffelig herum sitzt oder der andere eine ¾ Std. im Bad braucht – ein Junge, bis der geduscht ist und sich die Haare gefönt hat.
Bei meiner Frau darf ich mit ins Bad …
Keiner schaut hungrig in den Kühlschrank und fragt, wann es denn Essen gibt. Der Fernseher und das Sofa sind nicht blockiert und ich muss mir nicht überlegen, ob es Zeit ist und ich einen ermahnend ins Bett schicken muss oder ob nicht noch das Altpapier herunter getragen werden sollte oder die Getränke aufgefüllt oder warum die Arbeitsmappe für die Schule noch nicht fertig ist ….

Ein freies Wochenende eben und keine „erzieherischen“ Verpflichtungen.
Endlich allein!
Der Anfang in einer Ehe, bzw. wenn die Kinder kommen, ist doch auch mit viel Verzicht verbunden und der Kampf um die eigene, freie Zeit wird oft mit harten Bandagen geführt.
Auch die gemeinsame, die Paarzeit, muss kräftig zurück stecken, was auch prinzipiell nicht falsch ist, denn im Sorgen für, in der „Für-Sorge“ für die Kinder bekommen wir gleichzeitig sehr viel geschenkt. Und dann arrangiert man sich und denkt: „Das machen wir dann halt später, wenn die Kinder mal groß sind. Dann machen wir wieder mehr zu Zweit. Nur wir für uns. So wie früher.“ So lautet oftmals der Trost oder die Vertröstung und das Träumen und ausgesprochene oder unausgesprochene Versprechungen.

Und dann kommt diese Zeit tatsächlich. Und plötzlich ist die Wohnung viel zu still oder das Haus zu groß. Nichts mehr liegt herum und es gibt nichts mehr, worüber man diskutieren könnte oder müsste. Kinder geben ja doch auch viele Impulse in einer Ehe. Und: Worüber spricht man jetzt mit seinem Partner? Man kennt sich ja schon seit Jahrzehnten und weiß, wie der andere / die andere ist. Sicherlich: Endlich gibt es ein zwei Arbeitszimmer oder ein eigenes Bügelzimmer, aber so ganz ohne Störungen und Zwischenfälle ist es doch irgendwie befremdlich.

Enttäuschung, über aufgeschobene „Versprechen“
Die Zeit, wo man wieder Zeit hat, kommt unweigerlich. Gut, man braucht sie auch. Aber plötzlich ist es anders.
Man kann ins Theater gehen, aber man will nicht. Und dann gibt es solche Gespräche, wie:
„Du wolltest doch immer mal mit mir ins Theater gehen.“ Und die Antwort lautet: „Ja. Früher. Aber jetzt nicht mehr. Ich bin immer so müde, wenn ich vom Geschäft heim komme.“

Die Enttäuschung über die aufgeschobenen Versprechen und Wünsche ist manchmal riesig. Und diese Enttäuschung kann bis tief in unsere Beziehung und in unsere Sexualität hinein reichen.
Das vertröstende Warten wird zu einem enttäuschten Warten, diesmal zu einer Enttäuschung nicht über die Umstände, sondern über den Partner. Und all der Lebens-Frust, der Warte-Frust und das Zurückstecken mit den aufgeschobene Versprechungen kann zu einem zerstörerischen Krankheitsherd werden. Deshalb ist es so wichtig, dass wir den Mut haben, auch unsere aufgeschobenen Versprechungen anzuschauen, sie auszusprechen und miteinander ins Gespräch darüber zu kommen.

Das ist ja eines der größten Geschenke des Glaubens, dass Gott uns wahrhaftig macht. Und in seinem Halt finden wir den Halt, den wir brauchen. Denn manchmal erschrickt man nur, was man dann sieht, wenn man hinsieht, weil man vielleicht nur einen einzigen Trümmerhaufen sieht.
Bei unserem „Lebens-Warten“ haben wir das Altern vergessen. Das eigene und das des anderen. Plötzlich könnte man von der Zeit her, aber die Kraft ist weniger geworden. Außerdem zwickt es bereits an der einen oder anderen Stelle und man weiß leider nur zu genau, wo der Doktor seine Praxis hat.

Und über den Kindern sind wir uns vielleicht fremd geworden. Manche halten dann die Kinder fest, damit sich zu Hause ja nichts ändert und wir der Realität nicht in die Augen blicken müssen. Und die Kinder können ein guter Vorwand sind, um uns nicht als Paar begegnen zu müssen.
Denn die Frage ist immer wieder einmal in jeder Partnerschaft: Sind wir über unseren Kindern einander Mann und Frau geblieben? Wir ZWEI sind doch die Achse, auf der sich unsere Kinder stabil entwickeln können. Für die Kinder ist es die Mama, aber für mich ist es nicht die Mama, sondern meine Frau. Und später ist sie für die Enkel die Oma, aber für mich ist sie nicht die Oma, sondern sie ist meine Frau. Mann und Frau haben ganz andere Aufgaben füreinander.

Ernüchterung
Plötzlich stellt man fest: Wir haben unsere Kinder groß gezogen und in die Selbständigkeit entlassen und müssen nun wieder lernen selbständig zu leben. Die manchmal so lästige Für-Sorge hatte ja auch einen eigenen, sinngebenden Nutzen. Wir wurden gebraucht. Wir waren nötig. Unser Leben machte Sinn.
Und plötzlich wird man nicht mehr gebraucht.
Das ist oft auch für die Frauen eine sehr schwere Zeit, die in der Kinderphase beruflich zurück getreten sind. Und dann sind die Kinder groß und ich habe wieder Zeit, aber der Mann ist nach wie vor den ganzen Tag auf der Arbeit und das wird auch die nächsten 10-15 Jahre noch so sein. Und ich? Was wird jetzt mit mir?

Umbruch um die 50
Und dem Ideal folgt die Ernüchterung.
Der Umbruch mit ca. 50, da, an der Schwelle, wo die Kinder selbständig werden oder aus dem Haus gehen, das ist ein großes Thema in der Seelsorge.
Oder man wird selbst kränklich und es kommt ein großer Frust auf: Jetzt, wo man endlich könnte, geht es nicht mehr. Oder die Eltern oder Schwiegereltern sind gebrechlich geworden und brauchen plötzlich unsere Für-Sorge. Und man hat so das Gefühl: Ja hört denn das nie auf, dieses sich um andere Sorgen!

Kindheitsträume
Doch wenn das alles nicht ist und wir dann endlich allein sind, was tun wir dann?
Meine Frau und ich waren am letzten Heiligen Abend das erste Mal allein zu Zweit und wir wussten zunächst gar nicht, was wir essen wollen.
Ich habe letztes Jahr mal eine Reportage gehört, die sich damit beschäftigte, welchen Kindheitstraum sich Menschen im Alter erfüllen.
Und die Interviewten blieben alle so auf der Ebene: Jetzt habe ich endlich genug Geld oder Zeit, um mir diesen Kindheitstraum zu erfüllen. Doch im Laufe der Sendung wurde ich immer ärgerliche. Ist das denn unser Leben? Dass wir im Alter das umsetzen, was wir uns in der Kindheit nur erträumen konnten? Wie starr ist dieses Denken. Als ob ich die 50 Jahre dazwischen eingefroren gewesen wäre. Vielleicht brauche ich ja das gar nicht mehr, weil ich jetzt ganz andere Träume habe. Vielleicht freue ich mich daran, wenn meine Enkel nun Dinge tun, die ich mir damals nie getraut hätte. Und ich genieße es und bin froh, dass ICH es nicht tun muss.

Neu aneinander gewiesen
Sicherlich: Diese Veränderungen kosten Kraft, vor allem, weil wir sie uns nicht selbst gesucht haben, sondern weil sie uns in den Weg gestellt werden. Sie erwarten von uns, dass wir uns neu mit uns selbst und mit dem anderen beschäftigen. Sie bringen auch Konflikte mit sich. Aber es lohnt sich. Denn Gott hat sein JA nicht nur über unsere Anfangsjahre gesprochen. Er weiß, wie das Leben verläuft. Das ganze Leben. Und so übergibt er uns an diesem Übergang, wenn die Kinder groß werden, neu uns selbst.
Es ist ein natürlicher Prozess!

Bibelworte
Und so spricht die Bibel von Anfang an von dieser Veränderung, von diesem Umbruch und der Distanz, wenn es bereits im zweiten Kapitel der Bibel heißt: Und ein Mann wird Vater und Mutter verlassen und er wird seiner Frau anhängen und die beiden werden ein Fleisch sein. (1 Mose 2,24) Und der zwölfjährige Jesus im Tempel weist seine Eltern brüsk zurück (Lk 2,41ff), ähnlich ja auch, als er seine Mutter und seine Brüder zurück weist (Mk 3,31).
Andererseits zeigt es von Jesu großer Fürsorge, als er noch am Kreuz zu Johannes sagt: Siehe, das ist deine Mutter. Und zu seiner Mutter: Siehe, das ist dein Sohn. (Joh 19,25ff).

Und das Alte Testament spricht von der großen Fürsorge zwischen der verwitweten Ruth zu ihrer verwitweten Schwiegermutter Naomi. Bis heute sind diese Worte ein sehr beliebter Trauspruch, wenn es da heißt: Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden, Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. (Ruth 1,16ff)

Könnte das unser neues JA zueinander werden. Nach 15, 20, 25 Jahren Ehe – wo wir ja schon wissen, wie der andere IST.

Und dabei einander neu entdecken. Das Geige spielen, der Krippenbastelkurs, das Malen, die Fotografie. Hobbies alleine oder zu Zweit.
Da ist auch viel Hilflosigkeit unter den Paaren, denn der Anfang des Lebens war klar. Aber jetzt, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, wie geht es da weiter?
Und dann womöglich in dieser Haltung: Was gibt es schon noch Neues zu entdecken? Unterlegt mit dem Totschlagargument: „Das hat dich doch früher auch nicht interessiert!“

Blockieren wir uns nicht gegenseitig, sondern bereichern wir uns. Vielleicht mit dem Interesse für den anderen?
Stolz, gemeinsam etwas geschafft zu haben?
Traurig, aber einander tröstend, was nicht geworden ist.
Und es gibt mehr zu entdecken, als wir vermuten. Die Zeit ist zu schade, als dass wir uns die gegenseitigen Verletzungen heimzahlten. Manchmal braucht es auch in unseren Ehen einen Schuldenschnitt für einen Neuanfang. Unser Herrgott hat uns dazu gute Werkzeuge in die Hand gegeben, die wir nutzen sollten.

Endlich allein?!
Gott weiß sehr wohl, warum die Ordnungen des Lebens so sind, wie sie sind. Nur wir reiten bisweilen auf dem falschen Pferd und dann noch in die falsche Richtung.
Aber wenn wir Gott bitten und fragen, auch dann noch fragen, wenn wir schon groß und erwachsen sind und uns im Übergang vorfinden vom Vater zum Opa, wenn wir auch da Gott fragen: was steht an und was ist mein Weg, allein und zu Zweit – dann ist schon viel gewonnen.

Denn den zweiten Frühling gibt es auch für uns. Und wenn das Gefühl hoch kommt: „Jetzt ist das Leben an mir vorbeigerauscht!“ Dann habe ich zwei Möglichkeiten.
Dann kann ich mich grämen und ich beraube mich dabei selbst noch meiner Verdienste, weil ich es so bewerte, als ob es ALLES NICHTS gewesen wäre, was ich bisher gemacht habe.
Oder ich kann versöhnlich und versöhnt fragen: Was steht JETZT an? Was brauche ich? Was gibt mir Kraft? Wie können wir den Weg gemeinsam gehen.

Der Prophet Elia ging damals nach dem Kraftakt auf dem Karmel in die Wüste. Er legte sich nieder und wollte sterben. – Typisch Mann. Entweder voll leben oder dann gleich sterben.
Doch der Engel bringt ihm Wasser und Brot.
Zweimal sogar. Und Elia isst und trinkt. Sehr spartanisch, aber es hilft.
Und er bekommt Kraft und wandert 40 Tage und 40 Nächte durch die Wüste zum Berg Horeb, dem Gottesberg.
Und dort hat er eine Gottesbegegnung. Erstmals und einmalig.
Und vielleicht ist das der zweite Frühling?

Hape Kerkelings Leben hat sich verändert mit dem Jakobsweg und seinem wunderschönen Buch: Ich bin dann mal weg.

Und Elia sieht in seinem Leben wieder einen Sinn. Und er kommt seiner Aufgabe nach. Und vielleicht ist es nicht von ungefähr, dass man danach nicht mehr viel von ihm hört. Seine Blütezeit ist vorbei. Sein Nachfolger kommt in den Blick: Elisa. Doch das, was er war, das hat Bestand und wird bis heute erzählt.

Viel zu oft sind wir den alten Bildern verhaftet. Wir leben rückwärtsgewandt, als ob man Leben nachholen könnte. Dabei wartet vorne Gott auf uns und damit auch das Leben. Und dort gibt es noch so manches zu entdecken. Allein und zu Zweit.

Amen.

20150126

Martin Adel: Lichtzeiten einatmen

Predigt 25.01.2015 - Letzter Sonntag nach Epiphanias
Predigttext: Johannes 12,32-36


32 Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. 33 Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.
34 Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?
35 Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. 36 Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.

Liebe Gemeinde,
1. Ein interessanter Satz
Viele Themen wäre heute möglich zum Predigen, aber ich glaube, das ist der wichtigste Satz in unserem heutigen Predigtwort. In der Luther-Übersetzung ist er deshalb auch fett gedruckt. 36 Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.
Jesus weiß, dass es nicht nur Lichte-Zeiten gibt. Auch in unserem Leben gibt es dunkle Zeiten, finstere Tage, manchmal sogar Wochen oder ganze Jahre. Und für diese Zeiten bietet Gott uns seine Hilfe an.

2. Alles ist machbar?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir in unserem Land das vergessen haben. Die Friedenszeiten, der Fortschritt, die Technik haben uns sehr weit gebracht. Die Medizin vollbringt wahre Wunder. Mit Skype können wir umsonst in die entlegensten Teile der Welt Kontakt halten und demnächst werden die ersten Zivilpersonen in den Weltraum reisen.
Alles ist machbar – könnte der Slogan heißen.
Und dann treffen sie uns doch, die finsteren Zeiten des Lebens. Die Tochter meines Patenonkels ist letztes Jahr mit 32 Jahren an einer Hirnblutung ganz plötzlich verstorben. Eine Frau ist schwanger und bekommt die Diagnose, dass ihr schwer behindertes Kind, das sie austrägt, nur ein paar Tage leben wird. Der Schulfreund hat plötzlich Depressionen und wird mit 55 in den Vorruhestand geschickt.
Es ist eben nicht alles machbar, obwohl viel machbar ist. Und für die Situationen, die nicht machbar sind, haben wir oft keine Antworten mehr und keine Strategie. Und was übrig bleibt ist dann Frust und Tristes und Sorge und ein Kreislauf, der uns nach unten zieht.

3. Training für die dunklen Zeiten
Jesus sagt:
36 Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.
Er meint: Übt euch im Glauben ein, solange ihr ihn habt, denn indem ihr euch im Glauben übt, passiert etwas mit euch. Ihr verändert euch. In euch wächst etwas, so dass ihr Kinder des Lichts werdet, das euch zurüstet für die schwierigen Passagen des Lebens.
Das ist wie bei einem Bergsteiger. Nur wenn er trainiert, kann er auch die schwierigen Situationen im Berg meistern. Ja im Gegenteil, wenn er sich mit dem Bergsteigen auseinander setzt, dann wird er Ehrfurcht vor dem Berg bekommen und erst dann kann er auch die Risiken richtig einschätzen und sich auch auf das Unvorhergesehene vorbereiten. Und seine Ausrüstung wird er nun anders einpacken, bzw. er wird nicht mit den Stöckelschuhen auf der Zugspitze ankommen. Weil er sich vorbereitet hat.
Und ich frage: Warum sollte das im Glauben anders sein. 36 Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Im übrigen Leben sagen wir ja auch: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Und oft genug stimmt es leider.

4. Lichtzeiten nutzen
Wenn wir im Licht stehen, dann müssen wir üben für die finsteren Zeiten. In der Finsternis brauchen wir oft unsere ganze Kraft, um in der Finsternis nicht völlig unter zu gehen.
Im Urlaub erholen wir uns und tanken auf für die Belastungen des Berufsalltags. In der Freizeit sammeln wir Eindrücke, besuchen ein Museum oder ein Konzert, um die bunten, belebenden, inspirierenden Gedanken mit in den Alltag zu nehmen, neue Ideen zu bekommen und um etwas zum Erzählen zu haben. Lichtzeiten zum Aufatmen
In der Seelsorge, aber auch bei den Beerdigungsgesprächen steht am Anfang oft die Krise, das Problem, der Verlust, die Trauer, die Schrecken der Krankheit im Vordergrund. Sie sind das bestimmende Thema. Und das ist auch richtig so. Das muss raus, bevor wir selbst daran ersticken oder darin unter gehen.
Doch wenn es gelingt, im Verlauf des Gesprächs die Lichtzeiten des Lebens wieder in Erinnerung zu bringen, den inneren Raum für die eigenen Lichterfahrungen zu öffnen, dann beginnt oftmals ein Heilungsweg für unsere Seele. Und das Leben kommt wieder in Fluss, weil es nicht mehr eingeengt ist auf dieses Schwere, sondern in seiner ganzen Breite sichtbar wird, eben auch mit den guten Zeiten, die erfolgreichen, die kreativen Momente, die lebendigen Augenblicke. Und die beflügeln!
Die Finsternis drängt sich gern in den Vordergrund, vor allem, je älter wir werden, und sie lehrt uns das Fürchten und will dann allein über uns bestimmen. Und welche Kraft das Dunkle hat, da können viele von uns ein Lied davon singen. Und deshalb sagt Jesus: 36 Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.

5. Gottes liebevoller Blick
Liebe Gemeinde,
wir müssen die Lichtzeiten nutzen, und dazu gehören auch unsere Gottesdienste, damit wir Kraft haben für die dunklen Zeiten. Gott hat da einen liebevollen Blick auf uns. Und der ist mehr als nur gesund oder krank, jung oder alt, frisch oder müde, reich oder arm, Arbeit oder Freizeit – die Facetten sind viel reicher und Gottes Wege viel breiter, als wir uns vorstellen können. Doch wir müssen uns auch auf den Weg machen. Und nicht, damit Gott auch immer gut zu uns ist, sondern weil Gott liebevoll auf uns achtet und uns helfen möchte, auch in der Finsternis zu bestehen.
Und das können wir üben. Noch ein Beispiel: Wenn man frisch umgezogen ist, dann findet man am Anfang noch nicht einmal die Lichtschalter. Und im Dunkeln findet man sich gar nicht zurecht. Mit der Zeit aber hat man sich eingewohnt und wenn man abends ins Zimmer tritt geht die Hand von alleine an die richtige Stelle und sucht in der richtigen Höhe. Und wenn wir noch länger am gleichen Ort wohnen, dann benötigt man schon gar kein Licht mehr, wenn man z.B. nachts aufs Klo muss. Dann findet man den Weg sogar im Dunkeln, auch ohne Licht.

Und wir stellen das ja fest bei den Besuchen oder im Pflegeheim, wenn die Altersvergesslichkeit wächst oder die Demenz uns zunehmend entrückt. Plötzlich wird in aller Unruhe der Mensch ruhig oder kommt ins Weinen, wenn man zum Abschluss das Vaterunser betet oder eine bekannte Liedstrophe singt. Als ob tief ins uns etwas andocken würde an ganz frühe Zeiten und uns hineinwebt in das große Ganze Gottes.

6. Gottes Fürsorge im Gebot
Aus Fürsorge zu uns spricht Jesus diese Worte:
Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.
Wir sind eben keine Maschinen. Wir sind Menschen. Und Menschen leben vom Vertrauten und von dem, mit dem sie sich vertraut gemacht haben. Und deshalb ist es gut, dass wir dieses Wort hören, am Ende der Weihnachtszeit, weil es ein gutes Predigtwort für uns ist. Die Christbäume stehen noch, die Krippe leuchtet noch. Erinnerungen an das Licht Gottes unter uns.
Und Jesus verbindet absichtliche das Licht und die Finsternis, die Gemeinschaft mit ihm und der Hinweis auf die Erhöhung, auf den Abschied am Kreuz. Nutzen wir ihn im Lied, in der Musik, im Gebet, in der Bibellese, in dem lebendigen Kontakt mit ihm, in der Begegnung und Stärkung im Abendmahl.
Wir haben immer viel zu viel Angst vor Gott, dass er uns verändern könnte oder wir uns verbiegen müssten, damit er uns mag. Dabei weiß Gott, was wir brauchen.
Lassen wir ihn an uns wirken, damit er uns wandelt hin zu einem zufriedenen, hin zu einem gelingenden Leben, hin zu einem Leben in seinem Licht. Oder wie es hier heißt:
32 Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
Das gilt auch schon im Hier und Jetzt.

Amen